Und dann kamen Kristina und Markus
Zu groß. Zu teuer. Zu viel Verantwortung. Eigentlich sprach fast alles dagegen, dieses Landgut in Rossatz zu übernehmen. Kristina Rausch und Markus Wölbitsch haben es trotzdem getan. Eine Geschichte über große Entscheidungen und die Frage, was entsteht, wenn man einem Gefühl mehr vertraut als allen vernünftigen Gründen dagegen.
Meist ist Piwi die Erste, die einem schwanzwedelnd entgegenläuft am Landgut Schöne Erde. Wie stürmisch die Hündin einen empfängt, hänge ein wenig von ihrem aktuellen Erziehungsgrad ab, sagt Kristina Rausch und lacht. Wer danach noch Augen für etwas anderes hat, sieht Dürnstein, die Donau, das Felsmassiv, diese Weite, die etwas mit einem macht, noch bevor man überhaupt verstanden hat, was.
Dann kommt wahrscheinlich Markus Wölbitsch um die Ecke. Mit einem Glas Wachauer Marillennektar vielleicht, oder auch mit einem Wein. Er zeigt ziemlich sicher den Keller, den er selbst renoviert hat, und den Hofladen gegenüber. Irgendwann sitzt man auf der Terrasse. Nur kurz natürlich. Das war jedenfalls der Plan. Aber: „Hier bleibt niemand nur kurz“, erzählt Markus. „Wir haben aufgehört, Meetings auf der Terrasse zu machen. Sie sind völlig ineffizient. Danach will niemand mehr nach Hause.“ Aus dem ersten Glas wird ein zweites. Aus dem Termin ein Gespräch. Jemand bringt etwas zu essen, ein anderer verpasst wahrscheinlich gerade seinen nächsten Termin. Ein liebevolles Chaos nennt Kristina das. Und vielleicht ist das schon die kürzeste Erklärung für das gewisse Etwas dieses Ortes: Nichts daran wirkt inszeniert.
Dabei gab es für dieses Landgut zunächst vor allem eines: sehr viele vernünftige Gründe dagegen. Markus bewirtschaftete bereits seit rund zehn Jahren Wein- und Obstflächen im Kamptal. Klein hatte es begonnen. Neben seinen anderen beruflichen Standbeinen – Unternehmensberatung, Politik, Veränderungsmanagement. Dann kam Rossatz. Ein Weingut mit Restaurant, Keller, Hofladen, vier Hektar Rebfläche und einem Blick, den man schlecht in eine Excel-Tabelle bekommt. Die Summen, über die plötzlich gesprochen wurde, hatte Kristina bis dahin noch nie in einem Satz verwendet, der ihr eigenes Leben betraf. Sie gingen über das Gelände. Sahen sich um, rechneten, überlegten, verwarfen. Und wussten trotzdem längst, was sie tun würden. „Rational müssten wir zu hundert Prozent sagen: Wir können das nicht machen“, sagte Kristina damals zu Markus, „aber irgendwie will dieser Platz, dass wir es tun.“
Also schreiben sie einen Businessplan. Sie präsentieren ihn der Bank. Die Bank sagt Ja. Kristina und Markus steigen ins Auto, sehen einander an – und begreifen erst in diesem Moment, was dieses Ja bedeutet. „Fuck“, sagt Markus, „die geben uns jetzt echt das Geld.“ Jetzt mussten sie es wirklich tun. Heute gehören zum Landgut Schöne Erde rund dreizehn Hektar Rebfläche im Kamptal und in der Wachau, dazu Obstflächen mit Wachauer Marillen. Grüner Veltliner wächst hier, Riesling, Donauriesling, Pinot Noir und robuste PIWI-Sorten. Seit 2025 gehören auch das ehemalige Weingut und zugehörige Restaurant „GenussGut Wachau“ (ehemalige Flößerei) in Rossatz zu ihrem neuen Leben. Ein Familienbetrieb, biodynamisch bewirtschaftet, Demeter in Umstellung. Vor allem aber: ein Ort, der viel größer ist als das, was in seinem Businessplan steht.
