Die Kunststoff-Flüsterin

Vom Plastiksackerl bis zur Flugzeugkabine. Kaum ein Material wird so vielseitig eingesetzt und so kontrovers betrachtet wie Kunststoff. Die steirische Forscherin Anja Gosch hat das Material über seine Belastungsgrenze hinaus getestet und herausgefunden, wie man die Lebensdauer von Kunststoffelementen erhöhen kann. Im Gespräch mit der preisgekrönten Absolventin der Montanuniversität Leoben über Traumkunststoffe, Risse und warum es einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit dem flexiblen Material braucht.

Es war der pure Zufall, der Anja Gosch zum Thema Plastik brachte. Nach drei Tagen HLW wusste sie, sie war am falschen Ort gelandet, und suchte eilig nach einer Alternative. Die technikinteressierte Schülerin fand diese in der HTL Kapfenberg. Dort war noch ein Platz frei, allerdings nicht bei Maschinenbau, was ihre erste Wahl gewesen wäre, sondern in der Kunststofftechnik. Der Zufall erwies sich als Glückstreffer. Nach der HTL wechselte sie an die Montanuniversität Leoben.

Kunststoffe und Plastik werden im Allgemeinen eher negativ und problembehaftet gesehen. Was macht dieses Fachgebiet für Sie als Forscherin so besonders?

Anja GoschIch sehe einen dringenden Aufholbedarf in unserem täglichen Umgang damit. Man denke nur an Mikroplastik oder Plastikmüll in der Landschaft – das sind ernste Themen, die gelöst werden müssen. Denn der Kunststoff an sich ist wandelbar, er kann simpel oder komplex sein – je nach Anwendungsgebiet. Er steckt nicht nur im Handy oder im billigen Plastiksackerl, sondern auch im Abwasserrohr, das 50 Jahre hält.

Sie haben sich während des Studiums auf Werkstoffprüfung spezialisiert und Ihre Dissertation zur Bruchmechanik geschrieben. Warum war es dieser Aspekt, der Sie interessiert hat?

Anja GoschWeil die Langlebigkeit von Kunststoffkomponenten so wichtig ist! Entsteht zum Beispiel in einem kleinen Element, wie einem Zahnrad, ein Riss, ist irgendwann die Traglast nicht mehr gegeben und das System bricht zusammen. Auch ein Riss in einem Abwasserrohr ist lange nicht zu sehen, dann beginnt er zu wachsen und auf einmal ist überall Wasser – um es plakativ auszudrücken. Ein einzelner Riss ist nicht gefährlich, das Risswachstum jedoch schon. Das habe ich im Studium getestet und erforscht: Unter welchen Kräften und Lasten beginnt der Riss bei unterschiedlichen Kunststofftypen zu wachsen? Manche brechen extrem spröde, andere sind zäher und elastischer. Mit diesen Erkenntnissen lassen sich Kunststoffe noch langlebiger, nachhaltiger und besser konstruieren und sogar zu neuen „Traumkunststoffen“ zusammenstellen, indem man die besten Eigenschaften verbindet. Das hat mich fasziniert.

Noch sind Frauen in der technischen Forschung unterrepräsentiert. Was waren Ihre Erfahrungen in der Ausbildung?

Anja GoschIch habe nie das Gefühl gehabt, irgendwo extrem bevorzugt oder benachteiligt zu werden. Die Technik ist bereit für Frauen. Und eine Durchmischung sorgt für ein gutes Klima im Team. Die Studienzeit war eine sehr gute Erfahrung für mich, meine Mitstudent:innen sind zu Freund:innen geworden und es war ein Privileg, sich in einer „Forschungs-Bubble“ voll auf sein gewähltes Thema konzentrieren zu können. Ich kann nur allen jungen Frauen Mut machen, sich die unterschiedlichen Bereiche der Technik näher anzusehen.

Man muss sich der Wertigkeit des Kunststoffes wieder bewusst werden.

Anja Gosch Absolventin, Montanuniversität Leoben

Anja Gosch / Absolventin Kunststofftechnik an der Montanuniversität Leoben, Preisträgerin des Wilfried-Ensinger-Preises und ZwickRoell Science Awards 2021, derzeit tätig in der Materialqualifizierung bei Takeda, Linz

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