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 Von zu frechen Fragen zum CEO
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Von zu frechen Fragen zum CEO

24. Juni 2026

Eigentlich wollte er Förster werden. Heute führt Reinhard Schwendtbauer die größte regionale Landesbank Österreichs und damit die fünftgrößte Bank der Republik. Wir reisen mit ihm durch die Lebensphasen, die ihn zu dem Mann gemacht haben, der er heute ist: der Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Und finden heraus, warum es genau diese Perspektivenwechsel sind, die es braucht, wenn man das große Ganze sehen will.

Linz, Europaplatz 1a. Im dritten Stock: ein Büro, das vor Geschichte nur so strotzt. Denn an diesem Schreibtisch saß schon Ludwig Scharinger, der hier 1997 zu einem Studenten mit zu frechen Fragen sagte: „Du wirst mein Sekretär.“ Der Student wollte eigentlich Steuerberater werden. Aus dem Steuerberater wurde aber ein Banker, später Unternehmer und Beteiligungsvorstand. Und aus dem Beteiligungsvorstand dann eben jener CEO, der uns heute gegenübersitzt. Das Büro ist dasselbe. „Die Möbel waren ein bisschen anders“, sagt Reinhard Schwendtbauer und lacht, „aber ansonsten …“. Manchmal fängt eben alles damit an, dass man die richtigen Fragen stellt. Genau dafür waren auch wir zu Besuch. Ein Interview in fünf Akten.

Dort die Perspektiven zu wechseln, wo es möglich ist – das kann ich jedem raten.
Reinhard Schwendtbauer
Generaldirektor, Raiffeisenlandesbank OÖ

AKT 1 | Der Schüler

Bevor jemand Entscheidungen über Milliardensummen trifft, hat er irgendwo das Entscheiden gelernt. Wir beginnen daher in der Kindheit, in der Schule, in den ersten Momenten, in denen sich ein Charakter formt. Aufgewachsen ist Schwendtbauer in einem Forstgut im beschaulichen Kirchdorf an der Krems. Kaum verwunderlich also, dass der leidenschaftliche Jäger ursprünglich einmal Förster werden wollte. An eine höhere Schule, die Matura oder gar eine Karriere an der Spitze einer Institution mit Bilanzsumme in zweistelliger Milliardenhöhe wagt er zu dieser Zeit nicht mal im Traum zu denken. „Es war meine Volksschullehrerin, die hartnäckig blieb und meine Eltern schließlich überzeugte, mich aufs Gymnasium zu schicken“, erinnert er sich. „Weil sie gesehen hat, dass die schulische Leistung stimmt.“ 

Eine Bemühung, die sein Leben nicht nur auf eine Weise verändert hat. Denn für Schwendtbauer war das der erste Beweis: Wer etwas leistet, bekommt etwas zurück. Es ist zwar weder ein Erfolgsrezept noch eine Garantie, aber ein Prinzip, das geblieben ist. „Für mich war das der Start.“ Nach der Matura widmet er sich dem Studium der Betriebswirtschaft in Linz. Der neue Plan: Steuerberater statt Förster. Wer Schwendtbauer heute trifft – ruhig, präzise, mit dem Selbstbewusstsein eines Menschen, der genau weiß, wo er steht –, würde vermuten: Es gab einen fixen Karriereplan, den er spätestens ab diesem Zeitpunkt verfolgte. Doch dank seines Auftritts bei einer Veranstaltung an der JKU sollte alles anders kommen.

AKT 2 | Die Lehrjahre

„Ich kann mich noch gut an den Abend erinnern. Es war eine Diskussionsrunde, die ich als Studentenvertreter moderiert habe.“ Im Publikum als Wirtschaftsvertreter: Ludwig Scharinger, der damalige Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ. Diesem stellte der junge Schwendtbauer einige freche Fragen – etwa, ob so viel Macht nicht korrumpiere. Zu frech für das Empfinden seiner Kommilitonen. „Spinnst du? Du wirst in Oberösterreich nie etwas werden“, attestierten ihm einige Weggefährten im Anschluss. Schwendtbauer selbst nahm es gelassen. Zunächst.

