Wer pflegt uns morgen?
Irgendwann kommen sie. Die Fragen: Wer pflegt die Eltern? Wer pflegt mich? Wir schieben diese Fragen gerne weg – so lange es irgendwie geht. Bis es plötzlich nicht mehr geht. Ein Frühstück im Lentos. 20 Menschen, die sich dieser Frage stellen. Eine Diskussion. Und die Erkenntnis:
Es ist nie zu früh, um über Pflege nachzudenken.
20 Menschen haben sich früh auf den Weg gemacht. Ins Lentos Café in Linz. Nicht, weil sie mussten. Sondern weil eine Frage sie antreibt, die zu groß ist, um sie auf später zu vertagen. Politikerinnen, Bauträger, Wissenschaftlerinnen, Pflegeheimleiterinnen, Investoren, Sozialarbeiterinnen – Menschen, die das System täglich von innen erleben.
Der Name des Formats ist Programm: Breakfast Bowl. Die Idee kommt vom Moderationsformat Fishbowl, bei dem nicht einer am Podium spricht und alle anderen zuhören, sondern bei dem sich alle einbringen können. Jede Meinung steht für sich. Manchmal auch im Widerspruch zu einer anderen. Passend dazu gibt es Müsli- und Falafelbowls. Und jede Menge Vitamine. Die braucht es, um zunächst einmal die Zahlen verdauen zu können: Mehr als eine halbe Million Menschen beziehen heute in Österreich Pflegegeld. Die Kosten steigen jährlich um sechs Prozent. 947.000 Erwachsene pflegen Angehörige. Jede zehnte Person in diesem Land. Schon heute sind rund zehn Prozent der Bevölkerung 75 Jahre oder älter. Bis 2040 werden es 1,4 Millionen Menschen sein. Und wer über 90 ist, hat eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, Pflege zu brauchen. Das sind keine abstrakten Zahlen. Das ist unsere Mutter. Der Vater unseres besten Freundes. Das sind irgendwann auch wir.
Wie möchtest du alt werden?
Bevor wir über Systeme und Strukturen sprechen, fragen wir ein persönliches Zukunftsbild ab. Ein konkretes. Das eigene. Karin Leitner, Vizebürgermeisterin der Stadt Linz, antwortet zuerst: „Mir wäre es wichtig, dass ich möglichst lange selbstständig zuhause meinen Alltag bestreiten kann. Mit Unterstützung – aber selbstbestimmt. Ich glaube auch, dass das etwas ist, was einen länger glücklich am Leben hält.“ Und wenn das nicht mehr geht? „Dann: ein Heim, in dem man sich gut aufgehoben fühlt – mit Betreuungskräften, die wirklich die Kapazität haben, menschlich zu sein. Und mit einer sozialen Infrastruktur: mit Tageszentrumsangeboten, Begegnungsräumen, anderen Menschen.“
Franz Ebner vom Oberösterreichischen Seniorenbund kennt diesen Wunsch aus seinen Daten: „90 Prozent aller Älteren sagen, sie würden gerne, so lange es geht, in ihrem gewohnten Umfeld selbstbestimmt bleiben. Das ist wie ein alter Baum, den man auch nicht mehr versetzt, so lange es nicht unbedingt notwendig ist.“ Und das Pflegeheim? Kein Tabu mehr, betont er. „Das hat sich wirklich verändert. Heute sagen viele: Wenn ich merke, es geht nicht mehr anders, dann schaue ich mir das an. Ich habe selbst schon mehrfach Pflegeheime besucht. Das ist heute anders als vor 30 Jahren.“
Thomas Keplinger von der APK Vorsorgekasse bleibt pragmatisch. „Die Wahrscheinlichkeit, in den letzten zwei Lebensjahren stationäre Pflege zu brauchen, ist einfach extrem hoch. Das ist Statistik, kein Schreckgespenst. Mein Wunsch: bis dahin so gesund und aktiv wie möglich zu sein. Und wenn es so weit ist: ein Umfeld, das Würde ermöglicht.“
