Wie wird man eigentlich zum Innovationsland?

Die Steiermark gilt als Österreichs innovativstes Bundesland: Nirgendwo gibt es mehr für die Forschung wichtige Kompetenzzentren, mit etwa fünf Prozent hat man zudem die höchste F&E-Quote Österreichs und einen Spitzenplatz in Europa. Warum ist das so – und was sind die wichtigsten Faktoren für diese Entwicklung?

Der Erzberg ist schon seit Jahrhunderten die wohl wichtigste Grundlage für die steirische Wirtschaft. Seit über 1.300 Jahren wird dort Eisenerz abgebaut und nach Norden und Süden exportiert. Anfang des 19. Jahrhunderts geriet die wohlhabende Region aber in Rückstand gegenüber den Mitbewerbern. Durch den schnellen technischen Fortschritt musste dringend eine Steigerung der Produktivität her, um global erfolgreich zu bleiben – und dazu fehlte es an qualifizierten Fachkräften. Erzherzog Johann erkannte das Problem, gründete 1811 die technisch-naturwissenschaftliche Lehranstalt

„Joanneum“ und legte damit auch den Grundstein für die heutige Montanuniversität, die 1840 gegründet wurde. „So ist es mit der Steiermark als Innovationsbundesland losgegangen“, sagt Wilfried Eichlseder, Rektor der Montanuniversität Leoben.

Die Universität ist auch heute noch einer der wichtigsten Treiber für die Innovation im Bundesland, ursprünglich als Ausbildungs- und Forschungsstätte für das Berg- und Hüttenwesen gegründet, beschäftigt man sich heute mit verschiedensten Werkstoffen, Umwelttechnik, Wertschöpfungsketten und Recycling unter der Prämisse der Nachhaltigkeit. Derzeit werden zwölf Bachelorstudien und 18 Masterstudien angeboten, bei einigen davon war man Vorreiter. „Wir haben schon 1992 das Studium Industrielle Umweltschutz- und Verfahrenstechnik eingeführt, damit waren wir unserer Zeit sicher 15 Jahre voraus“, sagt Eichlseder. Einer der derzeitigen Forschungsschwerpunkte der Universität ist Recycling. Wichtig ist dabei die intensive Kooperation mit der Industrie – etwa mit der Amag oder der Voestalpine.

Insgesamt zählt die Montanuniversität 3.700 Studierende und 1.300 Mitarbeiter, die mit etwa 400 Forschungspartnern kooperieren, die meisten davon sind industrielle Betriebe. „Für mich ist Innovation das ständige Schleifen an der Herausforderung, mich anpassen zu müssen, um im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben“, sagt Eichlseder.

Von der Not zur Tugend

Nach dem Innovationsschub im 19. Jahrhundert wurde die Steiermark in den 80er und 90er Jahren abermals vor eine Herausforderung gestellt. „Die grundstofflastige, staatliche Industrie der Steiermark schlitterte in eine schwere Krise“, sagt Thomas Krautzer, der zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region forscht und das Institut für Wirtschafts- Sozial- und Unternehmensgeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz leitet. Kein anderes österreichisches Bundesland war derart betroffen, erst spät erkannten die Handelnden die Notwendigkeit einer Anpassung an tiefergreifende strukturelle Wandlungen. „Der Wendepunkt war dann die Obersteiermarkstudie, für die zahlreiche Wissenschaftler beauftragt wurden“, erinnert sich Krautzer. Die Erkenntnisse der Studie: In ihrer derzeitigen Form haben die heimischen Industriebetriebe keine Chance. „Es gab aber auch Hoffnung. Es zeigte sich, dass die ansässigen Firmen einen guten technologischen Kern haben, auf den man durch verstärkte Forschung aufbauen kann“, sagt Krautzer. Die Ergebnisse waren der Grundstein für eine neue Innovationsstrategie. Krautzer: „Ziel war es, in hochspezifischen Segmenten über Forschung und Entwicklung mit neuen, innovativen Produkten global zu punkten, anstatt wie bisher in der Massenproduktion.“ Aus dem Schulterschluss von Instituten und Unternehmen entstand bald ein Exportschlager, der heute noch höchst erfolgreich ist: speziell gehärtete Eisenbahnschienen mit viel längerer Produktlebenszeit als der Mitbewerb. „Als man gespürt hat, dass die neue Innovationsstrategie als Rettungsanker greift, hat man sich stärker darauf zu fokussieren begonnen – bis heute“, sagt Krautzer.