„Bis zwei Wochen später unser Festnetztelefon zu Hause klingelte.“ Am anderen Ende der Leitung: die Assistentin, die ihn zum persönlichen Termin mit ihrem Generaldirektor bat. „Gleich am nächsten Morgen bin ich hergekommen.“ Und so stand Schwendtbauer schon vor knapp 30 Jahren vor der Tür seines heutigen Büros – nur damals in voller Erwartung einer „richtigen Watschn“ für seinen Auftritt. Sein Gegenüber hatte jedoch andere Pläne mit ihm: „Du wirst mein Sekretär.“ Kein Fragezeichen, kein Wenn und Aber. „Scharinger in seiner unnachahmlichen Weise eben.“ Schwendtbauer schmunzelt. 

Was folgte, war keine Karriere im klassischen Sinn. Vielmehr war es eine Schule. Mit „zarten“ 25 Jahren Projektleiter bei der Beteiligung an der HYPO Salzburg. Mit 26 der jüngste Prokurist in der Unternehmensgeschichte. Leiter des Marketings, Projekte, Entscheidungen, Verantwortung – vieles auf einmal. „Das merkt man gar nicht sofort. Man realisiert oft erst Jahre später die Dimension und was es einem gebracht hat.“ Und man lerne aus dem Beobachten von Dynamiken, die in keinem Lehrbuch stehen. Dazu gehörte auch, zu spüren, wo man selbst anders entschieden hätte. „Bei kleineren Entscheidungen, nicht bei den großen.“ Die große Linie – die gab sein Förderer vor. Aber darunter: Spielraum und Verantwortung. „Er hat jede Menge Vertrauen in viele junge Menschen gesetzt.“ Bis heute teilt Schwendtbauer die Philosophie, das große Ganze im Blick zu haben. „Diese Gesamtheit zu sehen, das ist für mich das Wichtigste.“

AKT 3 | Der Perspektivenwechsel

Ganz wesentlich sei dafür das Zusammenspiel verschiedener und immer neuer Blickwinkel, so der CEO. „Dort die Perspektiven zu wechseln und neue Blickwinkel einzunehmen, wo es möglich ist – das kann ich jedem raten.“ In seinem Fall bedeutete das etwa, dass ihn sein Weg für zwei Jahre nach Wien ins Kabinett des ehemaligen Landwirtschaftsministers Wilhelm Molterer führte, den er bei Budgetverhandlungen unterstützte. Und dabei das Innenleben der Republik kennenlernte und Freundschaften schloss, die bis heute halten. „Ich möchte niemals missen, einmal dieses Gefüge von innen gesehen und verstanden zu haben.“ Die Liebe zu seiner Frau holt ihn anschließend wieder nach Oberösterreich und dort vor eine Entscheidung: zurück in die Bank oder rein in eine ganz neue Erfahrung?

„Gemeinsam mit drei ehemaligen Unternehmensberatern aus der Schweiz und einem Linzer Kollegen habe ich mich dazu entschieden, eine Unternehmensberatung aufzuziehen.“ Diese Selbstständigkeit habe er als hochspannend empfunden, „die Zeit hat mich geprägt“. Für ihn war es rückblickend eine der wichtigsten Entscheidungen – „wenn du selbstständig bist und nichts arbeitest, dann landet für gewöhnlich auch nichts auf dem Konto. Sprich, du bist viel direkter auf deine Kunden angewiesen“, so Schwendtbauer, der kurz innehält. „Ja, die ersten zwei, drei Jahre waren hart.“ Dranzubleiben hat sich gelohnt. Zehn Jahre später: 58 Mitarbeiter in fünf Ländern. Und das Angebot, in die Bank zurückzukehren – direkt in die Vorstandsetage.

