(Haus-)Mittel zum Zweck

Kleine Wehwehchen und harmlose Beschwerden lassen sich wunderbar mit Hausmitteln in den Griff bekommen. Autorin Claudia Schauflinger ist Expertin auf dem Gebiet und bestärkt in Workshops und auf ihrem Blog „Kinderhausmittel“ Familien darin, wieder mehr auf den Instinkt zu hören, auf das Bauchgefühl zu achten und Rituale zu installieren, um sich so ein Stück Gesundheitskompetenz zurückzuholen. Kinderärztin Monika Resch sagt, was sie Familien in der Praxis rät.

Frau Schauflinger, Sie sind auf Kinderhausmittel spezialisiert. Wirken die auch bei Erwachsenen?

SCHAUFLINGERHausmittel helfen, richtig angewendet, der ganzen Familie. Die jahrhundertelange Tradition hat ganz viele Hausmittel hervorgebracht, die für Kinder und Erwachsene gelten. Während heutzutage viele Leute etwas mit TCM (traditionelle chinesische Medizin, Anm.) anfangen können, haben viele die traditionelle europäische Medizin nicht mehr am Schirm. Früher war es in Familien noch viel gängiger, das Wissen an die nächste Generation zu vermitteln. Man wusste genau, was Topfen kann, was Zwiebel bewirkt und wie Honig hilft. Deshalb können wir auch wirklich sagen, dass das, was wir heute innerhalb der Familie weitergeben, gut erforscht ist.

Und was unterscheidet die Kindermedizin von der Erwachsenenmedizin?

RESCHDer Einsatz von Medikamenten im Bereich der Neonatologie und Kinder- und Jugendmedizin ist im Vergleich zur Verabreichung diverser Arzneien in der Erwachsenenmedizin insofern schwieriger, weil meist große randomisierte Studien mit Kindern und somit Daten für diese Patientengruppe fehlen. Daher können manche Medikamente entweder gar nicht oder nur nach ausführlicher Aufklärung und Einwilligung der Eltern verabreicht werden – was Hausmittel als unterstützende Maßnahme im Kindesalter extrem attraktiv macht.

In der kalten Jahreszeit heißt es, sein Immunsystem zu stärken. Wie gelingt das?

SCHAUFLINGERSobald sich bei uns in der Familie Halskratzen, leichter Husten oder andere Erkältungssymptome bemerkbar machen, praktizieren wir gerne das ansteigende Fußbad (Anleitung siehe Infobox). Der Einsatzbereich ist vielfältig, da die Füße mit dem Kopf, Brust- und Beckenbereich in einer reflektorischen Wechselwirkung stehen. Das heißt, dass dieselbe Wirkung, die durch die Behandlung auf die Blutgefäße, die Durchblutung und den Zellstoffwechsel im Behandlungsbereich erzielt wird, über das Nervensystem auch in den entsprechenden Reflexbereichen wie in der Schleimhaut der Nasennebenhöhlen eintritt. Neben der großen Portion Wärme bietet das Fußbad Gelegenheit für eine Pause. Ruhe und Stressreduktion ist immens wichtig, damit das Immunsystem gut arbeiten kann. Was sagte außerdem schon Oma? „Zieh dir warme Socken und Schuhe an! Von kalten Füßen bekommst du Schnupfen, Husten und obendrein noch eine Blasenentzündung.“ Eine Erkältung wird zwar durch Viren hervorgerufen, aber dass kalte Füße diesen den Angriff leichter machen, stimmt schon.

Wie stärkt die Medizin(-erin) das Immunsystem?

RESCHAuch in der Schulmedizin wird ein gesundes Immunsystem durch nachhaltige Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Körpers erreicht – viel frische Luft, reichlich Bewegung und eine ausgewogene Ernährung sind dabei die Grundpfeiler. Außerdem kann durch Unterstützung des Vitaminhaushalts, insbesondere eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D in sonnenarmen Zeiten, das Immunsystem gestärkt werden. In der Medizin gehen wir davon aus, dass der Darm eine wichtige Rolle in der Immunabwehr spielt – insofern kann man genau hier mit einer saisonal ausgewogenen Ernährung und dem Einsatz von Probiotika einen Beitrag leisten.

Die momentanen Umstände verursachen in vielen Familien zusätzlichen Stress. Dabei wäre es doch wichtig, runterzukommen und entspannen zu können. Wie gelingt das?

SCHAUFLINGERIch empfehle in meinen Workshops, an kleinen Stellschrauben zu drehen. Am besten fragt man sich: „Wo in meiner Familie traue ich mich, etwas zu verändern, ohne mich selbst zu überfordern?“ Das kann beispielsweise Handydetox sein. Es reicht, wenn man sich vornimmt, eine Stunde vorm Schlafengehen oder ab einer bestimmten Uhrzeit kein Handy mehr zu nutzen. Das Fußbad eignet sich beispielsweise gut, um gemeinsam im Familienverband Zeit zu verbringen, sich bewusst Zeit für Gespräche zu nehmen und hinzuhorchen, was die Kinder beschäftigt.

Frau Resch, was raten Sie in Ihrer Praxis gestressten Familien?

RESCHWir müssen derzeit alle mit zahlreichen Restriktionen und sich sehr flexibel verändernden Alltagssituationen zurechtkommen. Dabei ist es essentiell, für unsere Kinder ein möglichst „normales“ Miteinander aufrechtzuerhalten. Durch das Einhalten simpler Regeln wie gründliche Händehygiene und Abstandhalten sollte es unseren Kindern weiterhin möglich gemacht werden, Kindergärten und Schulen zu besuchen und miteinander zu spielen. Kinder brauchen Rhythmus und Struktur und sind viel flexibler als wir Erwachsenen, was das Akzeptieren neuer Regeln wie etwa das Tragen von Masken anbelangt. Das sollten wir im Hinterkopf behalten. Schaffen wir solide Strukturen für unsere Kinder und halten wir sie von Sorgen fern, solange sie Kind sein dürfen!_

Monika Resch ist Kinderärztin der Kinderarztpraxis Schumanngasse und Primaria der Neugeborenenabteilung im Privatspital Goldenes Kreuz in Wien. Sie ist spezialisiert auf die Betreuung reifer Neugeborener und Frühgeborener und ist außerdem am Aufbau des Comprehensive Center for Pediatrics der Medizinischen Universität Wien beteiligt.

Monika Resch ist Kinderärztin der Kinderarztpraxis Schumanngasse und Primaria der Neugeborenenabteilung im Privatspital Goldenes Kreuz in Wien. Sie ist spezialisiert auf die Betreuung reifer Neugeborener und Frühgeborener und ist außerdem am Aufbau des Comprehensive Center for Pediatrics der Medizinischen Universität Wien beteiligt.

Claudia Schauflinger ist zweifache Bubenmama, Autorin und Gründerin von „Kinder mögen Hausmittel – Workshops“ für Eltern. Natur- und Erfahrungsmedizin begleiten die Wahl-Wienerin von Kindesbeinen an.

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