Feldversuch Freiheit
Ein Feld voll Hanf. Höher, als ein Mensch wachsen kann. Und mittendrin steht Günther Rabeder: Bio-Landwirt, Unternehmer und einer, der Regionalität nicht auf ein Etikett druckt, sondern bis ins letzte Samenkorn durchdenkt. Auf der Suche nach dem gewissen Etwas finden wir bei Farmgoodies vor allem eines: die Freiheit, es anders zu machen.
Erntetag am Emerhof in Niederwaldkirchen im Mühlviertel. Günther Rabeders Handy klingelt, noch bevor unser Gespräch richtig begonnen hat. Heute werden die Sonnenblumen geerntet. Als Nächstes kommt der Hanf. Und dann der Buchweizen. Dessen weiße Blüten haben wir draußen auf dem Feld schon gesehen. Vier Wochen lang sei dieser wegen der Trockenheit keinen Zentimeter gewachsen, erzählt Günther. Dann kam der Regen – und der Buchweizen ist weitergewachsen. „Jede andere Pflanze wäre kaputt gewesen.“
Diese kleine Geschichte passt deshalb so gut zu diesem Ort, weil hier kaum etwas einfach nur so wächst. Alles ist Teil eines größeren Gedankens. Die hohen Hanfplanzen, der Lein, die Wiesen, die er viel später mäht als andere. Denn Günther hat eine Vereinbarung mit seinen Feldern: „Das Korn gehört mir, alles andere gehört dem Boden.“
Günther ist zehn Jahre alt, als er mit seinem Vater auf dem Traktor sitzt. „Bua, wie schaut’s aus? Magst du mal den Hof übernehmen?“, fragt der Vater. Und was sagt ein Zehnjähriger, der am Traktor sitzt? Natürlich „Ja!“. Danach sprechen sie nie wieder darüber. Mit 19 weiß Günther trotzdem ziemlich genau, was er nicht will: Landwirtschaft, wie sie damals am elterlichen Hof betrieben wird. Milchkühe, Stiermast, Zuchtschweine. Tierhaltung ist nicht seines. Es kommt zum Streit mit dem Vater und zum ersten großen Umweg. Günther geht zur Militärmusik, lebt fünf Jahre lang von der Musik. Danach beginnt er ein Informatikstudium. Obwohl er, wie er heute lachend erzählt, in seiner ersten englischsprachigen Vorlesung nicht einmal sicher ist, ob er überhaupt im richtigen Hörsaal sitzt.
Er zieht es durch. 1999 gründet er mit einem Studienkollegen die IT-Firma Xortex, später folgen weitere Beteiligungen und Unternehmen. Mit 30, sagt er, habe er beschlossen, reich zu werden. „Das hat gar nicht so schlecht funktioniert.“ Mit 40 stellt er sich eine andere Frage: „War’s das?“ Günther verkauft seine Firmen und kehrt dorthin zurück, wo sein Weg begonnen hat. Auf den Hof. Diesmal allerdings zu seinen eigenen Bedingungen. „Ich wollte etwas tun, das einen Sinn hat.“
Gemeinsam mit seiner damaligen Frau baut er Farmgoodies auf. Die Idee dahinter klingt heute selbstverständlich. Damals ist sie es nicht: Lebensmittel sollen nicht als anonyme Rohstoffe irgendwo auf dem Weltmarkt verschwinden. Die Verbindung zwischen jenen, die sie anbauen, und jenen, die sie essen, soll wieder enger werden. „Für mich ist ein Lebensmittel etwas ganz Intimes”, sagt Günther. „Ich nehme es jeden Tag in meinen Körper auf. Da möchte ich wissen, wo es herkommt.“ Er stellt den Hof auf biologische Landwirtschaft um. Leinsamen, Sonnenblumenkerne, Mohn, Raps, Hanf und weitere Kulturen ersetzen die Tierhaltung. Aus den ersten Versuchen entstehen Öle und Saaten. Und irgendwann steht all das, was draußen wächst, drinnen im Regal: Lein-, Hanf-, Leindotter-, Raps-, Sonnenblumen-, Kürbiskern- und Mohnöl. Daneben Leinsamen, Sonnenblumen- und Hanfkerne, Buchweizen, Kürbiskerne und Blaumohn. Keine künstlich erfundene Produktwelt. Eher eine Übersetzung der Felder – in Flaschen und Sackerl. Aus einem kleinen Direktvermarktungsprojekt wird 2014 die Farmgoodies GmbH. Und aus einer Idee ein Netzwerk aus Bio-Bauern im Mühlviertel. Das Ziel lautet von Beginn an: Herkunft nicht bloß erzählen, sondern garantieren.
Wir gehen durch das große Lager und weiter in die Produktionshalle. Hier wird gereinigt, getrocknet, verarbeitet und abgefüllt. Alles an einem Ort. Manches wird gepresst. Manches geschält, vermahlen oder im Ganzen abgefüllt. Und manches kommt von anderen Bio-Höfen aus der Region hinzu: Berglinsen, Dinkel und Roggen, Gersten- und Weizengraspulver. Dazu handvermahlener Senf – süß, scharf oder mit dem ziemlich schönen Namen „Kavi-ah!“ – und Apfelbalsamessig, der im Eichenfass reift. So wächst nicht nur das Sortiment, sondern auch das Netzwerk dahinter.
