Wohin wir uns bewegen

Das Verhältnis der Menschen zur Mobilität verändert sich. Obwohl weltweit die Zahl der Autos in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen wird, setzen Städte immer stärker auf alternative Konzepte, und als Statussymbol hat das Auto wohl bald ausgedient. Wohin führt die Reise – und was ändert sich in Oberösterreich?

Indonesiens Hauptstadt Jakarta gilt als das weltweite Stau-Zentrum. Täglich pendeln mehr als 1,2 Millionen Menschen in die Metropole, verstopfte Straßen und gewaltige Staus sind die Folge, im Schnitt bewegen sich die Autos nur noch mit einer Geschwindigkeit von 19 Kilometern pro Stunde fort. „Jeden Tag werden 1000 Motorräder neu zugelassen, die sind wie Hornissen“, sagt Josef Ullmer, President Director der Andritz Hydro Indonesien, der seit vielen Jahren in der Stadt lebt und arbeitet. „Die Straße vom Flughafen rein in die Stadt ist manchmal wie ein Parkplatz“, sagt er, „es wurden mehr als zwölf Jahre keine Straßen gebaut, das spüren jetzt alle.“ Der Stadtverwaltung ist das Problem bewusst – bis 2018 soll eine 25 Kilometer lange unterirdische Schnellbahn Erleichterung bringen, dazu ist eine 87 Kilometer lange Ost-West Linie und eine zusätzliche S-Bahn geplant. Trotzdem: Die Stadt zeigt, wie man es nicht macht – nämlich sich erst mit den Problemen beschäftigen, wenn es schon (fast) zu spät ist. Mittlerweile leben mehr als 50 Prozent der Menschen in Städten, bis 2050 sollen es mehr als 70 Prozent sein.

Neue Herausforderungen

Die Ballungszentren stellt das vor Herausforderungen, überall wird an neuen Konzepten gearbeitet. Als Vorreiter gelten Städte wie Kopenhagen oder Amsterdam, die Radwege massiv ausgebaut und so den urbanen Raum entlastet haben. „Die Expansionsphase des Automobils, in dem dieses jeden Winkel unseres Lebens besetzte, geht zu Ende“, sagt Zukunftsforscher Matthias Horx, „Städte erfinden sich heute neu, in multimodaler Mobilität mit einem sehr viel höheren Anteil an Radfahrern und Fußgängern.“ Auch wenn momentan jeder davon spricht: Damit, dass intelligente, selbstfahrende Fahrzeuge in absehbarer Zeit relevant werden, rechnet er nicht. Diese ließen sich in der vom männlichen Fahrer geprägten Autofahr- Kultur kaum durchsetzen. „Längerfristig wird sich autonomes Fahren wohl eher wie im Konzept von Google durchsetzen“, sagt er. Das Unternehmen baut kleine, bis zu 40 Kilometer schnelle „Pods“, die gegen Taxis und Fahrräder konkurrieren sollen.

„Nach dem Vorbild der Fahrrad-Hauptstadt Kopenhagen werden wir beschleunigte Radhauptrouten, sogenannte Super-Cycle-Highways bauen.“

Reinhold EntholzerLandeshauptmann-Stv. und Verkehrs-Referent

Auch in der Luftfahrt wird wie beim Automobil die Integration von autonomen Systemen im Passagierverkehr diskutiert. „In den nächsten zehn bis 20 Jahren könnte das Realität werden“, sagt Holger Flühr, Institutsleiter für Luftfahrt an der Fachhochschule Joanneum in Graz.„Allerdings nur als Backup-System als Ergänzung zu den Piloten, damit im Notfall das Flugzeug auch vom Boden aus gelandet werden könnte“, sagt Flühr. Für komplett autonome Systeme gäbe es nicht die gesellschaftliche Akzeptanz. Abgesehen davon würde ein solches System nicht die allgemeinen Regeln der Luftfahrt erfüllen. Die Entwicklung komplett neuer Flugzeugmodelle bei den großen Herstellern sieht er nicht. „Es werden dafür die alten Modelle modernisiert, etwa durch den Austausch alter durch neue, modernere Triebwerke“. sagt er. Das helfe auch, um die politischen Einsparungsziele bei Emissionen oder Lärm eher zu erreichen.