Betrachtet man die Zahlen, wird deutlich, welchen Stellenwert Innovation im Bundesland hat: An 25 von 42 österreichischen Kompetenzzentren, die Forschungskapazitäten bündeln, ist die Steiermark beteiligt. Mit fast fünf Prozent Forschungs- und Entwicklungsquote hat die Steiermark die höchste Quote Österreichs, auch europaweit ist der Wert im absoluten Spitzenfeld angesiedelt. „Das liegt ganz klar an der starken Position der technologieorientierten, forschungsintensiven Industrie“, sagt Krautzer.

500 Projekte jährlich

Mit dieser Industrie arbeitet die Joanneum Research Forschungsgesellschaft eng zusammen, man entwickelt Lösungen und Technologien für Wirtschaft und Industrie und betreibt internationale Spitzenforschung. Die drei übergreifenden Themenbereiche Informations- und Produktionstechnologien, Humantechnologie und Medizin, Gesellschaft und Nachhaltigkeit gliedern sich in sieben Institute. „Wir agieren als anwendungsorientierte Einrichtung, die Grundlagenerkenntnisse von Universitäten in konkrete Produkte und Services umwandelt“, sagt Joanneum Research-Geschäftsführer Wolfgang Pribyl. Die Gesamtforschungsleistung der Gesellschaft beträgt circa 50 Millionen Euro pro Jahr. „Wir wickeln etwa 500 Projekte jährlich ab, von der unabhängigen Forschung, über die geförderte bis zur Auftragsforschung. Der Umfang reicht von Kleinprojekten bis zu großen nationalen und internationalen Projekten, die von der FFG oder der EU gefördert werden“, erzählt Pribyl. Etwa 80 Prozent ihrer Gesamtkosten finanziert die Joanneum Research selbst, etwa durch Auftragsforschung mit Unternehmen, oder über Lizenzrückflüsse, zusätzlich ist man an 18 Firmen und zahlreichen Kompetenzzentren beteiligt. Rund 470 Mitarbeiter der Joanneum Research forschen am Hauptstandort Graz sowie in Pinkafeld, Niklasdorf, Weiz, Klagenfurt und in Wien.

In Weiz wurde im Oktober das neu gestaltete Human-Factors-Labor eröffnet, das den Menschen, sein Verhalten, seine Belastbarkeit und seine Emotionen in den Mittelpunkt stellt. Neu entwickelte Mess- und Assistenztechnologien sollen Daten über das menschliche Verhalten unaufdringlich sammeln. Diese Daten werden dann als Grundlage für digitale Systeme verwendet, die Menschen in belastenden Situationen optimal unterstützen können. Die Infrastruktur des neuen Labors ist vielseitig: So kann etwa mit Datenbrillen die Belastung am Arbeitsplatz durch Stressfaktoren ermittelt werden, in diesem Zusammenhang wurden erstmals Indikatoren für mentale Überforderung durch Multitasking und Dauerbelastung erhoben. Besonderer Schwerpunkt: Assistenzsysteme und Vorsorge für Demenzbetroffene. Gemeinsam mit dem Grazer Hi-Tech-Start-up „digitaaL Life“ wurde ein Tablet-Prototyp entwickelt, der spielerisch den Fortschritt von Demenz durch das Blickverhalten der Betroffenen bestimmt.

Für mich ist Innovation das ständige Schleifen an der Herausforderung, mich anpassen zu müssen, um im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben.

Wilfried Eichlseder Rektor, Montanuniversität Leoben

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