Daniela Scharer, Kommunikations- & Marketingexpertin, vor ihrer Zeit bei der IT:U für das Diakoniewerk tätig, wünscht sich, dass „Altern“ im öffentlichen Diskurs nicht in Gleichklang gestellt wird mit „Pflege“ und: „Ich möchte die Wahl haben, wie ich mein Pflegegeld einsetze. Mein Portfolio an Unterstützungsleistungen möchte ich mir selbst zusammenstellen und das ist mehr als nur mobile und stationäre Pflege.“
Wissenschaftlerin Claudia Leoni-Scheiber hat einen Wunsch, der über das Persönliche hinausgeht: „Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft aufhören, Altern als Problem zu sehen. Theory of Successful Aging – erfolgreich altern – ist keine Utopie. Keine abstrakte Theorie. Das ist Forschung. Wir können physische Gebrechen durch soziale Einbindung ausgleichen. Was ich mir wünsche? Eine Gesellschaft, die das ernst nimmt.“
Georg Redlhammer vom Magistrat Linz denkt – gerade auch als Betroffener einer MS-Erkrankung – an die Stadtinfrastruktur: „Ich wünsche mir eine Stadt, die mitdenkt. Die beim Stadtplan nicht nur an Parkplätze denkt, sondern an Barrierefreiheit, Nahversorgung, Orte der Begegnung. Das Alter beginnt nicht im Pflegeheim. Es beginnt auf der Straße vor dem Haus.“ Und er denkt in Technologie: „Wir haben in Linz ein Pflegeheim, das mit KI-Tools arbeitet. Sturzprophylaxe über Sensorsysteme, Feuchtigkeitssensoren, Telemedizin. Ich glaube, das ist ein Vorreiter in Österreich.“ Sein Wunsch: diese Tools zuhause verfügbar zu machen. „Damit man möglichst lange in der sicheren Umgebung bleibt, auch wenn man unsicher ist. Das wäre sozusagen der letzte Schritt vor dem Pflegeheim.“
Die unsichtbare Arbeit
947.000 Menschen pflegen. Zuhause. Nebenbei. Oft ohne Ausbildung. Häufig ohne Pause. Ohne Alternative. „85 Prozent der pflegenden Angehörigen sind Frauen“, sagt Karin Leitner – und lässt den Satz so stehen. Er braucht keinen Kommentar. „Die Strukturen, die es bisher gegeben hat – Frauen, die zuhause geblieben sind und für die Pflege auf Erwerbstätigkeit verzichtet haben –, die wird es in Zukunft in diesem Ausmaß schlicht und ergreifend nicht mehr geben.“
Cornelia Altreiter-Windsteiger, verantwortlich für Soziales am Amt der OÖ Landesregierung, differenziert: Pflegende Angehörige seien keine homogene Gruppe. „Wir haben sehr unterschiedliche Bilder im Kopf. Die zu Pflegenden können Menschen sein, die einen ganz hohen Pflegebedarf haben und schon sehr handlungsunfähig sind, bis hin zu Menschen, die reine Betreuungsleistungen benötigen.“ Jede Situation brauche eine andere Antwort. Was sie unter „pflegenden Angehörigen“ versteht, beschreibt sie dann sehr konkret: nicht unbedingt jemanden, der vor Ort ist – sondern jemanden, der die soziale Sicherheit gewährleistet. „Es geht in meiner Gedankenwelt sogar schon so weit, dass ich nicht einmal vor Ort sein muss, wenn der Haushalt überwacht ist. Es gibt schon Strommessungen – wenn zum Beispiel die Kaffeemaschine nicht eingeschaltet wird, wird ein Alarm ausgelöst, der auf das Handy der Angehörigen kommt. Ich kann anrufen: ‚Wie geht’s dir, hast du verschlafen? Oder ist etwas passiert?‘ Und dann Hilfe organisieren. Da muss ich nicht unbedingt vor Ort sein.“ Diese Sicherheit sei das Entscheidende. Nicht Anwesenheit. Sondern Erreichbarkeit.