Widersprüchliche Entwicklung im Luftverkehr

Die Anzahl der Passagierkilometer steigt währenddessen konstant und hat sich im Schnitt alle fünfzehn Jahre verdoppelt, zeigen Zahlen des Internationalen Luftfahrtverbandes IATA. Grund dafür ist vor allem der wachsende Markt in Schwellenländern wie Indien oder China. Laut einer Prognose des Flugzeugbauers Airbus werde es bis 2030 eine fünf Milliarden Menschen große Mittelschicht geben – und damit eine gewaltige Zielgruppe. Trotzdem gibt es eine auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung: Die Branche fliegt seit Jahrzehnten Verluste ein – ausgenommen einiger Linien wie Lufthansa oder Ryanair. Grund dafür ist ein massiver Preis- und Verdrängungswettkampf durch Billigfluglinien. Immer schwieriger wird es auch für regionale Flughäfen – die verlieren Kapazitäten an die großen. „Gerade in Österreich kommen immer wieder Diskussionen auf, ob die Regionalflughäfen wirtschaftlich profitabel sind“, sagt Flühr, „ich glaube schon, dass sie weiterhin für die lokale Wirtschaft eine große Rolle spielen können.“

„Keine Konkurrenzsituation“

Reinhold Entholzer, Verantwortlicher für den Öffentlichen Verkehr in der oberösterreichischen Landesregierung ist der Meinung, der Flughafen Linz werde auch für Charter-Flüge attraktiv bleiben. „Es war aber absehbar, dass die Anbindung der Bahn an den Flughafen Wien Schwechat bei einer Fahrzeit von einer Stunde und 47 Minuten ein unschlagbares Argument für die Schiene als Zubringer ist.“ Grundsätzlich sehe er mittelfristig aber keine Konkurrenzsituation, sondern ein Nebeneinander. Die AUA hatte zum Start der Zugverbindung zum Flughafen Wien fast alle Flüge von Linz nach Wien gestrichen. Nach fünf Monaten wird die Verbindung nun aber wieder deutlich verstärkt. Linz - Wien wird wieder 10 x pro Woche bedient.

Die Expansionsphase des Automobils, in dem dieses jeden Winkel unseres Lebens besetzte, geht zu Ende.“

Matthias HorxZukunftsforscher

Zurück auf den Boden. Auch in Linz gibt es (wie in Jakarta) einen hohen Anteil von Pendlern. 140.000 von ihnen fahren täglich mit dem Auto in die Stahlstadt, die Verkehrsbelastung ist seit Jahrzehnten eines der Hauptthemen in der Stadtpolitik. Nun soll die Situation mit dem Westring und einer vierten Donaubrücke entschärft werden – mit dieser Investition wird die Zeit der großen Straßenbauprojekte im Zentralraum aber zu einem Ende kommen. „Es fehlt schlicht und einfach der Platz für zusätzliche Straßen“, sagt Entholzer. Auch in Linz setzt man auf einen Ausbau der Öffis – bis 2018 wird eine zweite Straßenbahnachse gebaut, dazu kommt die StadtRegioTram von Linz bis Traun. Weiters will man ganz nach Kopenhager Vorbild so genannte Super-Cycle Highways bauen – beschleunigte Radhauptrouten.

Homeoffice statt Stau?

Horx empfiehlt den Ballungszentren mit vielen Pendlern vor allem eine Ursachenbekämpfung – also das Pendeln selbst. „Wir wissen aus vielen Studien, dass sehr lange Arbeitswege zur Arbeit unglücklich machen und unproduktiv sind. Arbeit lässt sich heute anders, dezentraler organisieren.“ Obwohl das Industriezeitalter zu Ende sei, wären viele Unternehmen immer noch der Meinung, dass das gleichzeitige Sitzen am Platz produktiv sei. Einige produktive Unternehmen hätten sich aber schon längst von der Idee verabschiedet. „Wenn man Arbeit flüssiger macht, verschwinden auch die Staus“, sagt Horx. Die Rush Hour, wo alle zur gleichen Zeit zum Arbeitsplatz strömen, sei völlig unnütz. „Man könne ja auch von 11 bis 20 Uhr arbeiten. Oder von 6 bis 14 Uhr. Und: „Wenn man nur jeden fünften Arbeitstag im Homeoffice zubringen würde, hätten die meisten Städte schon keinen großen Morgen-Stau mehr.“ Eingefahrene Gewohnheiten und Kontroll-Fixierungen würden uns in die Mobilitätsmühle zwingen._

"Die Integration von autonomen Systemen im Passagierverkehr könnte Realität werden – für komplett autonome Systeme gibt es aber noch keine Akzeptanz."

