„Manchmal sind Klischees auch gut“

Auch im Informationszeitalter kämpfen zahlreiche Berufe oder Branchen mit Klischees, die sich oft seit Jahrzehnten hartnäckig halten. Wir nehmen einige der gängigsten Vorurteile unter die Lupe – und klären auf.

Industriebranche

Welt retten statt Hochofen

Schweißgetränkt und mit rußverschmiertem Gesicht am Hochofen schuften oder stundenlange eintönige Fließbandarbeit – einige Menschen verbinden diese Klischees mit einer Karriere in der Industriebranche. „Tatsächlich ist die Realität aber eine ganz andere“, sagt Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Oberösterreich. Die Industrie biete sehr vielfältige und technologisch spannende Jobs. Haindl-Grutsch: „In der Industrie gibt es mit Sicherheit mehr Abwechslung als in jedem anderen Wirtschaftssegment.“ Die Industriebetriebe sind in der Regel deutlich größer als der Durchschnitt. Die Folgen: eine stärkere Internationalisierung mit mehr Angeboten für Karriere im Ausland, eine bessere Ausstattung und vielfältige Themenbereiche.

In der Industrie gibt es mit Sicherheit mehr Abwechslung als in jedem anderen Wirtschaftssegment.

Joachim Haindl-Grutsch Geschäftsführer, Industriellenvereinigung Oberösterreich

Industrie als Lösung für Umweltschutz

Ein Bekanntheitsproblem hätten die heimischen Industriebetriebe normalerweise nicht. „Die Leitbetriebe sind sehr präsent“, sagt Haindl-Grutsch. Die Ursachen für den Fachkräftemangel, der auch diese Branche betrifft, beginnen aber schon früh, nämlich in der Schulzeit. „Mathematik und Naturwissenschaften haben ein schlechtes Image“, erklärt der Geschäftsführer, „das Problem ist, dass der Mathematikunterricht oft wenig praxisbezogen und veraltet ist.“ Später, bei der Studienwahl, setze sich das Problem fort. „Viele junge Menschen wollen etwas Positives bewirken und bewerben sich für einen Platz als Medizinstudent, sehen aber keinen tiefergehenden Sinn für ein MINT-Studium“, erklärt Haindl-Grutsch. Dabei gebe es in der Industrie entgegen gängiger Klischees zahlreiche Möglichkeiten, die Welt zum Besseren zu verändern. Haindl-Grutsch: „Stichwort Klimawandel, Kunststoffabfälle oder Recycling – in zahlreichen Bereichen braucht es industrielle Innovationen.“ Die Industrie sei nicht das Problem, sondern die Lösung. „Ohne neue Technologien gibt es keinen Klimaschutz. Die Antwort auf einen CO2-neutralen Planeten liegt nicht im Verzicht, sondern in der industriegetriebenen Forschung“, sagt Haindl-Grutsch.

Versicherungen

Nervige Klinkenputzer und spießige Innendienstler?

Versicherungsangestellte wollen als Vertriebler möglichst aggressiv Verträge verkaufen, die gar nicht gebraucht werden – oder sind spießige Innendienstmitarbeiter. „Diese Klischees kommen uns immer wieder unter, treffen aber absolut nicht zu“, sagt Katrin Hartl, Bereichsdirektorin Personal, Oberösterreichische Versicherung AG. Besonders Bewerber hätten oft ein falsches Bild. „Sie glauben, dass man als Quereinsteiger direkt Versicherungen verkaufen kann“, sagt Hartl. Tatsächlich benötigt man dafür aber eine zwölfmonatige Ausbildung, in der etliche Schulungen durchlaufen werden. Das Berufsbild sei durch zahlreiche Reglementierungen viel komplexer geworden.

Bunter Innendienst

Auch der Innendienst sei viel bunter als von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Hartl: „Wir haben Sachbearbeiterjobs mit viel Kundenkontakt, wir haben eine eigenständige IT-Abteilung, wir haben eine Ausbildungsabteilung, es gibt die verschiedensten Angebote.“ Versicherungen brauchen für alle Bereiche, in denen sie ihre Kunden versichern, Experten. „Wir haben in unserer Schadensabteilung etwa KFZ-Mechanikermeister und Baumeister, natürlich gibt es auch den Versicherungsmathematiker“, sagt Othmar Nagl, Generaldirektor der Oberösterreichischen Versicherung.

Viele Menschen sind der Meinung, dass wir in einem großen Palast sitzen und nur Prämien entgegennehmen.

Othmar Nagl Generaldirektor, Oberösterreichische Versicherung

Gerade die Versicherungsvermittler seien im Zweifelsfall meist auf der Seite ihrer Kunden. „Sie sehen sich oft als Lebensbegleiter und sind stolz darauf, wenn sie in der Schadensabteilung das Bestmögliche für ihre Kunden herausholen können“, erklärt Nagl. Er wünscht sich, dass Versicherungskunden mehr bewusst wird, dass sie Teil einer Versicherungsgemeinschaft sind. „Der ursprüngliche Versicherungsgedanke ist, dass man füreinander einsteht“, sagt Nagl, „viele Menschen sind aber der Meinung, dass wir in einem großen Palast sitzen und nur Prämien entgegennehmen, uns im Schadensfall aber immer wehren.“ Tatsächlich sei die gesamte Versicherungswirtschaft aber froh, wenn Schadenssummen, für die gehaftet wird, schnell und unkompliziert ausgezahlt werden können – unabhängig von der Schadenssumme.