Georg Redlhammer beschreibt, was Linz strukturell angehen will: Sozialberatungsstellen, Community Nurses, Tageszentren. „Wir haben ein gut ausgebautes System, auf das wir stolz sind. Aber wir wissen auch: Es wird nicht reichen. Wir müssen weiter denken.“ Cornelia Altreiter-Windsteiger fordert Spirit statt Plan: „Wir brauchen dieses Wir-Gefühl. Egal ob im Pflegeheim, in der Familie oder bei Betroffenen selbst.“
Ambulant vor stationär – oder: Wer baut die Betten?
Ambulant vor stationär lautet das erklärte Ziel. Dann entbrennt die erste echte Kontroverse des Morgens. Claudia Leoni-Scheiber bringt ein europäisches Gegenmodell: In Dänemark gab es Mitte der 1980er Jahre einen gesetzlichen Baustopp für Pflegeheime. Seither: massive Investitionen in kommunale Strukturen. 80 Prozent aller Altenpflegeleistungen finden zuhause statt. Ihr Fazit: „Für Pflegeheime, so wie wir sie heute in Österreich bauen, gab es einen Baustopp. Pflegeheime zu bauen wäre für mich aus heutiger Sicht ein No-Go.“ Small Scale Living, Senioren-WGs, Demenzdörfer wie in den Niederlanden – dort müsse investiert werden.
Christian Schön von Auris Immo Solutions hört zu. Und widerspricht. Er hat in sechs Jahren 2.200 Pflegeplätze in vier Bundesländern gebaut. Er sieht, was fehlt. „Wir haben in Österreich 30.000 Pflegebetten zu wenig bis 2030. Das sind 200, 300 Pflegeheime.“ Und dann das Argument, dem nichts entgegenzusetzen ist: „105.100 Menschen leben heute in stationären Einrichtungen. Dieser Bedarf steigt. Das können wir nicht wegdiskutieren. Das Thema der stationären Pflege muss man ein bisschen abkoppeln. Bei Pflegestufe 4 bis 7 braucht es medizinische Unterstützung. Wir haben gemessen: Die Verweildauer liegt zwischen zwölf und 18 Monaten. Das sind Menschen in einer sehr vulnerablen letzten Phase. Da ist ein Riesenbedarf da.“
Jennifer Nieke, Direktorin der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege und Medizinische Assistenzberufe am Kepler Universitätsklinikum, bringt eine Forderung ein, die häufig übersehen wird: „Ich wünsche mir bedarfsorientierte und individuelle Pflege. Und dafür brauchen wir kleinere Strukturen in den Pflegeheimen. Kleinere Wohngruppen. Denn nur dann kann das Normalitätsprinzip gelebt werden.“ Besonders bei Demenz – und das ist kein abstraktes Thema: „Jeder Dritte von uns wird statistisch gesehen diese Erkrankung einmal haben. Gerade dann ist das Normalitätsprinzip ganz, ganz wichtig – und das kann ich in großen Strukturen nicht realisieren.“
Sabrina Zeilinger (OÖ Pflege- und Betreuungs-Management) bringt den verbindenden Gedanken: „Ich glaube, für Pflege braucht es einen bunten Blumenstrauß aus verschiedenen Möglichkeiten und Lösungen. Das fängt bei unterschiedlichen Wohnmöglichkeiten an und geht über Personalgewinnung und -entwicklung bis hin zur Sozialraumaktivierung.“
7 Weichen, die jetzt gestellt werden müssen
Martina Bachmaier | Bewusstseinsbildung. Pflege geht uns alle an. Nicht irgendwann. Jetzt.
Karin Leitner | Ein klares Bekenntnis zur strukturellen Infrastruktur. In allen Stufen des Alters. Je früher wir unterstützen, desto länger bleibt Selbstständigkeit möglich.
Franz Ebner | Prävention fördern. Personalrekrutierung vereinfachen. Pflegeplatz „Familien“ stärken. In diesen drei P steckt mehr, als man denkt.
