„Zahlen sind das Werkzeug, um Zukunft zu gestalten“
Steuerberater und Wirtschaftsprüfer prüfen Zahlen. So war das einmal. Sanela Terko und Matthias Hrinkow von BDO Austria machen heute etwas anderes: Sie übersetzen Zahlen in Zukunft. Und haben dafür ein Werkzeug entwickelt, das aus Unsicherheit Strategie macht.
Früher kamen sie mit einem Ordner, die Unternehmer. Dick. Schwer. Voll mit Belegen, Rechnungen, Dokumenten aus den vergangenen zwölf Monaten. Man blickte zurück, prüfte nach, was gewesen war – und schickte sie wieder heim. Das Modell funktionierte. Lange.
Dann änderte sich die Welt. Heute sitzt Sanela Terko gegenüber. Partnerin bei BDO, einer der führenden Prüfungs- und Beratungsgesellschaften. Steuerberaterin und Certified Public Accountant. Neben ihr: Matthias Hrinkow. Senior Manager und Doktorand an der WU Wien. Einer, der Muster sieht, wo andere nur Daten sehen. Der Ordner liegt nicht mehr auf dem Tisch. Die Frage, die ihn ersetzt hat, ist größer: Wie treffe ich die besten Entscheidungen? „Zahlen sind für uns nicht das Ziel“, sagt Terko, „sondern das Werkzeug, um Zukunft zu gestalten.“
Der Blick nach vorne
Schon damals, als Sanela Terko ihren Beruf wählte, stand für sie eines im Mittelpunkt: Gestaltung. Das aktive Mitdenken unternehmerischer Ideen. Das Begleiten von Entwicklungen von Beginn an. „Mein Beruf ist bis heute kreativ und nah am Unternehmen“, sagt sie. Was sich verändert habe, seien die Rahmenbedingungen. Digitalisierung. Dynamischere Themen. Ein stärkerer Fokus auf strategische Fragestellungen. „Heute verbindet der Beruf Fachkompetenz mit Technologie und unternehmerischem Denken.“
Matthias Hrinkow beschreibt, wie sich die Fragen verändert haben, die Unternehmer und Unternehmerinnen heute stellen. Konkreter seien sie geworden. Und gleichzeitig anspruchsvoller. „Es geht nicht mehr um isolierte Einzelfragen, sondern um das Zusammenspiel vieler Faktoren.“ Ergebnis, Liquidität, Stabilität des Geschäftsmodells. „Der Fokus liegt darauf, Entscheidungen nicht isoliert, sondern in ihrer Wirkung auf das gesamte Unternehmen zu bewerten.“
Was im Verborgenen wächst
Geopolitik. Volatile Lieferketten. Steigende Energiepreise. Das sind die Risiken, über die alle reden. Aber welche treffen am härtesten? Sanela Terko antwortet ohne Zögern: „Oft sind es nicht die großen, offensichtlichen Risiken, sondern die schleichenden Entwicklungen im eigenen Unternehmen.“ Liquiditätsengpässe, schrittweise steigende Kosten, zu spätes Reagieren, Abhängigkeiten von einzelnen Kunden oder Lieferanten. „Diese Risiken entwickeln sich im Hintergrund und werden oft erst sichtbar, wenn der Druck bereits hoch ist.“ Und dann ist es manchmal zu spät. Ähnliches erlebt sie bei Lieferketten. Was sie bei der Analyse immer wieder überrascht: nicht, dass es Abhängigkeiten gibt. Sondern wie stark sie sich auswirken, wenn etwas ins Wanken gerät. „Ein einzelner Lieferant kann plötzlich zum Engpass werden, oder indirekte Abhängigkeiten führen zu unerwarteten Kettenreaktionen.“ Erst durch die konkrete Analyse, durch die Zahlen, werde die tatsächliche Tragweite greifbar.
# Gedankensprung
mit Sanela Terko
Steuerberaterin oder Strategin?_Beides – mit Zahlen als Grundlage und Strategie als Ziel.
Ihr liebstes Beratungstool?_Aktives Zuhören – weil die besten Lösungen dort entstehen, wo wirklich verstanden wird.
Was macht einen wirklich guten Unternehmer, eine wirklich gute Unternehmerin aus?_Die Kombination aus Haltung und Empathie. Haltung gibt die klare Richtung vor, schafft Orientierung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen konsequent zu vertreten. Empathie sorgt gleichzeitig dafür, Menschen, Situationen und Dynamiken richtig einzuordnen, Vertrauen aufzubauen und nachhaltige Beziehungen zu gestalten. Erst im Zusammenspiel beider entsteht die Grundlage für tragfähige und langfristig erfolgreiche Entscheidungen.
Ihre Kernbotschaft in einem Satz?_Neue Entwicklungen und sich verändernde Rahmenbedingungen als Chancen zu sehen – und sie mit Klarheit, Haltung und Empathie aktiv zu gestalten.
Wenn Hoffnungen zu Fakten werden
Jedes Unternehmen hat sie. Jene Annahmen, die über Jahre so selbstverständlich geworden sind, dass sie niemand mehr hinterfragt. Matthias Hrinkow nennt sie beim Namen. „Viele Annahmen wirken wie Fakten, sind aber in Wirklichkeit oft Gewohnheiten oder Hoffnungen.“ Umsätze werden weiterwachsen. Kosten können weitergegeben werden. Kunden bleiben langfristig treu. Und: Das eigene Geschäftsmodell ist resilient. „Diese Annahmen werden selten aktiv überprüft – obwohl sich Märkte und Umfeld längst verändert haben.“ Das Unbehagliche daran ist nicht die Erkenntnis. Das Unbehagliche ist, wie lange sie unbemerkt bleiben.