Wer Kristina und Markus zuhört, könnte glauben, Mut fühle sich bei ihnen leicht an. Tut er nicht. Mut fühlt sich manchmal nach 34 Grad im Weingarten an. Nach einer Lese, die länger dauert als geplant. Nach einem vollen Restaurant, fehlenden Händen und einer Rechnung, mit der gerade niemand gerechnet hat. „Freude und Überforderung können im selben Moment stattfinden“, sagt Kristina. Als etwa der Pächter des Restaurants aufhörte, wollten Kristina und Markus an diesem Abend eigentlich nur noch eines: zuhause eine Flasche Wein öffnen und sich gemeinsam bemitleiden. Freunde überredeten sie stattdessen, mit zum Heurigen zu kommen. Dort erzählten sie irgendwann von ihrem Drama.
Die Freunde hören zu. Und sagen dann einen Satz, der alles verändert: Die Menschen aus der Region würden nicht wegen der Terrasse oder des Blicks auf Dürnstein kommen. Sie würden wegen ihnen kommen. Weil sie sehen wollen, was Kristina und Markus aus diesem Ort machen. Also beschließen die beiden, das Restaurant selbst zu führen. Ohne gastronomische Ausbildung, ohne die Sicherheit, ob das wirklich funktionieren würde. Aber mit einer ziemlich klaren Vorstellung davon, wie es sich anfühlen sollte.
Kristina kann bis heute nicht mehr als drei Teller gleichzeitig tragen. „Dafür mache ich eben mehr Schritte“, sagt sie. Was ihr an Servicetechnik fehlt, ersetzt sie durch etwas, das sich ohnehin nicht lernen lässt: ehrliches Interesse. Sie bleibt stehen, fragt nach, hört zu, erzählt, verbindet Menschen miteinander. Und plötzlich sind diese zusätzlichen Schritte kein Umweg mehr. Sie sind der Weg.
Natürlich könnten sie es sich einfacher machen. Beim Einkauf zum Beispiel. Die Personalkosten seien in der Gastronomie ohnehin hoch, wurde ihnen gesagt. Also müsse man eben beim Wareneinsatz sparen. Ein günstigeres Huhn, konventionelle statt biologische Lebensmittel. Produkte, deren Herkunft niemand hinterfragt und deren Unterschied angeblich ohnehin niemand schmeckt.
Kristina und Markus haben genau zugehört. Und Nein gesagt. „Wir stehen lieber selbst in der Küche und im Service, als dass wir uns verraten und Produkte anbieten, die wir selbst nicht essen würden“, sagt Markus. Bei tierischen Lebensmitteln setzt das Restaurant konsequent auf Bio-Produkte. Dafür suchen sie kleine Lieferanten, bauen direkte Beziehungen zu Produzenten auf und nehmen in Kauf, dass die Beschaffung komplizierter und die Kalkulation enger wird. „Sollte es sich finanziell nicht ausgehen, würden wir lieber vorher zusperren, als bei der Qualität nach unten zu gehen“, sagt Kristina. Denn das Landgut Schöne Erde beginne nicht erst auf dem Teller. Es beginnt darunter. Im Boden.
Kristina und Markus bauen eigenen Kompost auf, bearbeiten die Erde so wenig wie möglich, lesen die Trauben von Hand und lassen ihre Weine spontan vergären. Nicht weil „biodynamisch“ gut auf einem Etikett aussieht. Sondern weil sie einen Betrieb schaffen wollen, in dem der Boden Jahr für Jahr lebendiger wird statt ärmer. Man könnte sagen: Sie kultivieren nicht nur Reben. Sie kultivieren Beziehungen – zwischen Boden und Pflanze, Produkt und Mensch, Herkunft und Zukunft.
