Pfiat di!
Der herzliche österreichische Abschiedsgruß könnte sinnbildlich für die „möglichst“ liebevolle Übergabe und Übernahmebegleitung eines Familienbetriebs an die nächste Generation stehen. Könnte. Denn ein wichtiger Teil der Arbeit beginnt erst, nachdem sich die reifere Generation aus dem Unternehmen verabschiedet hat, wissen August Staudinger und seine Tochter Nadine Aichmayr. Gemeinsam mit Ehefrau und Mutter Petra und ihrem Team bei Staudinger & Partner begleiten sie Familienunternehmen über Generationen hinweg.
„Ratschläge sind bekanntlich auch Schläge“, erklärt August Staudinger mit einem Schmunzeln, noch bevor er und seine Tochter Nadine es sich im Podcaststudio bequem machen. Unternehmen beherzt zu begleiten, ist ihnen lieber. Was zunächst nach einem nur feinen Unterschied klingt, ist für die beiden einer der zentralsten überhaupt. „Berater kommen, analysieren, empfehlen und gehen wieder. Begleiter bleiben.“ Manchmal über Jahre, manchmal über Generationen und manchmal beginnt die eigentliche Arbeit erst dann, wenn die Übergabe auf dem Papier längst erledigt ist.
Denn eine Unternehmensübergabe lässt sich rechtlich regeln. Was dabei allerdings nicht automatisch geregelt ist, sind die Menschen. Wer will wirklich übernehmen? Wer kann es? Und vor allem: Wer darf seinen eigenen Weg gehen und wie sieht dieser aus? Für August ist das die bedeutendste Frage jeder Nachfolge. „Als Senior muss man aufpassen, dass man nicht automatisch glaubt zu wissen, was für die Kinder das Beste ist.“ Natürlich wolle jeder Vater und jede Mutter, dass es den eigenen Kindern gut geht. Und natürlich sei es verlockend, das eigene Lebenswerk in Hände zu legen, von denen man sich erhofft, dass sie es ähnlich weiterführen werden. Doch genau darin liegt die Gefahr.
Nadine Aichmayr kennt beide Seiten. Sie selbst ist vor vierzehn Jahren in den Familienbetrieb eingestiegen. Mit ihrer Geburt stand das nicht automatisch fest, es geschah aus Neugier. Nach der Landwirtschaftsschule musste sie sich als 15-Jährige erstmals mit der Frage beschäftigen, wohin ihr beruflicher Weg sie führt – „eigentlich ein Wahnsinn, wenn man so darüber nachdenkt“. Auch nach dem letzten Pflichtpraktikum wusste sie es noch immer nicht. Also ging sie dorthin, wo sie bis dato nur vage wusste, was ihre Eltern eigentlich machten: „ins Büro daheim.“
Sechs Wochen später war sie im Bilde. Und ist geblieben. Heute ist sie jene Person im Unternehmen, die besonders eng mit den Übernehmern arbeitet. „Oft vertrauen mir die Nachfolger Dinge an, die sie sonst nicht sagen würden“, erzählt sie. Ihre Stärke liegt im Verständnis für Unsicherheiten, für Erwartungen und für die leise Frage auf Augenhöhe, die bei vielen mitschwingt: Darf ich das eigentlich anders machen? Die Antwort sollte immer „Ja“ lauten.
Gerade in Familienunternehmen ist die Vergangenheit mächtig. „Wir begleiten Unternehmen, die auf eine Geschichte von bis zu 550 Jahren zurückblicken.“ Für die einen beeindruckend, für die anderen erdrückend. „Für die nächste Generation kann diese Historie eine ziemlich schwere Last sein.“ Freiheit ist deshalb ein Wort, das im Gespräch mit Vater und Tochter immer wieder vorkommt. „Man muss nicht alles können“, sagt August. Entscheidend sei vielmehr, zu wissen, wer etwas besonders gut könne – und diese Menschen dann auch machen zu lassen. Das gelte innerhalb der Familie genauso wie im Unternehmen. Jeder habe andere Stärken und erst miteinander entstehe das Beste.
