Groß denken
Eine Frau gilt im Heim als „schwer dement“, kaum noch ansprechbar. Bis jemand ihr Lieblingslied anstimmt und sie mitsingt, sich in den Arm nehmen lässt, plötzlich von ihrer Kindheit erzählt. Genau in diesem Moment entsteht die Idee zu PflegeZeit. Mit Unterstützung von tech2b wird daraus ein Unternehmen, das die Pflege digital und menschlich zugleich verändern will.
„Have You Ever Seen the Rain“ spielt Alexander Loidl einer dementen Frau auf einem Tablet vor. Sie wiegt sich im Takt und erzählt plötzlich von früher, von Bergtouren und von Freundschaften. Zu diesem Zeitpunkt, berichtet das Gründungsteam von PflegeZeit rückblickend, sei klar geworden: Es geht nicht nur um eine gute Idee. Es geht darum, sie allen zugänglich zu machen, die sie brauchen. Alexander Loidl und Lisa Mahler sind seit acht Jahren ein Paar, Jakob Kreutner zog als Alexanders bester Freund mit ihnen in eine gemeinsame WG. Und schon bald kam der Gedanke, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen.
Ihre eigentliche Idee, ein „Facebook fürs Altenheim“, scheiterte. Erst als das Trio sich als Praktikanten in die Pflege einschleuste und wochenlang mit anpackte, zeigte sich das eigentliche Problem: Es fehlt an Zeit für das Zwischenmenschliche. Also digitalisierten sie kognitive Aktivierung und physiotherapeutische Übungen, kooperierten mit der Caritas und Demenzexperten und verwandelten Übungsordner in ein Tool, das sich wie Spiel anfühlt statt wie Therapie.
Begleitet von tech2b, dem oberösterreichischen Startup-Inkubator, hat PflegeZeit die gesamte Entwicklungsreise vom frühen Ideate-Programm bis zum heutigen Scale-up-Programm Incubate durchlaufen. „Es ist fast immer eine Frage von Commitment und Resilienz“, sagt Geschäftsführer Lukas Keplinger über das, was Gründerteams durch Krisen trägt. Und Mut, den brauche es immer. Der Rat an alle, die selbst am Anfang stehen: nicht in die eigene Idee verlieben, sondern ins Problem. Denn das verändert sich ständig, ebenso wie PflegeZeit sich längst von der ursprünglichen Idee aus weiterentwickelt hat. Jede zweite Woche, sagen die Gründer, springe man wieder ins Ungewisse.
Dabei denken sie groß: Heute steht Österreich im Fokus, nächstes Jahr Deutschland, danach ein Blick nach Japan. Bei der Internationalisierung unterstützt tech2b durch das Business2Excellence-Programm. Das Ziel bleibt größer als Wachstum: Der Pflegeberuf soll endlich das Ansehen bekommen, das ihm zusteht. Getragen von Menschen, die zuhören, und von Technologie, die genau dafür Zeit schafft. _
Redaktion
- Zofia Wegrzecka
Fotos
Ines Thomsen