Christian Schön | Institutionelle Investoren bundesweit für Investments in Objekte von stationären Pflegeeinrichtungen zulassen. Damit das System nicht mehr nur von den öffentlichen Budgets getragen werden muss.
Thomas Keplinger | Das Kapital ist da. Die Bereitschaft ist da. Gebt uns die Rahmenbedingungen.
Claudia Leoni-Scheiber | In kommunale Strukturen investieren: Small Scale Living, Senioren-WGs … Dort, wo Menschen wirklich leben.
Cornelia Altreiter-Windsteiger | Mut. Wir haben ganz viele Best-Practice-Beispiele. Wir müssen sie nur gemeinsam weiterentwickeln.
Die vierte Säule?
Drei Säulen tragen die Pflege in Österreich: Staat, gemeinnützige Träger, Familie. Christian Schön plädiert für eine vierte: privates Kapital mit sozialem Auftrag. „Es muss kein Land, keine Stadt das Objekt hinbauen und Geld in die Hand nehmen. Es können auch private oder institutionelle Investoren sein, die das Objekt hinstellen.“ Der sanitätsrechtliche Betrieb bleibe Kernkompetenz der Länder. „Aber man braucht nicht unbedingt öffentliches Geld, um das Objekt zu errichten.“
Thomas Keplinger signalisiert Bereitschaft. Er verwaltet bei der APK Vorsorgekasse das Kapital von 660.000 Beschäftigten. „Ich bekomme sehr große Ohren, wenn ich höre: Es gibt Möglichkeiten, mit dem Geld dieser Mitarbeitenden etwas Sinnstiftendes zu tun.“ Das Kapital sei da. Die Bereitschaft auch. Was fehle: die Rahmenbedingungen. Und konkret: „In Oberösterreich ist es nicht möglich. Das ist für mich als Oberösterreicher nicht ganz angenehm. Aber man muss es so zur Kenntnis nehmen.“
Christian Schön nennt konkrete Zahlen: „Zwei Drittel der Kosten eines Pflegeheims sind Personalkosten. Die Miete fürs Objekt liegt bei zehn bis fünfzehn Prozent. Über diese zehn bis fünfzehn Prozent reden wir hier. Das ist kein Verrat an der Pflege. Das ist Finanzierungsrealismus.“
Darf Pflege Rendite abwerfen?
Die Frage landet wie ein Stein im Wasser. Sie zieht Kreise. Thomas Keplinger dreht die Frage um: „Ich würde es nicht so formulieren: ‚Darf Pflege Rendite abwerfen?‘ Ich sehe es andersrum: Das Kapital ist vorhanden. Und es sucht sinnvolle Verwendung. Ja – wir wollen ein gewisses Maß an Ertrag. Aber das ist kein Widerspruch zu sozialem Auftrag.“
Karin Leitner zieht eine klare Linie: „Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn Modelle eine Rendite abwerfen. Aber es darf kein gewinnorientiertes System werden, unter dem Menschen draufzahlen. Das ist inakzeptabel.“
Pflege in Österreich in Zahlen
500.000+ Menschen beziehen in Österreich Pflegegeld
947.000 Erwachsene pflegen Angehörige zuhause
jede 10. Person in Österreich ist pflegender Angehöriger
3,63 Mrd. Euro Pflegegeld-Ausgaben pro Jahr
10 % der Bevölkerung sind bereits 75 Jahre oder älter
1,4 Mio. werden es bis 2040 sein
90 % Wahrscheinlichkeit, im Alter 90+ Pflege zu benötigen
105.100 Menschen leben heute in stationären Einrichtungen
30.000 Betten könnten bis 2030 fehlen
10,6 Pflegepersonen pro 1.000 Einwohner – EU-Schlusslicht
85 % Frauen unter den pflegenden Angehörigen
23 Jahre durchschnittliche Pensionsdauer heute (1971: 8 Jahre)
Neun Länder. Neun Welten
