Familienunternehmen – ein Auslaufmodell?

„Da würden wir widersprechen“, antworten Heiko Kleve und Tobias Köllner überzeugt. Für die beiden Soziologen steht fest: Dank traditioneller Werte, Leidenschaft und ihrer Flexibilität blicken Familienunternehmen vielversprechenden Zukunfts-perspektiven entgegen.

Die Jungen kommen, die Alten gehen. Das ist der übliche Lauf der Dinge im (Berufs-)Leben. Trotzdem beschleicht viele das Gefühl eines brodelnden Generationenkonflikts, gar einer Zeitenwende. Denn mit den Millennials sowie der Gen Z auf der einen und den Babyboomern auf der anderen Seite treffen gefühlt Welten aufeinander. Für Heiko Kleve, Sozialwissenschaftler und akademischer Direktor des WIFU, und Tobias Köllner, Sozialwissenschaftler und Projektleiter am WIFU, ist das aber kein Grund zur Sorge.

Im Gegenteil: Sie sehen darin eine große Chance, Bewährtes zu würdigen und weiterzuführen und sich zugleich weiterzuentwickeln oder Innovationen zu schaffen. Für die Experten ist es gang und gäbe, wenn sich grundverschiedene Generationen in Nachfolgeprozessen begegnen. Beide Welten kommen also zusammen und verbinden sich. „Diese Konfrontation von traditioneller und innovativer Orientierung sowie die konstruktive Bearbeitung dieser sind eine zentrale Voraussetzung für den Erfolg von Familienunternehmen. Diese Unternehmen leben nämlich von Transgenerationalität, davon also, dass der Übergang von den Alten an die Jungen gelingt“, betont Kleve. Ein Gespräch über das Zukunftsmodell Familienunternehmen.

Vor allem junge Menschen verspüren das Bedürfnis, ihr Berufs- und Privatleben wieder strikter zu trennen. Sind Familienunternehmen ein Auslaufmodell?

Tobias KöllnerGerade die Coronakrise mit Homeoffice und digitalisierten Formen des mobilen Zusammenarbeitens hat die Orte des privaten und beruflichen Lebens verbunden. Das stellt neue Ansprüche an die Menschen. Was örtlich nicht mehr so strikt getrennt ist, das muss nun zeitlich und sachlich jeweils neu differenziert werden. Familienunternehmer:innen kennen diese Herausforderung seit jeher und finden immer wieder kreative Lösungen.

Heiko KleveDaher haben sie diesbezüglich sogar einen gewissen Vorteil. Zudem sind diese Unternehmen stark von nicht-finanziellen Werten wie Sinnhaftigkeit des Tuns und Engagement für die eigenen leidenschaftlichen Überzeugungen geprägt. Purpose, wonach junge Menschen heute in der Berufswelt streben, war und ist in Familienunternehmen bereits seit jeher Thema. In einigen Aspekten erinnert das vielmehr an eine Startup-Kultur und ist daher vollkommen zeitgemäß.

Der Unterschied zwischen Familienunternehmen und anderen Unternehmensformen liegt vor allem in der Unternehmerfamilie, die dahintersteht. Welche Vorteile entstehen daraus?

Heiko KleveDer größte soziale, familiäre und wirtschaftliche Vorteil ist die Transgenerationalität, also die auf langfristigen Erhalt des Unternehmens ausgerichtete Intention der Unternehmerfamilie. Auch hier werden wir mit einem Konzept konfrontiert, das heute in aller Munde ist, das aber Familienunternehmen schon immer zu realisieren versuchen: Nachhaltigkeit. Solche Unternehmen suchen nicht den schnellen Gewinn, das schnell verdiente Geld, sondern den zukunftsorientierten Bestand und freilich auch das „gesunde“ Wachstum des Unternehmens. Unser Kollege Tom Rüsen nennt das „enkelfähig wirtschaften“.

Das Unternehmen wird ein Stück der eigenen Identität, nicht nur eine Einkommensquelle.

Tobias Köllner Sozialwissenschaftler und Projektleiter, WIFU

Tobias KöllnerDarüber hinaus gibt es zahlreiche Ressourcen, die von der Unternehmerfamilie gestellt werden, wie etwa engagierte Führungspersönlichkeiten oder Mitarbeiter:innen oder die Bereitschaft, im Ernstfall auf Ansprüche zu verzichten.

Ein Großteil aller Unternehmen ist familiengeführt, vor allem in Krisenzeiten erweist sich das Modell historisch als Erfolgskonzept. Woran liegt das?

Heiko KleveDas liegt überwiegend tatsächlich an der Unternehmerfamilie, genauer: an der Verbindung aus Eigentum und Verantwortung. Wer als Eigentümerfamilie die Konsequenzen des Entscheidens und Handelns auch selbst verantworten muss, versucht in ganzheitlicher Weise vorzugehen –

ist also mit allen möglichen Lebensaspekten mit dem Unternehmen verbunden. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Vernunft, sondern eben auch um Gefühle und die sensible Reflexion der möglichen Effekte, die das eigene Handeln zeitigen kann und die dann zu verantworten sind.

Tobias KöllnerAuch die bereits angesprochene Bereitschaft ist wichtig, sich gerade in solchen Krisensituationen noch stärker zu engagieren und alles für den Erhalt des Unternehmens zu tun. Das hat zum Teil auch damit zu tun, dass das Unternehmen ein Stück der eigenen Identität ist und nicht nur eine Einkommensquelle.

Werden Unternehmerfamilien durch ihr gesellschaftliches Umfeld beeinflusst?

Tobias KöllnerJa, wie alle Familien sind auch Unternehmerfamilien von der gesellschaftlichen Umwelt beeinflusst. So sind hier etwa sozialer Wandel wie die zunehmende Individualisierung der Lebensläufe und die Pluralisierung der Lebenswelten genauso relevant wie die Veränderung der Geschlechterverhältnisse. Dadurch versteht sich vieles nicht mehr von selbst, etwa die Übertragung der Nachfolge. Daher sind Unternehmerfamilien gut beraten, wenn sie die Frage, wie die Lebensentwürfe der einzelnen Familienmitglieder mit den Zielen der gesamten Familie und den ökonomischen Erfordernissen des Unternehmens zusammenpassen und zukunftsorientiert zusammengeführt werden können, nicht dem Selbstlauf überlassen.

Familienunternehmen suchen nicht das schnelle Geld, sondern den zukunftsorientierten Bestand.

Heiko Kleve Sozialwissenschaftler und akademischer Direktor, WIFU

Heiko KleveDiesbezüglich bietet es sich an, dass auch Strategieentwicklung betrieben wird, dass diese Familien sich gewissermaßen professionalisieren, um etwa eine Familienverfassung zu entwickeln. Das ist eine gemeinsame Basis für alles, was die Verantwortung für die Gestaltung der Schnittstelle von Familie und Unternehmen ausmacht. Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Zudem zeigt sich, dass ein solcher Familienstrategieprozess, wenn er gut moderiert wird, die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern sowie zwischen diesen und dem Unternehmen stärkt und die Kommunikationsfähigkeit der Beteiligten nachhaltig verbessert._

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