Holger FlührInstitutsleiter für Luftfahrt an der FH Joanneum Graz

Der Weg in die Zukunft


Interview mit Reinhold Entholzer, Landeshauptmann-Stellvertreter und Verkehrs-Referent der oberösterreichischen Landesregierung

Die Expansionsphase des Automobils geht langsam zu Ende, prophezeien Zukunftsforscher. Städte würden sich neu erfinden – in multi-modaler Mobilität mit einem sehr viel höheren Anteil von Fahrrädern und Fußgängern. Erfindet sich Oberösterreich und Linz auch neu?

Dieser Trend wird auch von mir wahrgenommen, besonders wenn ich mit jungen Menschen rede, für die das Auto im Unterschied zu meiner Generation längst kein Statussymbol mehr ist. Mein Ressort stellt auf Basis eines Gesamtverkehrskonzeptes für Oberösterreich schon heute die Weichen für die Mobilität von morgen. Das Rückgrat des Konzepts bildet ein gut ausgebautes öffentliches Schienenverkehrsnetz. Die Multi-Modalität garantieren wir mit Park und Ride Standorten an den Hauptverkehrsachsen.

Linz ist bisher nicht gerade als fahrradfreundliche Stadt bekannt – sind auch in diesem Bereich neue Schritte geplant?

Nach dem Vorbild der Fahrrad-Hauptstadt Kopenhagen werden wir beschleunigte Radhauptrouten, sogenannte Super-Cycle Highways bauen. Die Vernetzung zwischen Radverkehr und öffentlichen Verkehrsangeboten garantieren wir mit Abstellplätzen an den Haltestellen. Ein entsprechendes Pilotprojekt setzen wir im Zuge der Errichtung der StadtRegioTram Linz – Leonding – Pasching – Traun um.

Durch Konzepte wie Car-Sharing, einer City-Maut oder Umwelt-Steuern wird vielerorts in Europa schon versucht, zumindest kurzfristig die Autozahlen zu verringern. Gibt es da in Oberösterreich auch diese Motivation, oder will man einen anderen Weg gehen?

Viele Menschen, besonders in ländlicheren Regionen Oberösterreichs, sind nach wie vor auf ein Auto angewiesen. Ich halte daher nichts davon, das Autofahren künstlich zu verteuern. Stattdessen wollen wir ein gut ausgebautes ÖV-Angebot schaffen. In Sachen Car-Sharing gibt es noch viel Potential, das durch moderne technische Möglichkeiten heute viel leichter gehoben werden kann, als noch vor wenigen Jahren. Jedes Auto steht den Großteil des Tages ungenützt herum. Da ist es also nur sinnvoll, Möglichkeiten zu einer gemeinschaftlichen Nutzung zu forcieren.

Stichwort Zukunft Schiene – Straßenbahnen, Citytram, Zug – welche Aspekte finden Sie am wichtigsten, was den Ausbau betrifft? Was gehört geändert oder umgesetzt?

Wir wissen aus Erfahrungen, dass der öffentliche Schienenverkehr von den Fahrgästen besser angenommen wird als vergleichbare Busverkehrskonzepte. Wichtig ist es, eine Vernetzung zu schaffen – das beginnt bei einem abgestimmten Taktfahrplan und endet bei baulichen Maßnahmen um die notwendigen Umstiege so gering wie möglich zu halten. Im Großraum Linz soll ab Dezember 2016 eine S- Bahn verkehren, die in den Hauptverkehrszeiten eine wichtige Zubringer–Rolle im Zentralraum übernehmen wird. Die Feinverteilung im städtischen Bereich kann durch die zweite Straßenbahnachse enorm verbessert werden.

Wie kommen Sie eigentlich selbst täglich ins Büro?

Bevor ich Mitglied der Landesregierung wurde, bin ich täglich mit dem Auto von Peuerbach bis nach Neumarkt Kallham gefahren, habe mein Auto dort in der Park and Ride Anlage abgestellt und bin dann mit dem Zug nach Linz gependelt. Meine derzeitige Aufgabe sieht sehr viele Auswärtstermine im ganzen Land vor - da bin ich auf den PKW angewiesen.

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