SUMMER and the city BOZEN
Es gibt Glaubenssätze, die darf man ruhig mal über Bord werfen. Zum Beispiel: Städtereisen seien nur etwas für Frühling oder Herbst. Oder: Bozen sei eine Stadt für die Durchreise. Wer hier wirklich ankommt – nicht nur durchfährt, sondern bleibt, schaut, kostet, atmet –, versteht: Slow Travel hat eine Hauptstadt. Und die liegt in Südtirol.
Bozen. 35 Grad. Wir würden erwarten: leere Gassen, geschlossene Läden. Stattdessen: volle Tische, gedämpftes Stimmengewirr auf Deutsch, auf Italienisch, auf Englisch, Lachen, ein Aperol in der Hand, das Leben in vollem Gange. Kein Meeresrauschen, kein Salz in der Luft. Und trotzdem: Wer hier im Sommer (oder wann auch immer) ankommt und sich hinsetzt – einfach hinsetzt, ohne Plan, ohne nächsten Programmpunkt –, merkt schnell, dass er gerade nicht durchreist. Sondern wirklich angekommen ist. Bozen macht das mit einem. Leise, beiläufig, unaufgeregt.
Stadtgeflüster
Slow Travel braucht in Bozen keine App und kein Manifest. Es passiert von selbst. Die mittelalterlichen Laubengänge – jahrhundertealte Arkaden, kühl im Schatten, belebt zu jeder Stunde – sind nicht für Eilige gebaut. Man schlendert, bleibt stehen, dreht um, schaut nochmal. Die Gewölbedecken der alten Läden wirken fast feierlich. Die Gassen erzählen. Man muss nur langsam genug gehen, um es zu hören.
Und dann sitzen wir auf einmal auf dem Waltherplatz. Hier spielt sich alles ab. Flanieren, Beobachten, Sitzen, Reden. Der Dom im Hintergrund, die Berge dahinter, und vorne: das pralle Leben. Und dann, 18 Uhr. Feierabend? Stattdessen: Aperitivo. In Bozen geht man nach der Arbeit nicht nach Hause. Man geht in eine Bar. Südtiroler Speck, Käse, ein Spritz – und Gespräche, die sich einfach echt anfühlen und nicht nach Touristengeplänkel.
Ja, auch in Bozen gibt es richtig heiße Tage im Sommer. Aber wer das als Argument gegen einen Besuch ins Treffen führt, hat die Rechnung ohne die Rittner Seilbahn gemacht. Zehn Minuten – und man ist auf 1.200 Metern. Dort, wo der Blick auf die Dolomiten fällt, wo Wanderwege, Stille und frische Luft warten. Bozen ist nämlich eine Stadt, aus der man ganz schnell entkommen kann und in die man ebenso gerne wieder zurückkommt. Ein Spiel zwischen unten und oben, zwischen urban und alpin, zwischen Espresso und Bergluft. Und das alles ohne Eile.
Ein Vormittag. Fünftausend Jahre
Slow Travel bedeutet auch: tief gehen statt weit. Und kaum eine Stadt bietet dafür so viel auf so engem Raum. Im Südtiroler Archäologiemuseum empfängt Ötzi – 5.300 Jahre alt, perfekt erhalten – mit einem Schweigen, das mehr erzählt als jeder Audioguide. Man braucht keine Stunden. Aber man nimmt sich welche. Unwillkürlich.
Fünf Minuten Fußweg entfernt: das Museion. Zeitgenössische Kunst in einer Architektur, die selbst eine Ansage ist. Vergangenheit und Zukunft, keine 500 Meter voneinander entfernt. Das ist kein Zufall, das ist Bozen.
Die Sache mit der Liebe. Und dem Magen
Natürlich erwarten wir in Italien gutes Essen. Und doch bekommt man hier in Bozen noch ein bisschen mehr. Zum Beispiel den Obstmarkt im Herzen der Stadt. Kein touristisches Accessoire, sondern gelebter Alltag. Frisches Obst und Gemüse, Käse, Speck, Brot vom Bauern. Daneben: Pur Südtirol, der Genussmarkt, in dem Einkaufen zur Entschleunigung wird.
Und dann die Restaurants! Ja klar, Südtiroler Küche. Aber nicht nur. Hier finden wir Adressen, die zeigen, dass alpine Tradition und mediterrane Leichtigkeit kein Widerspruch sind, sondern eine Einladung. Wer hier isst, versteht, warum die Bozner so gelassen wirken. Und ihre Stadt das ganze Jahr lieben. Gerade auch im Sommer.
>PLACES TO BE
Unsere Lieblingsadressen in Bozen für …
#Kulinarik
Pizzeria Il Corso. Weil die ohnehin fabelhafte Pizza unter den Grieser Lauben noch fabelhafter schmeckt.
Gasthaus Fink. Weil es hier die köstlichsten Klassiker der Südtiroler Küche gibt.