AKT 4 | Zurück zu den Wurzeln

So wird er 2012 als Beteiligungsvorstand an seine alte Wirkungsstätte berufen, wo er die Strukturen neu ordnet und das Portfolio strategisch erweitert. Heute hält die RLB OÖ rund 350 Beteiligungen. Das ist nicht nur eine Zahl, dahinter stecken 350 Geschichten: etwa die der Salinen Austria, die einst fast nach Frankreich verkauft worden wäre. Die der voestalpine, bei der man gemeinsam mit der Mitarbeiterstiftung die Sperrminorität hält. Vivatis, der größte Lebensmittelkonzern Österreichs. Die AMAG. Und zuletzt Rosenbauer. Der Feuerwehrausstatter, der „ansonsten ins Ausland verkauft worden wäre“ – und so in österreichischer Hand geblieben ist. Das Prinzip dahinter ist einfach und gilt nach wie vor: Die Entscheidungshoheit für wichtige Unternehmen soll in der Region bleiben. „Alles, was wir tun, müssen wir davor verantworten, dass unsere Nachfolger daran gemessen werden. Damit dürfen wir nicht leichtfertig umgehen.“ Auch wenn ein Familienunternehmen keinen Nachfolger hat. „Dann steigen wir als Investor mit ein, begleiten den Übergang, geben dem neuen Eigentümer Zeit, sich die Firma zu erarbeiten.“ Wer so denkt, denkt in Generationen, nicht in Quartalen.

Ich habe früh gelernt: Wer etwas leistet, bekommt etwas zurück.
Reinhard Schwendtbauer
Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ

AKT 5 | Eine neue Ära

Als wir Schwendtbauer schließlich auf sein inzwischen erstes Jahr als Generaldirektor ansprechen, geht es vor allem um durchdachte Weiterentwicklung: „Wir brauchen keine Revolution. Wir brauchen laufende Evolution.“ Es ist die nüchterne Analyse eines Menschen, der eine Institution mit jahrzehntelanger Erfolgsstory übernommen hat – und weiß, dass man so etwas nicht auf den Kopf stellt, sondern strategisch weiterentwickelt. Auf vielen Ebenen wurden Dinge ins Rollen gebracht: die Strategie geschärft, eine engere Zusammenarbeit zwischen den oberösterreichischen Raiffeisenbanken forciert und der klare Anspruch bekräftigt, die „unternehmerischste Bank“ des Landes zu sein. Soll heißen: sowohl für Kunden und Beteiligungen als auch im eigenen Handeln.

Für Schwendtbauer sind dabei die 63 Raiffeisenbanken in Oberösterreich ein echter Wettbewerbsvorteil. „Sie alle arbeiten unternehmerisch und sind stark in der Region verwurzelt.“ Jede von ihnen trage Verantwortung, die man nicht delegieren kann, kenne ihre Kunden, ihre Gemeinde, ihre Realität. „Das erzeugt ein Quäntchen mehr Feuer, mehr Kraft als bei so manchem Mitbewerber.“ Und selbst wenn sich die Welt schneller als je zuvor auch in der Finanzbranche verändert – Stichwort Neobanken, Künstliche Intelligenz, digitale Plattformen –, sieht er darin keinen Widerspruch zur eigenen Stärke. „Wir müssen beides abbilden.“ Die persönliche Nähe vor Ort und die digitale Kompetenz, die längst aufgebaut ist, aber noch stärker werden muss. Bei der digitalen Transformation brauche es eigene Antworten, „wie bei unserem Mein ELBA Onlinebanking, das damals in Oberösterreich entwickelt wurde“.

Speziell bei der Künstlichen Intelligenz setzt man daher weniger auf externe Beratung, stattdessen auf „KI-Enthusiasten“ aus den eigenen Reihen. „Diese bilden wir so aus, dass sie zu Vorreitern werden und am besten verstehen, in welchem Bereich im Haus KI wie am meisten nützt. Aus Betroffenen Beteiligte machen, wenn man so will.“ Ein Prinzip, das sich in gewisser Weise auch durch sein Leben zieht. Der Bub vom Forstgut, den eine Lehrerin zum Übertritt ins Gymnasium überredete. Der Student mit den frechen Fragen, der ins Büro des Generaldirektors gebeten wurde. Der Berater, der lieber selbst etwas aufbaute. Immer wieder derjenige, der von außen hineingeholt wurde und dann mitgestaltete. Jetzt sitzt er selbst auf der anderen Seite des Schreibtischs. Und wenn man ihn fragt, wie sich der Reinhard Schwendtbauer, der abends nach Hause kommt, von dem hier unterscheidet, überlegt er einen Moment. Dann muss er lachen und antwortet trocken: „Im Büro kann ich mehr entscheiden.“_

Redaktion

  • David Bauer

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Roland Wimmer

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