Pflegefachassistenz

Hohe Verantwortung,nahe am Menschen

„Klischees sind nicht immer schlecht“, sagt Andrea Voraberger, Pflegedirektorin des Klinikums Wels-Grieskirchen. Das typische Bild der „Krankenschwester“ von früher habe auch etwas Gutes. „Viele Kinder haben gesagt, dass sie später einmal Krankenschwester werden wollen, weil sie ein klares Bild zu diesem Beruf im Kopf hatten“, sagt Voraberger. Genauso wie bei anderen Stereotypen habe ein klares Tätigkeitsprofil samt Image geholfen, Berufseinsteiger zu motivieren. Bei dem relativ neuen Berufsbild der Pflegefachassistenz fällt dieser Faktor weg. „Das Berufsbild ist leider noch weitgehend unbekannt. Wenn das Jobprofil nicht auf typische Begriffsmerkmale heruntergebrochen werden kann, ist es viel schwieriger, die eigene Tätigkeit zu kommunizieren und sich damit zu identifizieren“, erklärt die Pflegedirektorin. Mittlerweile gibt es in Krankenanstalten drei Pflegeberufe: die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflege, die Pflegeassistenz und die fachlich dazwischen angesiedelte Pflegefachassistenz. Die ersten Absolventen der Pflegefachassistenz werden gerade in Pilotbereiche integriert und arbeiten nahe am Patienten. Sie werden in Zukunft eine tragende Säule der Pflege direkt am Patienten bilden. Besondere Motivation für junge Menschen sei heutzutage, einen sinnstiftenden Beruf zu haben. „Pflege ist ein sensibler und verantwortungsvoller Bereich. Der Beruf erfordert ein sehr hohes Verantwortungsbewusstsein und Flexibilität.

Der Beruf fordert ein sehr hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein.

Andrea Voraberger Pflegedirektorin, Klinikum Wels-Grieskirchen

Dafür sind wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr dankbar“, sagt die Pflegedirektorin. Es sei wichtig, die schönen Seiten des Berufs zu erkennen: fachliche Expertise, vielfältige Möglichkeiten, das Miteinander im Team und der krisensichere Job. „Wer heute in der Pflege arbeiten möchte, erhält mit Sicherheit eine langfristige Stelle“, sagt Voraberger. Die Pflegefachassistenz sei daher auch für Quereinsteiger und Jobumsteiger spannend. Voraberger: „Manchmal braucht es etwas Mut, einen neuen Weg zu gehen.“

„Mein Beruf ist meine Erfüllung“

Der Pflegefachassistent Roman Echer ist längst von den schönen Seiten des Berufs überzeugt. „Mein Beruf ist meine Profession, ein Teil meines Lebens, der durch Hingabe, Lernen und Disziplin täglich wächst und vertieft wird“, sagt Echer, der im Klinikum Wels-Grieskirchen arbeitet. Auch er werde mit den klassischen Jobklischees der Branche konfrontiert. „Vielen Menschen ist nicht bewusst, welche Aufgaben, Pflichten und Verantwortung die Pflege mit sich bringt. Es wird sehr oft heruntergespielt oder belächelt, wenn es darum geht, was wir alles leisten“, sagt er. Ähnliche Beobachtungen hat auch Pflegefachassistentin Alexandra Aigner gemacht. „Viele wissen nicht, wie anspruchsvoll dieser Beruf und die Ausbildung wirklich sind“, sagt sie. Ihre Berufswahl bereut sie trotzdem nicht: Aigner: „Ohne meinen Beruf würde ich das Leben nicht so schätzen, wie ich es jetzt tue. Es ist meine Erfüllung im Leben, Menschen Gutes zu tun und sie in schwierigen Lebenssituationen bestmöglich zu unterstützen“, sagt sie. Sie rät jedem, den Beruf zu ergreifen, für den Menschlichkeit und Nächstenliebe Priorität haben. „Es ist eine absolute Erfüllung für einen selbst und macht einen stolz, so viel Dankbarkeit von den Patienten erfahren zu dürfen. Der direkte Kontakt mit den Patienten macht den Beruf so wunderbar“, erzählt sie._

Roman Echer, Pflegefachassistent Klinikum Wels-Grieskirchen

Pflegefachassistenz

Die Pflegefachassistenz ist ein Gesundheitsfachberuf, der 2016 eingeführt wurde. Pflegefachassistenten verfügen über mehr Kompetenzen als die Pflegeassistenten und nehmen zusätzliche Aufgaben wahr, erledigen unter anderem organisatorische Arbeiten und führen Maßnahmen durch, die ihnen von diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegern oder Ärzten im Rahmen der Diagnostik und Therapie übertragen wurden. Zwei Jahre dauert die Ausbildung zur Pflegefachassistenz – bei einem Umfang von insgesamt 3.200 Stunden.

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