Und dann ist da noch das typisch österreichische Thema. Neun Bundesländer. Neun Pflegesysteme. Neun verschiedene Wege, Pflegekräfte anzuerkennen, Heime zu genehmigen, Fördertöpfe zu verteilen. Christian Schön mit einem Beispiel aus der Praxis, das verblüfft: „Wir haben in der Steiermark drei bis sechs Monate für den Anerkennungsprozess einer Gesundheits- und Pflegekraft. In Wien zwischen sechs und zwölf Monaten. Die gleiche Person. Die gleiche Ausbildung.“ Und dann, trocken: „Das versteht doch keiner. Wir blockieren uns selbst.“
Claudia Leoni-Scheiber bringt einen Rechnungshofbericht von 2020 mit, der all diese Unterschiede penibelst dokumentiert: null einheitliche Qualitätskriterien, dramatische Varianz beim Skill-and-Grade-Mix. „Der liegt seit sechs Jahren am Tisch. Das ärgert mich schon maßlos. Wir müssen viel schneller in die Gänge kommen.“
Cornelia Altreiter-Windsteiger verteidigt die Regionalität: „Wir haben in Oberösterreich im Zuge der Betreuungsarchitektur 2040 viele Modelle angeschaut. Es gibt ganz unterschiedliche Zugänge in den Gemeinden. Best-Practice-Beispiele. Die müssen wir weiterentwickeln.“ Schön gibt ihr insoweit recht. Aber sein Kernpunkt bleibt: Wenn dieselbe Pflegekraft je nach Bundesland zwischen drei und zwölf Monate auf ihre Anerkennung wartet, ist das nicht mit Regionalität zu erklären. Das ist Bürokratie. Karin Leitner verweist auf den laufenden Reformprozess der Sozialministerin. „Ein Prozess ist in Gang gesetzt. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse.“
Warum wir JETZT hinschauen müssen
„Es ist wichtig, den Menschen ins Bewusstsein zu rücken, dass sie sich mit ihrem Alter auseinandersetzen müssen. Wir brauchen da einen Kulturwandel“, sagt Cornelia Altreiter-Windsteiger, verantwortlich für den Bereich Soziales am Amt der OÖ Landesregierung. „Es ist oft ein einziges Ereignis der Auslöser – Oberschenkelhalsbruch, was tun wir jetzt? Man hat sich nie damit beschäftigt, die Angehörigen sowie die betroffenen Personen selbst nicht.“ Ihr Appell: offen damit umgehen. „Wegzuschieben bringt nichts. Wir müssen alle zusammenhelfen.“ Es brauche ein neues Wir-Gefühl – egal, ob im Pflegeheim, bei pflegenden Angehörigen oder Betroffenen selbst.
Wer pflegt die Pflegenden?
Es gibt da noch ein Problem. Eines, über das zu selten gesprochen wird. „Pflege ist komplexer geworden“, sagt Sabrina Zeilinger. „Die Menschen werden hochaltrig, sind multimorbid, haben psychische Belastungen. Das sind Sachen, mit denen man sich früher weniger auseinandersetzen musste.“ Christian Schön hat dazu eine Umfrage unter Pflegekräften gemacht: „Sie möchten mehr an Patienten arbeiten. Sie möchten mit dem Bürokratismus der ganzen Dokumentation nicht erschlagen werden. Schauen wir, dass wir diesen empathischen Menschen auch genügend Raum und Zeit geben, am Menschen arbeiten zu können.“
Maria Nöbauer von der Volkshilfe lenkt den Blick auf etwas, das sich schleichend verändert hat: „In den letzten 20 Jahren ist der Anteil der über 65-Jährigen in Österreich um 42 Prozent gestiegen. Und in den nächsten 20 Jahren wird das noch einmal passieren.“ Die Infrastruktur wachse nicht im gleichen Tempo: Es braucht erstens das Bekenntnis dazu, pflegebedürftige Menschen solange als möglich zu Hause betreuen und pflegen zu wollen, was den Wünschen der meisten Menschen im Alter entspricht und der volkswirtschaftlich günstigste Weg der Versorgung ist.
