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 Nicht größer. Größer gedacht
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Nicht größer. Größer gedacht

23. September 2026

Früher führte Tom Burger internationale Geschäfte. Heute liegt sein „Chefbüro“ auf 2.020 Metern. Dort, wo Evelyn Matejka aus einer Schutzhütte einen Ort gemacht hat, der weit mehr nährt als den Hunger. Gemeinsam zeigen die beiden, warum das gewisse Etwas manchmal genau dann entsteht, wenn ein Unternehmen nicht immer größer werden will.

Evelyn Matejka erscheint kurz in der Tür zwischen Küche und Gaststube. Sie lässt den Blick über die großen Hüttentische wandern, an denen Menschen sitzen, die einander vor wenigen Stunden noch nicht kannten. Als die Gäste sie entdecken, beginnen sie spontan zu applaudieren – für das Essen, für diesen Abend, vielleicht auch für das Gefühl, hier oben für eine Weile angekommen zu sein. Evelyn errötet, nickt schüchtern und verschwindet wieder in ihrer Küche. „Mir genügt es, wenn ihr mir sagt, dass es unseren Gästen geschmeckt hat“, sagt sie später.

Das ist die Franz-Fischer-Hütte im Riedingtal. Kein Ort für die große Bühne. Und gerade deshalb einer, den man nicht so schnell vergisst. Tom Burger kennt die große Bühne. Der Betriebswirt war als Manager überall auf der Welt unterwegs und arbeitete in einer gut dotierten Managementposition. Bis ihn 2005 eine schwere Krankheit körperlich und seelisch an seine Grenzen brachte. „Jeder von uns hat zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn du erkannt hast, dass du nur eines hast“, zitiert Tom aus einem Essay von Ricardo Godim.

„Die größte Gefahr ist die Wachstumsfalle.“
Tom Burger

2018 kommt er als Fernwanderer auf die Franz-Fischer-Hütte und ist an diesem Abend der einzige Übernachtungsgast. Evelyn hat Zeit. Sie sitzen lange zusammen, erzählen einander ihre Geschichten und sprechen darüber, wie ein Leben aussehen könnte, in dem wirklich alles stimmt. Am Ende denken beide denselben Satz: „Genau so möchten wir leben.“ Evelyn verbringt damals bereits seit Jahren jeden Sommer in den Bergen. Sie ist in der elterlichen Arztpraxis aufgewachsen, hat selbst viele Jahre im Krankenhaus gearbeitet und sich früh mit der Frage beschäftigt, was Menschen krank macht – und was sie gesund hält. Ihre Antwort findet sich auch auf ihrem Teller. Sie kocht vornehmlich mit pflanzlichen Zutaten aus der Region, kombiniert Aromen mit erstaunlicher Sicherheit und gibt erst Ruhe, wenn ein Gericht geschmacklich und ästhetisch genau stimmt.

2020 streicht sie nach den Skandalen rund um Fleischindustrie und Tierhaltung auch das letzte Fleischgericht von der Karte. Die Franz-Fischer-Hütte wird zur ersten fleischlosen Schutzhütte der Alpen. In den sozialen Medien urteilen Menschen darüber, die noch nie dort waren. Auf der Hütte selbst gibt es aber, wie Tom sagt, nur „zufriedene und überraschte Gäste“. Heute wissen rund 95 Prozent schon vor dem Aufstieg, was sie erwartet – viele kommen genau deshalb.

Nachhaltigkeit ist für Evelyn und Tom dabei kein Zusatz, den man sich auf die Fahnen schreibt. Sie steckt im gesamten Konzept: in der vorwiegend pflanzlichen Küche, in regionalen Zutaten, im bewussten Umgang mit Ressourcen – und in der Entscheidung, die Hütte nicht immer weiter zu vergrößern. Denn wer auf 2.020 Metern wirtschaftet, spürt unmittelbar, dass alles, was hinaufgebracht wird, irgendwann auch wieder hinuntergebracht werden muss. Weniger Fleisch, weniger Verschwendung, weniger Wachstum um jeden Preis. Dafür mehr Konsequenz. „Wir wollen nicht nur darüber reden, was anders werden müsste“, sagt Tom, „wir wollen auch zeigen, dass es anders geht.“

Man könnte natürlich ausbauen. Mehr Plätze schaffen. Mehr Gäste bewirten. Mehr Umsatz machen. Evelyn und Tom sagen Nein. „Die größte Gefahr ist diese Wachstumsfalle – dass fast automatisch in der Wirtschaft angenommen wird, dass es nur gut sein kann, wenn es mehr wird“, sagt Tom. Also wächst nicht die Hütte, sondern das, was sie ihren Gästen gibt: neue Gerichte, neue Gedanken, neue Geschichten. Es gibt weder Fernsehen noch WLAN, dafür große Tische, eine Bibliothek mit Lieblingsbüchern, eine Feedbacktafel, Bilder, Gedichte und Texte. Und Gespräche, die beim Check-in manchmal mit einer ungewöhnlichen Frage beginnen: „Wie schaut dein innerer Wetterbericht heute aus?“ Die beiden verstehen ihre Hütte als dritten Ort – als einen Platz jenseits von Arbeit und Zuhause, an dem Menschen einander nicht in ihren Funktionen begegnen. Sondern einfach als Menschen.

Ein früherer Geschäftspartner soll einmal über Tom gesagt haben: „Der war mal ganz oben.“ Die Antwort eines Freundes: „Weiter oben als jetzt geht es wohl nicht mehr. Sein Chefbüro liegt nun auf 2.020 Metern.“ Tom erzählt diese Geschichte mit einem Augenzwinkern, aber sie beschreibt ziemlich genau, was sich verändert hat. Erfolg bedeutet für ihn heute nicht mehr Karriere, Einfluss oder materielle Absicherung, sondern die Freiheit, das eigene Lebensbild zu gestalten. Und mit den eigenen Überzeugungen etwas zu einem größeren Ganzen beizutragen. „Nicht etwas beliebig, sondern leidenschaftlich zu tun, macht fast immer den großen Unterschied“, sagt er. Vielleicht ist das dieses gewisse Etwas: Sehr genau zu wissen, was man weglässt, damit das Wesentliche bleiben kann. _

Redaktion

  • Susanna Winkelhofer

Fotos

Georg_Kukuvec

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