Ein Funke reicht
Warum entscheiden sich noch immer zu wenige junge Menschen – und vor allem zu wenige junge Frauen – für Technik und Naturwissenschaften? Wir haben mit den Köpfen hinter drei Initiativen und Organisationen gesprochen, die genau das ändern wollen. Im Zentrum steht dabei immer dieselbe Frage: Wann und wie entstehen die Rollenbilder, die junge Frauen von technischen Berufen fernhalten, und wie lassen sie sich frühzeitig aufbrechen?
Eine der drei Antworten kommt von der Initiative JoinMINT, bei der das AMS OÖ die Projektleitung inne hat, und heißt STAR TRUCK: eine zweigeschossige Erlebniswelt auf Rädern, die nicht auf Jugendliche wartet, sondern zu ihnen kommt. Der Truck hält nicht irgendwo, er hält direkt vor der Schule. Bewusst, wie Jelena Gartler vom AMS OÖ erklärt: Man wolle nicht warten, bis Jugendliche von selbst den Weg zu technischen Angeboten finden, sondern dorthin gehen, wo sie ohnehin schon sind. Drinnen werden Robotik, Automatisierung, Künstliche Intelligenz und Medizintechnik plötzlich greifbar, weit weg vom Bild des trockenen Technikunterrichts. Für Johanna Gierlinger, die im Projekt für die Bildungsseite verantwortlich ist, steckt darin ein pädagogisches Prinzip: Schon das Betreten dieser ungewöhnlichen Welt signalisiere den Jugendlichen, dass hier etwas anderes passiert als im normalen Unterricht. Wissen entsteht nicht durch Erklären, sondern im Tun – ein Cobot bewegt sich, weil die Jugendlichen ihm das beigebracht haben; ein System reagiert, weil sie Zusammenhänge richtig erkannt haben. Genau diese kleinen Aha-Momente sollen im Truck möglich werden.
Johanna Gierlinger (l.) und Jelena Gartler bringen mit dem STAR TRUCK MINT-Bildung
an Schulen.
Begleitet werden die Jugendlichen dabei von Nova, einer KI-generierten Crewfigur. Bewusst gewählt, aber nicht unkritisch: Nova soll Neugier wecken, ohne KI als allwissend darzustellen, betont Gierlinger. Nova strukturiert die Geschichte, die Tech-Coaches vor Ort beantworten die vertiefenden Fragen. Digitale und menschliche Begleitung ergänzen sich, ersetzen einander aber nicht. Wie stark ein einziger Tag wirken kann, weiß Gartler aus eigener Erfahrung. In ihrer Fachmittelschule war sie das einzige Mädchen in einer Elektrotechnikklasse mit rund dreißig Schülern. Erst ein Praxistag außerhalb des Unterrichts machte für sie aus trockenem Schulstoff etwas Greifbares, plötzlich lötete sie Bauteile und verstand binäre Codes. Heute ist sie zertifizierte KI-Managerin und sieht im STAR TRUCK genau diesen Auslöser wieder: einen Moment, der Interessen sichtbar macht, bevor sie verschüttet werden.
Christine Wahlmüller-Schiller setzt sich als Vorsitzende von WOMENinICT für Frauen in
der IT-Branche ein.
Dass dieser Moment für Mädchen oft gar nicht erst kommt, treibt Christine Wahlmüller-Schiller vom AIT Austrian Institute of Technology seit Jahren um. Als IT-Fachjournalistin suchte sie zwanzig Jahre lang immer wieder vergeblich nach Frauen für Expertenrunden. Meist wurden ihr automatisch Männer genannt, selbst wenn Frauen in den Unternehmen längst tätig waren. Endgültig zur Aktivistin wurde sie jedoch bei der Bildungsberatung ihrer eigenen, technisch hochinteressierten Tochter: Auf die Frage „HTL, HAK oder HAK Digital Business?“ erhielt diese die Antwort vom Bildungsberater, am besten die HAK, „weil du ja ein Mädchen bist“. Der Satz sitzt bis heute. 2020 gründete Wahlmüller-Schiller daraufhin WOMENinICT, heute Österreichs größtes Frauennetzwerk in der IT-Branche mit rund 5.500 Mitgliedern und über 260 Botschafterinnen. Die Zahlen, gegen die sie antritt, sind hartnäckig: 10.000 IT-Jobs bleiben hierzulande unbesetzt, der Frauenanteil in der Branche liegt aktuell bei nur 22 Prozent. Über das WOMENinICT Mentoringprogramm GRACE geben die ehrenamtlich agierenden Botschafterinnen ihre Erfahrung seit 2021 an junge Frauen weiter, die noch am Anfang stehen. Bis 2036 soll der Frauenanteil in der IT-Branche auf 30 Prozent steigen, so das ambitionierte Ziel.
Werner Philipp leitet WIFI FIT und begleitet mit seinem Team Unternehmen in OÖ bei Aus-
und Weiterbildung.
Die dritte Perspektive kommt aus der betrieblichen Praxis: WIFI FIT begleitet Unternehmen in Oberösterreich bei der technischen Aus- und Weiterbildung, von der Lehrlingsausbildung bis zu praxisnahen Trainings für bestehende Belegschaften. Geleitet wird der Bereich von Werner Philipp, der selbst als Elektromechanikerlehrling begonnen und sich über die HTL-Abendschule bis ins Management hochgearbeitet hat. Er sieht die Aufgabe nicht bei den Mädchen, sondern bei den Strukturen um sie herum. Man müsse aufhören, ständig zu erklären, warum Frauen „auch“ Technik könnten, sagt er – immerhin seien sie oft besser als ihre männlichen Kollegen. Nötig seien Unternehmen, in denen Frauen Verantwortung übernehmen und ihre Ideen tatsächlich einbringen dürfen. Und sichtbar mehr weibliche technische Ausbildnerinnen, wie er sie bei WIFI FIT längst erlebt. Für ihn beginnt Technikbegeisterung ohnehin früher, nämlich im eigenen Tun: ein kleines Produkt entwickeln, einen Roboter programmieren, den eigenen Energieverbrauch messen, aus Fehlern lernen, statt sie zu fürchten. Und er stellt eine unbequeme Gegenfrage: Wie viele Lehrkräfte kommen eigentlich selbst aus MINT-Berufen?
Drei Perspektiven, ein gemeinsamer Kern: Berufsentscheidungen fallen nicht an einem einzigen Tag, sondern in vielen kleinen Momenten der Ermutigung – oder Entmutigung, wie Gierlinger betont. Ein beiläufiges „Das ist wahrscheinlich zu schwierig für dich“ wirkt ebenso wie eine ausdrückliche Ermutigung. Fachkräftesicherung beginnt daher lange vor einer offenen Stelle, nämlich genau dort, wo ein Kind zum ersten Mal denkt: Das könnte auch etwas für mich sein. Diesen Gedanken wollen der STAR TRUCK, WOMENinICT und WIFI FIT künftig in möglichst vielen jungen Köpfen verankern. _
Redaktion
- Melanie Kashof
Fotos
AMS OÖ; Wahlmueller-Schiller: Luiza Puiu; WIFI FIT: Sabine Kneidinger