Kamptal und Wachau. Klassischer Wein und Naturwein. Landwirtschaft und Gastronomie. Traditionelle Gerichte und vielleicht schon bald Butter Chicken aus möglichst regionalen Zutaten. „Das kann man nicht machen“, hören Kristina und Markus ziemlich oft. Dieser Satz hat bei Markus eine erstaunliche Wirkung: Sobald jemand behauptet, etwas funktioniere ganz sicher nicht, setzt er alles daran, das Gegenteil zu beweisen. Kristina wiederum kennt all die Stimmen, die noch lange im Kopf nachhallen. Das mache man so. Das brauche jeder Gast. Ein österreichisches Wirtshaus müsse gefälligst eine bestimmte Karte haben. Und Butter Chicken? Gehe überhaupt nicht. Aber dann fällt ihr ein: „Moment. Jetzt führen wir dieses Restaurant selbst. Jetzt können wir doch tatsächlich entscheiden, was hier auf den Tisch kommt. Butter Chicken also. Warum nicht?“ Gekocht von einem Küchenchef, der Lust darauf hat. Mit guten Zutaten. Mit einem Huhn aus biologischer Haltung und Produzenten, deren Namen sie kennen. Das ist typisch für das Landgut Schöne Erde. Hier muss sich das eine nicht gegen das andere durchsetzen. Klassisch darf neben wild stehen.
Kristina und Markus wissen, dass etwas scheitern kann, obwohl man daran glaubt. Dass ein Projekt eine andere Form annehmen darf. Dass ein Unternehmen nicht die eigene Identität ist. „Wir sind zwei eigenständige Menschen. Wir haben dieses Projekt, aber wir sind nicht dieses Projekt“, sagt Kristina. Vielleicht macht genau dieses Wissen sie so mutig. Sie geben Vollgas, ohne sich einzureden, dass es nur diesen einen Weg geben darf. Sie fallen hin. Stehen auf. Und versuchen, „immer einmal mehr aufzustehen, als wir hinfallen“. Markus kennt die Momente der Ohnmacht. Wenn etwas kaputtgeht, eine Rechnung auftaucht, das Geld knapp wird oder der Plan plötzlich nicht mehr zum Tag passt. Entscheidend sei nicht, ob man sich überfordert fühlt. Entscheidend sei, wie lange man in diesem Gefühl bleibt. „Es gibt immer einen Weg hinaus.“ Manchmal führt er durch eine Tür, die man vorher nicht gesehen hat. Manchmal öffnet sie ein anderer Mensch. Und manchmal beginnt er mit einem Glas Wein und der Entscheidung, morgen noch einmal neu hinzuschauen.
Was sollen Menschen erzählen, wenn sie hier waren? Dass der Wein ausgezeichnet war? Dass das Essen gut war? Dass der Blick auf Dürnstein tatsächlich so schön ist wie auf den Bildern? Markus überlegt kurz. „Das Schönste wäre, wenn sie sagen: ‚Wir haben einen überraschend wunderschönen Tag verbracht.‘“ Vielleicht haben sie jemanden kennengelernt. Vielleicht ein Gespräch geführt, mit dem sie nicht gerechnet haben. Vielleicht erzählen sie Kristina von etwas, das sie schon lange tun wollten. Und eine Woche später treffen sie plötzlich eine Entscheidung, die sie sich vorher nicht zugetraut hätten. Inspiration sei der eigentliche Wunsch, sagt Kristina. Nicht als großes Programm, einfach nebenbei. In einem Gespräch, das anders endet, als es begonnen hat. Kein Mensch müsse hier etwas darstellen, niemand müsse wissen, wie man Wein richtig trinkt oder wie man sein Leben richtig lebt. Man darf einfach sein. „Und wenn uns das gelingt“, sagt Markus, „dann ist das ein schönes Geschenk.“
Draußen läuft Piwi über den Hof. Vor dem Lokal sitzt bestimmt schon wieder irgendwer auf der Bank. Dürnstein leuchtet auf der anderen Seite der Donau. Und auf der Terrasse wartet ein Tisch, an den man sich besser nur setzt, wenn die Pläne danach warten können. Es könnte länger werden. Und die Pläne danach könnten sich sowieso ändern. _
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
Robert Herbst Point of view

