Wie ein Bundesland sein eigenes kleines 1×1 bekam …
172 Länder, ein Bundesland, eine Idee: Oberösterreich bekommt eine Hausordnung fürs Zusammenleben. Klingt nach bürokratischem Papiertiger? Ist es aber nicht, versichert der oberösterreichische Landesrat Christian Dörfel. Im Interview erzählt er, wie aus einer ungewöhnlichen Idee ein Projekt wurde, das vom Bischof bis zu Vertretern der islamischen Gemeinschaft alle an einen Tisch brachte.
Wie kam es zur Idee einer oberösterreichischen Hausordnung?
Christian Dörfel | In Oberösterreich leben mittlerweile Menschen aus 172 Ländern. Unterschiedliche Kulturen, Lebensweisen und Verständnisse treffen aufeinander, und es besteht die Gefahr, dass sich die Gesellschaft auseinanderentwickelt. Wir brauchen eine Klammer, die die Gesellschaft zusammenhält. Diese Klammer soll die oberösterreichische Hausordnung sein – sie soll Halt und Orientierung geben. Als Wertekatalog, als kleines 1×1 des Zusammenlebens.
Wie lief der Entwicklungsprozess ab?
Christian Dörfel | Gestartet hat es mit einer repräsentativen Meinungsumfrage, und auf dieser Basis wurde ein Expertenrat mit Vertretern verschiedener Gruppen zusammengestellt – sämtliche Religionsgemeinschaften, Vertreter aus den Bereichen Wissenschaft, Bildung, Sicherheit, Volkskultur und von NGOs waren involviert. Parallel dazu haben wir die Ergebnisse in einer Integrationskonferenz mit rund 300 Teilnehmenden besprochen. Der Integrationsexperte Kenan Güngör hat zudem seine Expertise aus der Migrationsforschung eingebracht.
Was hat Sie bei der Entwicklung überrascht?
Christian Dörfel | Am meisten hat mich überrascht, dass sich alle involvierten Gruppen in vielen Dingen sehr, sehr einig sind. Egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Die zweite Überraschung war die große Bereitschaft aller, an der „OÖ Hausordnung“ mitzuarbeiten, auch Gruppen, die uns anfangs „am problematischsten“ erschienen. Wir haben keine einzige Absage erhalten. Das ist nicht üblich.
Man würde meinen, es gibt Gesetze in Österreich, reicht das nicht?
Christian Dörfel | Sie sagen richtig: „Man würde meinen.“ Natürlich haben wir jede Menge Gesetze, aber das geschriebene Recht regelt ja – Gott sei Dank – nicht alles, was das Zusammenleben ausmacht. Die Hausordnung geht daher weit über das geschriebene Recht hinaus, sie ist eine Lebenseinstellung, eine Wertebasis. Manches, was für die Mehrheitsbevölkerung selbstverständlich ist, ist es für Menschen aus anderen Kulturkreisen, die unter anderen Voraussetzungen aufgewachsen sind, nicht. Aber: Auch Einheimischen schadet es nicht, sich wieder ein bisschen daran zu erinnern, worauf es eigentlich ankommt.
Was können sich Unternehmen von der Hausordnung erhoffen?
Christian Dörfel | Wir haben in Betrieben viele Nationalitäten, die gemeinsam arbeiten. Die große Herausforderung für die HR-Verantwortlichen ist, diese zu einem Team zu formen. Die Hausordnung ist hier eine Handreichung. Gegenseitiger Respekt, Wertschätzung, Anerkennung von Leistung – das sind Dinge, die nicht nur die Gesellschaft, sondern auch einzelne Betriebe zum Erfolg führen.
Der Leitsatz der Hausordnung ist „Fordern und Fördern“. Was heißt das konkret?
Christian Dörfel | Wir unterstützen Personen, die bereit sind, sich zu integrieren, Deutsch zu lernen (das ist schwierig genug!), Arbeit zu suchen, Verständnis für unsere Art zu leben aufzubringen und nicht darauf zu beharren, ihre Lebensweise eins zu eins wie in ihren Herkunftsländern umzusetzen. Diese Menschen wollen wir fördern. Wir fordern das aber auch ein. Es wäre ein falsches Verständnis von Integration, wenn man jeden tun lässt, was er will. Niemand braucht Tag und Nacht in Lederhose oder Dirndl herumlaufen – das ist nicht Integration. Wir erwarten aber eine Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft, ohne gleich die eigenen Bräuche und Traditionen zu verleugnen. Denn kulturelle Vielfalt kann ja auch bereichern.
Wie profitieren wir von gelungener Integration?
Christian Dörfel | Oberösterreich ist zur Erhaltung des Wohlstands auf Zuwanderung angewiesen. Wir brauchen Fachkräfte aus aller Welt, wenn wir erfolgreich sein möchten. Um ein attraktives Land für Fachkräfte zu werden, braucht es aber ein sichtbares und greifbares gutes Miteinander. Es ist wichtig, zu differenzieren: zwischen Personen, die bereit sind, Leistung zu erbringen, die mit viel Fleiß ein neues Leben aufbauen und wesentlich zu unserem Wohlstand beitragen, und jenen, die das nicht wollen. Man darf diese Entwicklungen nicht sich selbst überlassen, sondern muss Verantwortung übernehmen und sie in die gewünschten Bahnen lenken.
Die Hausordnung ist ausformuliert, wie geht es nun weiter?
Christian Dörfel | Alles wird mit einer breit angelegten Werbekampagne starten. Es laufen aber bereits die Gespräche, wie wir die Hausordnung in Schulen, über Vereine, Jugendzentren, über die Religionsgemeinschaften und Betriebsräte in den Alltag einbringen. Es ist ein Projekt, das die ganze Gesellschaft nicht nur unterstützen, sondern auch fordern wird, weil jeder seinen Beitrag dazu leisten muss. Das wird ein längerer Prozess, für den man die notwendige Geduld aufbringen und vielleicht auch den einen oder anderen Rückschlag in Kauf nehmen muss._
Redaktion
- Zofia Wegrzecka
Fotos
Antje Wolm