Offene und ehrliche Kommunikation mache vieles leichter, sind sich die beiden einig, und eine Regel helfe ihnen selbst besonders: „Störungen sofort ansprechen.“ Wenn Ärger entsteht, soll nicht tagelang darüber hinweggegangen werden, erst recht nicht aus Loyalität. Aber: „Situationen emotionslos ansprechen.“ Nicht den Menschen angreifen, sondern die Sache klären, bevor aus einer kleinen Störung ein großer Konflikt wird.
Was banal klingt, ist gerade in Familienunternehmen – also dort, wo Arbeit und Familie als zwei schwer zu trennende Lebensbereiche aufeinandertreffen – nicht immer einfach. Entscheidungen, die im Büro sachlich aussehen, können am Esstisch plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen. Wer wird Nachfolger? Wer bekommt welche Verantwortung? Was passiert mit Geschwistern? Welche Rolle behalten die Eltern? Und was passiert, wenn ein Familienmitglied gar nicht übernehmen möchte? All das sind wegweisende Fragen, die es zu klären gilt.
Deshalb beginnt bei Staudinger & Partner eine gelungene Übergabe auch nicht mit dem Steuerberater oder dem Juristen. „Diese Experten braucht es alle – aber später.“ Zuerst müsse die Familie klären, was sie eigentlich will und welche Lösung sich für alle Beteiligten richtig anfühlt. Ihr Modell der „liebevollen Übergabe“ versucht, genau diese unterschiedlichen Ebenen zusammenzubringen. Die Basis bilden die gemeinsamen Werte von Familie und Unternehmen. Auf diesem Fundament stehen fünf Säulen, die möglichst in Balance bleiben sollen: Innovation und Entwicklung, Personal und Soziales, Stabilität und Sicherheit, Nachhaltigkeit sowie Wirtschaftlichkeit. Und darüber liegt das Dach: die gemeinsame Vision.
Ein schönes Bild für eine Erkenntnis, die sich durch das gesamte Gespräch zieht: Ein Unternehmen kann wirtschaftlich perfekt aufgestellt und trotzdem instabil sein, wenn die Menschen darunter nicht mehr miteinander funktionieren. Daher endet die Begleitung meist auch nicht mit der Unterschrift unter dem Übergabevertrag. „Manchmal braucht es danach nur noch einen Termin im Jahr. Manchmal deutlich mehr.“ Entscheidend sei, dass jemand da ist, der von außen auf das Unternehmen blickt. „Jeder Unternehmer ist in seinem eigenen Hamsterrad“, sagt Nadine. In diesem Wissen holen auch sie selbst sich externe Begleitung ins eigene Unternehmen.
Beiden ist wichtig, offen für Veränderung zu sein. Seit mehreren Jahren beschäftigt sich das Unternehmen intensiv mit Künstlicher Intelligenz, hat eine eigene KI- und Digitalisierungsabteilung aufgebaut und begleitet Kunden dabei, Schritt für Schritt in die neue Welt zu kommen. August nennt es „vom Krabbeln bis zum Laufen“.
Und ergänzt gewohnt direkt: „Ich persönlich kenne mich damit zu wenig aus. Aber ich lasse es zu.“ Womöglich die wichtigste Fähigkeit für jedes Unternehmen, das über Generationen bestehen will. Denn am Ende geht es bei einem Generationenwechsel nicht darum, dass alles so bleibt, wie es war. „Das einzig Konstante ist der Wandel.“ Und für eine liebevolle Übergabe und Übernahme bedeute das: Nicht festhalten, was man aufgebaut hat, sondern darauf vertrauen, dass die nächste Generation daraus etwas Eigenes machen darf und wird. „Schließlich gibt es nur einen richtigen Weg: deinen eigenen.“_
Redaktion
- David Bauer
Fotos
Roland Wimmer