Navigation in unbekannten Gewässern
Genau hier setzt der BDO Zukunftsnavigator an. Der Prozess beginnt nicht mit einer Liste möglicher Risiken, nicht mit dem willkürlichen Durchforsten des Chancen- und Gefahrenumfelds. Er beginnt mit einer einzigen Frage: Welche Entscheidung soll getroffen werden? Finanzierung, Budgetierung, Lieferkettenmanagement, Standortfragen, Aufbauorganisation. „Der Zukunftsnavigator stellt die zu treffende Entscheidung in den Mittelpunkt“, erklärt Hrinkow. Erst dann werden zentrale Einflussfaktoren, Stellhebel und Frühwarnindikatoren definiert. Und schließlich: quantifizierte Handlungsoptionen.
Ein häufiger Anwendungsfall, den er nennt: die Frage nach lieferantenseitigen Abhängigkeiten. Das Ergebnis sind „monetär bemessene Maßnahmenpakete, um strategisch sinnvolle und auf realen Szenarien basierende Entscheidungen zu treffen“. Was am Ende des Prozesses steht, beschreibt Sanela Terko so: „Nicht nur ein Gefühl für die Zukunft, sondern ein klares Bild.“ Wie entwickeln sich Umsatz, Kosten und Liquidität unter unterschiedlichen Annahmen? Welche Auswirkungen haben konkrete Entscheidungen? Ab wann wird es kritisch? „Für Unternehmer entsteht daraus ein konkretes Steuerungsinstrument, das hilft, fundierte Entscheidungen zu treffen und Risiken frühzeitig zu erkennen.“
Nicht bewerten. Transparent machen
Wie erklärt man einem Kunden, dass seine Strategie nicht trägt? Dass der eingeschlagene Weg in die falsche Richtung führt? „Der Schlüssel ist, nicht zu bewerten, sondern transparent zu machen“, erklärt Matthias Hrinkow. Anhand von Zahlen und Szenarien werde gezeigt, wie sich die aktuelle Strategie entwickelt – und wohin sie führt. So entstehe Verständnis. Und die Basis für gemeinsame Lösungen. Sanela Terko ergänzt: Gute Beratung beginne immer mit aktivem Zuhören. „Genau hinzuhören, nachzufragen und Zusammenhänge zu verstehen, bevor man bewertet.“ Die Intuition liege bei den Unternehmern und Unternehmerinnen selbst – sie kennen ihr Geschäft, ihren Markt, ihre Kunden. Der externe Blick ergänze das, „indem er einen neuen Blickwinkel eröffnet, Annahmen hinterfragt und zusätzliche Perspektiven sichtbar macht“.
# Gedankensprung
mit Matthias Hrinkow
Wie hat KI Ihr Berufsleben verändert?_KI erleichtert Vorfeldanalysen und erhöht die Geschwindigkeit. Sie bietet im Berufsleben die Möglichkeit, in kürzester Zeit einen Überblick über komplexe Themen zu erlangen. Die Endverantwortung und der Blick auf das Wesentliche bleiben beim Menschen.
Ihr bester Rat für Entscheidungen unter Druck?_Vorbereitung schlägt Improvisation. Wer Entscheidungsstrukturen im Voraus definiert – wer entscheidet was, bis wann, mit welchen Daten –, handelt unter Druck schnell und sicher.
Was unterschätzen Unternehmer am meisten?_Die Menge an impliziten Annahmen über Zukunftsentwicklungen, welche der eigenen Intuition zugrunde liegen. Dokumentiert und systematisiert bieten diese eine der wertvollsten Grundlagen für fundierte Entwicklungsentscheidungen.
Was treibt Sie morgens an?_Gemeinsam mit Kunden aus offenen Fragen belastbare Entscheidungsgrundlagen zu machen. Schritt für Schritt, szenariobasiert und zukunftsgerichtet.
Der Mensch bleibt der Kompass
KI kann viel. Große Datenmengen analysieren. Muster erkennen. Transparenz und Geschwindigkeit schaffen. Das alles ist real, das alles hilft. Aber: „Die Grenzen liegen in der Einordnung, im Verständnis des Unternehmenskontexts und in strategischen Entscheidungen“, sagt Hrinkow. „KI schafft Transparenz und Geschwindigkeit – die Qualität entsteht durch die richtige Interpretation und den Dialog.“ Der Mensch bleibt der Kompass. Wohin dieser Kompass in fünf Jahren zeigt? Sanela Terko ist überzeugt: Die Entwicklung geht klar in Richtung mehr Strategie, mehr Zukunft. Themen wie Digitalisierung, Risikomanagement und Geschäftsmodelle rücken stärker in den Fokus. KI unterstützt dabei. „Der eigentliche Mehrwert besteht aber darin, aus Daten klare und umsetzbare Entscheidungen abzuleiten.“
Der dicke Ordner liegt schon lange nicht mehr auf dem Tisch. Was hier liegt, sind Szenarien. Entscheidungsoptionen. Zahlen, die nicht in die Vergangenheit zeigen, sondern vorwärts._
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
Terko: Markus Landgraf;
Hrinkow: Sabrina Liska