Wenn ein Bauer mit frisch geerntetem Lein auf den Hof fährt, dauert es im Durchschnitt nur rund 25 Minuten von seinem Feld bis zur Verarbeitung bei Farmgoodies. Diese Geschwindigkeit ist entscheidend. Die empfindlichen Fettsäuren im Lein reagieren rasch mit Sauerstoff; je schneller und schonender der Samen gereinigt, getrocknet und verarbeitet wird, desto besser lassen sich seine wertvollen Inhaltsstoffe erhalten. Während handelsübliches Leinöl laut Rabeder meist bei rund 40 bis 45 Prozent Omega-3-Fettsäuren liegt, erreicht Farmgoodies derzeit etwa 60 Prozent des flüssigen Goldes, auf das viele Gesundheitsexperten schwören.
Der wichtigste Vertriebskanal von Farmgoodies ist heute der eigene Onlineshop. Mehr Aufwand, sagt Günther, manchmal sogar Knochenarbeit. Dafür spricht das Unternehmen direkt mit jenen Menschen, die seine Produkte kaufen. Kein Einkäufer dazwischen, kein Verhandlungsspiel, keine Abhängigkeit.
Draußen auf den Feldern geht es längst nicht mehr nur um Lebensmittel. Es geht um das, was nach der Ernte bleibt. Günther baut etwa zwölf verschiedene Kulturen an. Das ist aufwendiger, als sich auf wenige zu spezialisieren. Aber wenn eine Pflanze unter Trockenheit leidet, kommt eine andere besser damit zurecht. „Vielfalt verteilt das Risiko – für den Betrieb und für den Boden.“ Die Naturschutzwiesen mäht er spät, damit sie blühen und Samen bilden können. Das Pflanzenmaterial bringt er auf seine Ackerflächen. Es versorgt den Boden mit organischer Substanz und hilft ihm, Wasser zu speichern. „Wenn ich Wasser halten will, brauche ich einen Schwamm“, erklärt Günther. „Wenn ich die Felder immer wieder leerräume, ist dieser Schwamm nicht mehr da.“
Landwirtschaft, wie er sie versteht, endet deshalb nicht mit der nächsten Ernte. Sie beginnt bei der Frage, was eines Tages noch da sein soll. Für seine Kinder und für deren Kinder. Günther nennt es einen Generationenvertrag. Einen Hof dürfe man nicht innerhalb einer Generation ausräumen und anschließend weitergeben. Boden lasse sich nicht in einem guten Jahr reparieren. Er brauche Jahrzehnte an Geduld und Konsequenz. Laut einer von ihm beauftragten Klimabilanz speichert der Betrieb jährlich rund 72 Tonnen mehr CO₂ in seinen Böden, als er verursacht. Die daraus entstehenden Zertifikate könnte Rabeder verkaufen. Er tut es nicht. „Ich will nicht, dass ein Konzern bei mir günstig ein Zertifikat kauft und damit selbst wieder Millionen verdient“, sagt er. „Ich sehe das als meinen Beitrag zur Gesellschaft.“
Dann stehen wir vor dem Hanffeld. Die Pflanzen sind zweieinhalb bis drei Meter hoch. Und während wir nach oben schauen, spricht Günther über das, was darunter liegt: ein gewaltiges Wurzelwerk, das im Boden bleibt. Hanf komme gut mit Trockenheit zurecht, seine Körner lassen sich zu Öl und geschälten Samen verarbeiten, die Fasern der Stängel zu Dämmmaterial. Wenn das Material eines Tages nicht mehr gebraucht wird, kann es kompostiert werden.
Günther ist keiner, der behauptet, auf alles eine perfekte Antwort zu haben. „Ich bin kein Klimarebell“, sagt er. Auch er fliegt in den Urlaub. Aber er nutzt die Möglichkeiten, die er hat: Wasser aus dem eigenen Brunnen, Wärme aus Holz vom eigenen Wald, Photovoltaik und Speicher. Rund 93 bis 95 Prozent des benötigten Stroms erzeuge der Hof selbst. „Es geht darum, das zu tun, was man tun kann. Und nicht nur darüber zu reden.“
Vielleicht ist das sein gewisses Etwas. Nicht eine einzelne Pflanze, nicht nur der besonders hohe Omega-3-Gehalt seines Leinöls (das es übrigens demnächst auch mit zwei verschiedenen Gewürznoten gibt, für alle, denen der typisch bittere Geschmack nicht so schmeckt). Nicht einmal die idyllische Kulisse seines Hofes mit den Obstbäumen, den weißen Buchweizenblüten und dem Hanf, der über unsere Köpfe wächst. Es scheint die Konsequenz zu sein, wie er seine Entscheidungen aus einer tiefen Überzeugung heraus trifft. _
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
Antje Wolm