„Der Antrieb, zu helfen, hat sich tief eingeprägt“

Ein Airbag, der Kinder vor dem Ertrinken retten soll, in Prothesen integrierte Sensoren und digitale Blasmusiklehrer:innen: einige der spannendsten Startups des Landes im Überblick. Eines haben alle gemeinsam – derzeit sind sie auf der Suche nach Investor:innen, um das weitere Wachstum zu beschleunigen.

Airmate

Jährlich ertrinken in Europa ungefähr 2.530 Kinder – es ist eine der häufigsten Todesursachen im Kleinkindalter. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit kann tödlich enden. Christopher Brummayer und Melissa Leibetseder wollen das mit ihrem Startup Airmate ändern. Derzeit entwickeln sie ein Produkt, das bald Leben retten soll. „Der Airmate wird ein bequemes Kinder-T-Shirt mit integrierten Schwimmkörpern, die sich automatisch aufblasen, wenn das Kind mehr als zehn Zentimeter unter Wasser ist“, erklärt Brummayer. Das funktioniert mit einer chemischen Reaktion, die durch den Wasserdruck ausgelöst wird – sie wurde von Leibetseder entwickelt, die vor Kurzem ihr Masterstudium in Chemistry and Chemical Technology absolvierte. Brummayer feilt an der technischen Umsetzung und Mechanik. „Die Idee ist mir während eines Projekts für mein Innovations- und Produktmanagement-Studium gekommen. Als ich gesehen habe, dass es keine zufriedenstellenden technischen Lösungen dazu gibt, habe ich mich selbst drangesetzt“, sagt er. Der erste Kon-struktionsversuch eines Prototyps scheiterte aber. „Ich wollte als Auslöser für die Schwimmkörper eine mechanische Feder verwenden, das hat nicht funktioniert“, erinnert er sich.

In der Gründungsphase habe besonders der Inkubator tech2b geholfen. „Wir sind in das damalige Pre-Scale-up-Programm gekommen und hatten einen Mentor, der uns durch die einzelnen Gründungsschritte begleitet hat“, sagt Brummayer. Der vielleicht wichtigste Rat: Zuerst den Fokus auf das Patent legen. „Ansonsten hätten wir das Risiko gehabt, dass Geschäftspartner:innen das Potential der Erfindung sehen und uns kopieren“, sagt der

Gründer. Der Airmate gleicht mit seinem Mechanismus eher einem integrierten Airbag als einer Schwimmweste. Die Teilkomponenten funktionieren bereits alle, jetzt muss noch der gesamtheitliche Proof of Concept abgeschlossen werden. Danach muss die Produktion von 3D-Druck in Spritzguss umgelagert werden. „In den nächsten Monaten planen wir eine Kickstarter-Kampagne, bei der Kundinnen und Kunden vorbestellen können. Starten soll der Release des Produkts kurz vor der Badesaison 2024“, erzählt Leibetseder. Zusätzlich ist man derzeit auf Investorensuche.

Die zukünftige Produktion des Airmates soll hochskalierbar sein. „Unser langfristiges Ziel ist es, und das meine ich ganz ernst, dass wir unser Produkt weltweit günstig anbieten können, damit global viel weniger Kinder ertrinken“, sagt Brummayer. Der positive Nutzen der Erfindung sei für die beiden ein besonderer zusätzlicher Antrieb. „Wir arbeiten beide nebenbei bei der Freiwilligen Feuerwehr, auch darum hat sich der Antrieb, zu helfen, bei uns tief eingeprägt“, erklärt der Gründer.

Wir wollen weltweit Kinder vor dem Ertrinken retten.

Christopher Brummayer Gründer, Airmate

Sendance

Sendance ist ein Spin-off des LIT Soft Materials Lab an der JKU Linz. „Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Technologie zur Integration von Sensoren durch Strukturanpassung und Durchlässigkeit vorangetrieben haben, konnten aufgrund auslaufender Verträge nicht länger am Institut bleiben. Damit die Ergebnisse nicht verloren gehen, entstand die Idee, die Forschungsideen mit einem Startup zu verwerten“, sagt Robert Koeppe, Geschäftsführer von Sendance. Er gründete bereits 2009 ein Unternehmen, das 2014 von einem Industriekonzern übernommen wurde – und wurde auch aufgrund seiner Erfahrung für seine Position ausgewählt. „Wie das so ist mit dem Firmengründen: Man wird gefragt, ob man etwas übers Gründen erzählen kann, und wenn man nicht aufpasst, ist man im Handumdrehen Geschäftsführer“, sagt Koeppe und lacht.

Der USP von Sendance liegt in der Integration von Sensoren in Bereiche, wo dies bisher nicht sinnvoll möglich war. „Wir haben eine Technologie entwickelt, mit der man Sensoren und andere elektronische Elemente flexibel in individuell geformte Objekte einbauen kann“, erklärt der Gründer. Der Anwendungsbereich: die Orthopädie, wo Prothesen und andere stützende Objekte einzeln angefertigt werden. Mittels der eingebauten Sensoren kann der Gesundheitszustand der Patient:innen besser überwacht werden – etwaige Druckstellen lassen sich erkennen, bevor Probleme wie chronische Wunden entstehen. So sinkt auch der Aufwand für Orthopädietechniker:innen. Seit einem Jahr wird das Konzept entwickelt, nun soll es in Zusammenarbeit mit Kunden getestet werden. „Wir hatten ein extrem gutes Feedback von potentiellen Kunden auf der Orthopädietechnik-Messe in Leipzig, wo wir unsere Technologie zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt haben“, sagt Koeppe.

Noch heuer starten Pilotstudien mit Sensoren in Schuheinlagen oder Einlagensohlen, im Laufe des kommenden Jahres wird es zu weiteren Produkteinführungen kommen. „Unser Ziel ist es, gemeinsam mit großen Herstellern in der Orthopädietechnik Hilfsmittel auf den Markt zu bringen, die großflächig zum Einsatz kommen“, sagt Koeppe.

Derzeit wird gerade die erste Finanzierungsrunde zusammengestellt, man ist auf der Suche nach privaten Investor:innen. Die langfristige Vision des Startups geht über die reine Einbettung von Sensoren hinaus. „Wir wollen Möglichkeiten schaffen, Elektronik in individuell gefertigte Produkte einzufügen – als Alternative zur Massenproduktion von Standardprodukten“, erklärt Koeppe. >

Mit unserer Technologie kann man Sensoren in individuell geformte Objekte einbauen.

Robert Koeppe Geschäftsführer, Sendance

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