Zweitens das Bekenntnis zur Schaffung attraktiverer Rahmenbedingungen für das Pflegepersonal (Stichwort Dienstplansicherheit, Stichwort Anstellungsausmaß, welches den Wünschen der Mitarbeitenden entspricht), damit ein oft als anstrengend bzw. unattraktiv erlebtes Berufsbild die Chance zum Change bekommt. Dann würden sich viel mehr Menschen in Österreich für das Erlernen eines Pflegeberufs entscheiden und dann auch diesem Beruf verbleiben. Wir dürfen keine Talente an andere Branchen verlieren!
Jennifer Nieke kennt die andere Seite dieser Geschichte. An ihrem Ausbildungszentrum am Kepler Uniklinikum ist das Interesse stark gestiegen. „2021 hatten wir 96 Auszubildende. Heute sind es 518.“ In jeder Ausbildung gebe es dreimal so viele Bewerberinnen und Bewerber wie Plätze. „Die Interessenten sind da. Aber wir brauchen die Ressourcen.“ Gleichzeitig fordert sie bundesweite Standards für Nostrifikationen: „Ich finde es wichtig, dass man sich bundesländerübergreifend zusammensetzt. Nicht, um Zeit zu sparen – sondern um Qualität zu sichern. Gleich, aber nicht schlechter.“
Prävention rettet nicht alles – aber vieles
Franz Ebner spricht von drei P: Prävention, Personal-
rekrutierung, Pflegeplatz „Familie“. „Im Jahr 1971 hat man nach der Pensionierung durchschnittlich acht Jahre gelebt. Heute sind es 23 Jahre.“ Gewonnene Lebenszeit, die gestaltet werden will. Aber: „Wir haben bei den gesunden Jahren im europäischen Vergleich nicht gewonnen. Das ist die eigentliche Herausforderung.“
Thomas Keplinger bremst die Euphorie: „Prävention ist sinnvoll. Ich habe sie bei meinen Eltern aktiv betrieben. Aber ehrlich gesagt: Es ist ein Hinausschieben – kein strukturelles Lösen. Die Wahrscheinlichkeit, in den letzten zwei Lebensjahren stationäre Pflege zu brauchen, bleibt.“ Franz Ebner kontert: „Aber wenn wir das Problem um zehn Jahre nach hinten verschieben, verteilt sich der Bedarf auf einen längeren Zeitraum. Das hilft dem System.“ Keplinger schließlich trocken: „Der demografische Nachschub ist erfreulicherweise gesichert. Ich bin bald 60. Also ich komme.“ Gelächter am Tisch. Und dann: Stille. Das Thema ist angekommen.
Eingesperrt? Ein Mythos, der sich hält
Martina Bachmaier vom Seniorenzentrum Keferfeld-Oed spricht über etwas, das sie täglich erlebt: die Vorurteile. Die Bilder im Kopf von Menschen, die noch nie ein Pflegeheim von innen gesehen haben. „Wenn die Familie einen Pflegeplatz braucht, kommen die Fragen: ‘Darf man bei Ihnen überhaupt hinein und hinaus? Ja, die Türe ist den ganzen Tag offen. Gibt es Besuchszeiten? Nein, es gibt keine Besuchszeiten. Darf ich vielleicht ein Gewand mitnehmen? Ja, natürlich dürfen Sie ein Gewand mitnehmen.“
Das Dorf, das wir brauchen
Martina Bachmaier hat einen Vergleich parat: „Es gibt so ein Sprichwort: Man braucht ein ganzes Dorf, um Kinder großzuziehen. Und genauso braucht es ein ganzes Dorf, um alt zu werden. Das können wir nicht delegieren – nicht an den Staat, nicht an die Heime, nicht an die Familie allein. Das sind wir alle.“ Sie hat beobachtet, wie das in manchen Gemeinden schon funktioniert: Wenn jemand mit Demenz das Haus verlässt, wird er in der Nachbarschaft erkannt und zurückgebracht. Die Nachbarin ruft an. Denkt mit, fühlt mit. Das ist nicht System. Das ist Gemeinschaft._
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
Thomsen Photography