Vom Paragraphen zum Prompt
Wer heute als Wirtschaftsrechtsanwältin erfolgreich sein will, braucht mehr als juristische Expertise. Wir treffen Marion Schimböck von Schönherr Rechtsanwälte und sprechen mit ihr über KI im Kanzleialltag, die Kraft des persönlichen Kontakts und darüber, warum das Komplexe immer beim Menschen bleiben wird.
Es war kein großer Plan, sondern ein Schulausflug, der Marion Schimböcks Karriere in Gang gesetzt hat. Ihre damalige Schule liegt direkt in der Nähe des Landesgerichts Linz, und als die Klasse eines Tages einer Gerichtsverhandlung beiwohnen darf, wird etwas in ihr wach. „Ich habe mir dann öfter Verhandlungen angeschaut und mein Interesse für rechtliche Themen entdeckt“, sagt sie. Daraufhin studiert sie in Wien Jus, arbeitet parallel dazu bereits in Anwaltskanzleien und verbindet Theorie und Praxis von Anfang an. Nach dem Studium folgen Anwaltsprüfung und Richteramtsprüfung.
Seit Februar 2024 ist sie Teil von Schönherr Rechtsanwälte, einer der renommiertesten Wirtschaftskanzleien der Region. Ihr Hauptfokus: das Immobilienrecht. Warum ausgerechnet Schönherr? „Mich haben die Mandantenstruktur, die inhaltliche Tiefe und die Möglichkeit, an lokalen sowie internationalen Fällen mitzuwirken, begeistert. Das war immer das Umfeld, in dem ich mich am wohlsten fühle.“
Zwischen Kaffee und KI
Wenn Marion Schimböck ihren Arbeitstag beschreibt, sticht ein Satz besonders heraus: „Während die Kaffeemaschine läuft, werden schon die KI-Tools aktiviert.“ Was vor wenigen Jahren in dieser Form noch undenkbar gewesen wäre, ist heute tägliche Praxis. Die Kanzlei arbeitet mit zwei internationalen KI-Anbietern zusammen, ein eigenes KI-Team in Wien koordiniert die Zusammenarbeit und leitet Praxisfeedback direkt an die Entwickler zurück. Eine Zusammenarbeit, die sich gegenseitig befruchtet: Die Anwältinnen und Anwälte entdecken im Alltag neue Anwendungsfelder, melden sie weiter, und kurz darauf gibt es wieder neue Funktionen. „Das ist ein gegenseitiges Wachsen“, sagt Marion Schimböck.
Konkret hilft die KI vor allem dort, wo Volumen auf Zeit trifft: Bei Due-Diligence-Prozessen mit enormen Datenmengen, bei der Analyse von Judikatur und Literatur, bei repetitiven Prüfschritten. Außerdem arbeitet die Kanzlei mit einem eigenen Übersetzungstool, das auch umfangreiche Dokumente in wenigen Minuten in alle erdenklichen Sprachen übersetzen kann. „Wo ich früher in einer bestimmten Zeit eine Auswertung gemacht habe, ist jetzt eine viel größere Analyse möglich. Das steigert insgesamt die Qualität.“ Und das Endprodukt selbst? „Das ist zu 100 Prozent menschlich. Daran ändert sich nichts.“
Flexibel und abwechslungsreich
Corona hat die Kanzleiwelt aufgebrochen. Hybrides Arbeiten ist längst kein Zugeständnis mehr, sondern Normalzustand. Verträge überarbeiten von unterwegs, Besprechungen hybrid führen, mandatsbezogene Unterlagen über eigene digitale Plattformen teilen, statt Unmengen an E-Mails hin und her zu schicken. Das alles ist heute selbstverständlich. Und trotzdem: „Bei gewissen Aufgaben, gerade wenn es um das persönliche Fingerspitzengefühl geht, ist Präsenz entscheidend. Ich bin sehr gerne in der Kanzlei, um den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen zu haben.“
Im Linzer Büro von Schönherr arbeiten fünf Anwältinnen und Anwälte, eingebettet in ein großes internationales Netzwerk. Marion Schimböck selbst ist regelmäßig im Head Office Wien und verbindet dies mit Terminen für ihr berufsbegleitendes Masterstudium im Immobilienmanagement und Bewertung an der Technischen Universität. Linz und Wien, Kanzlei und Hörsaal, Präsenz und remote. Ihr Alltag ist kein Entweder-oder, sondern ein souveränes Sowohl-als-auch. Und kein Tag ist gleich. Genau das macht die Arbeit für sie so spannend.
Was die KI nicht lernen wird
Macht ihr die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz manchmal Sorgen? Marion Schimböck zögert keinen Moment: „Nein.“ Die hochkomplexe juristische Arbeit, das strategische Mitdenken, das Vertrauensverhältnis zu Mandanten, all das sieht sie als Kern ihres Berufs, den kein Tool je übernehmen wird. „Der Mandant wünscht sich einen strategischen Sparringspartner an der Seite. Jemanden, der die wirtschaftlichen, persönlichen und strategischen Überlegungen mitbedenkt.“ Und der Kanzleialltag zeigt es täglich: Auch dort, wo hybrides Arbeiten technisch problemlos möglich wäre, kommen Mitarbeitende freiwillig ins Büro. Weil der Mensch ein soziales Wesen bleibt, egal wie gut die Tools werden.
Jungen Juristinnen, die heute in den Beruf einsteigen, gibt sie deshalb einen Rat mit, der so klar wie zeitgemäß ist: offen sein für Technologie und keine Scheu vor Veränderung haben. Und gleichzeitig die Social Skills schärfen, den Weitblick kultivieren und die eigenen Werte nicht aus den Augen verlieren. Denn sie ist überzeugt: „Die Fähigkeit, Technologie klug zu nutzen, ohne das Menschliche dabei zu vergessen, wird immer wichtiger werden.“_
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
Sabine Kneidinger