Wirtshaus Vögele. Weil es so etwas wie das Wohnzimmer der Bozner ist. Unbedingt probieren: das Knödel-Kistel!
37 alpine eating. Weil wir hier auf der Skyterrasse zeitgemäß interpretierte Südtiroler Küche genießen und das gesamte Konzept auf der Verwendung heimischer Produkte basiert.
Mochi Bozen. Weil wir das Mochi aus Wien kennen (und lieben) und es hier vor einem Jahr seine erste Dependance außerhalb Österreichs auf der spektakulären Dachterrasse des Falkensteiner Hotels Bozen Waltherpark eröffnet hat.
#Shopping
Pur Südtirol. Mitten in der Mustergasse, nur ein paar Schritte vom Waltherplatz: tausende Südtiroler Spezialitäten, biologische Delikatessen zum Mitnehmen und eine handverlesene Weinauswahl mit echten Raritäten. Einkaufen als Entschleunigung.
Kauri Store. Bewusster Konsum, der nicht wie Verzicht aussieht. Hochwertige, ethisch produzierte Produkte – Nachhaltigkeit, die man tragen und verschenken möchte.
Oberrauch Zitt. Seit 1848 unter den Bozner Lauben die erste Adresse für Mode. Sechs Etagen, auf denen sich alpine Tradition und internationales Design die Hand geben – von Tracht bis Abendkleid.
#Kontakte knüpfen + Inspiration
Black Sheep. Hohe Qualität, viel Ironie, noch mehr Handwerk. Wer hier reinkommt, bleibt länger als geplant.
Meta Restaurant. Südtiroler Produzenten treffen auf internationale Einflüsse.
Museion Café. Das Café des zeitgenössischen Kunstmuseums – mit Terrasse, wechselndem Mittagsmenü und einem Ambiente, das Gespräche fast von selbst in Gang bringt.
Rund um Bozen
Raus aus der Stadt, rein in die Sommerfrische
Ritten. Mit der Rittner Seilbahn auf 1.200 Meter – und sofort atmet man durch. Oben: die Freudpromenade (ja, Freud hat hier Urlaub gemacht) und die Erdpyramiden von Oberbozen, die aussehen, als hätte sie jemand erfunden. Einkehren im Restaurant Puro. Aussicht inklusive.
Kohlern. Mit der Kohlerer Seilbahn – einer der ältesten Südtirols – fährt man hoch und findet: Stille, Wanderwege … und den Gasthof Kohlern (Mitglied Südtiroler Gasthaus). Bodenständig, ehrlich, gut.
Jenesien. Europas größtes Lärchenplateau. Ein Spaziergang hier ist kein Ausflug – er ist eine Pause vom Denken. Sanfte Wege, alte Bäume, weite Blicke. Danach: Einkehr im Gasthof zum Hirschen.
#Kultur
Museion. Kein Museum im klassischen Sinn – sondern ein Ort, der Kunst als lebendige Kraft begreift. Internationale Ausstellungen, eine Architektur, die selbst eine Aussage ist, und ein Team, das Kreativität und kritisches Denken nicht nur ausstellt, sondern lebt.
Parkhotel Mondschein. Kaffee trinken und die Geschichte genießen: Denkmalgeschützte Fassade, Jugendstilbalkone, efeuberankte Mauern – und dahinter ein verträumter Park mit Palmen, Pool und Bergpanorama mitten in der Stadt. Geschichte und Gegenwart spielen hier so selbstverständlich miteinander, dass man gar nicht mehr aufhören möchte, hinzuschauen.
Restaurant Bistro aLMa9. Südtiroler Zutaten treffen auf die Gewürzwelt des Orients – Zitronenrisotto neben Schafspießen mit Tahini, Blüten vom eigenen Hof neben Rezepten aus Tel Aviv. Ein Garten, in dem man ankommen und nicht mehr aufhören möchte zu essen. Und das täglich selbst gebackene Brot macht den Anfang.
#unvergessliche Nächte
Boutique Hotel Goldenstern Townhouse. Vier Gebäude aus dem Jahr 1280, mitten unter den historischen Laubengängen. 36 Zimmer, jedes anders eingerichtet, jedes mit einer eigenen Geschichte. Wer hier schläft, schläft in Bozen – nicht in einem Hotel.
Hotel La Briosa. Gebaut aus zertifiziertem Mondholz – das sieht man nicht, aber man spürt es. Eine Ruhe, die aus dem Material selbst zu kommen scheint. Und ein Frühstücksbrot aus der hauseigenen Backstube, das den ganzen Tag trägt.
Eisenhut Boutique Hotel. Denkmalgeschützte Fassade, dahinter: nagelneu. Vier begrünte Lichthöfe, Terrazzoböden, sanfte Farben – die Natur kommt nach drinnen, und draußen beginnt die Stadt direkt vor der Tür. _
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
IDM Südtirol / Alex Filz, Alto Adige Manuel Ferrigato, Wein Tiberio Sorvillo


