POV: Du machst weiter
Mit fünfzehn will Dominik Süss seine Lehre hinschmeißen. Dann hält er doch noch einen Tag durch. Und noch einen. Jahre später lädt er ein Brotrezept auf Social Media hoch. Dann das nächste. Und hört wieder nicht auf. Heute folgen ihm hunderttausende Menschen, sein Kochbuch landet auf Platz eins, er gründet eine Agentur, startet einen Podcast und entwickelt zwischen Wirtshaus, Weinfest und Mitternacht die nächste Geschäftsidee. Sieht nach einer Karriere aus, die einfach passiert ist. Ist aber eine Geschichte über einen jungen Menschen, der immer wieder dasselbe tut: anfangen, dranbleiben, weitermachen.
POV: Du wächst im Gasthof auf
Seine ersten Erinnerungen riechen nach Wirtshausküche. Als ganz Kleiner sitzt Dominik im Maxi-Cosi auf der Arbeitsfläche, später fährt er mit dem Bobby Car durch die Gaststube. „Ich war halt immer unter Leuten“, erzählt er. Die Wohnung liegt direkt hinter dem Gasthof Süss in Oberkappel. „Meine Eltern haben zwar fast immer gearbeitet, aber sie waren immer daheim. Wenn ich am Abend gute Nacht sagen wollte, dann bin ich schnell durch die Küche gelaufen.“
Dieses Aufwachsen zwischen Gästen, Familie und Team prägt ihn bis heute: „Ich war selten allein“, deshalb habe er eine „riesige Social Battery“, die ihm „wirklich fast nie“ ausgehe. Wenn er heute zwischen Koch, Content Creator, Unternehmer, Autor und Podcaster wählen soll, bleibt seine Antwort trotzdem simpel: „Ich bin Koch. Und mache halt nebenbei noch ein bisschen Schabernack, was mir so einfällt.“
Manche Stammgäste begleiten das Gasthof inzwischen seit drei oder vier Generationen. Dominik hat erlebt, wie erst die Großeltern kamen, dann deren Kinder und schließlich die Enkel. Der Gasthof wurde so zu seinem ersten sozialen Netzwerk. Lange bevor er eines online aufgebaut hatte. Hier lernte er, Menschen anzusprechen, Stimmungen zu lesen und auch dann freundlich zu bleiben, wenn ihm gerade nicht danach war … „Das hat mir mein Zuhause mitgegeben“, sagt er darüber, wie ihn diese Kindheit geprägt hat. Und dieses Zuhause besteht schon seit vielen Generationen: Seit 1887 ist der Gasthof in Familienhand. Kaum konnte Dominik zwei Teller tragen, wurde er bereits eingespannt – motiviert von kleinen Überraschungen der Gäste. Noch wichtiger war die Schule hinter den Kulissen: Von seinen Eltern lernte er Gastfreundschaft und Liebe zum Detail, von Speedy, einem Freund der Familie, den Schmäh und von Oma, dass Kochen immer auch Erinnerung ist. So wurde aus dem Familienbetrieb nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein Archiv aus Geschmäckern, Menschen und Geschichten.
POV: Du willst alles hinschmeißen
Hotel Guglwald, nahe der tschechischen Grenze. Dominik ist fünfzehn, macht Teildienst und sitzt in der Pause allein in einem kleinen Zimmer. Zwei andere Lehrlinge haben bereits aufgehört. Nach einem Fehler bei der Salatzubereitung bekommt er einen zusätzlichen Dienst zugeteilt. In seinem Kopf rasen die Gedanken: „Bin ich nicht gut genug? Ist das nicht unfair?“ Sein Vater gibt ihm einen Satz des Großvaters weiter: „Zwei Monate durchhalten, dann entscheiden.“ Dominik bleibt. Die Arbeit wird leichter, Fremde werden Freunde, heute bezeichnet er das Hotel Guglwald als den besten Betrieb überhaupt und an die Zeit denkt er gern zurück. Später beginnt dieses Gefühl bei jeder Saisonstelle von vorn. Seine Lehre daraus: „Wenn es mal hart wird: ja nicht aufgeben. Nie, nie, nie, nie aufgeben.“ Und: „Von nichts kommt nichts. Du musst dir was schaffen, damit es dich wirklich glücklich macht und erfüllt.“
Aber: „Durchhalten heißt nicht, alles ertragen zu müssen. Arbeitgeber schulden jungen Menschen faire Arbeitszeiten und einen wertschätzenden Umgang. Durchhalten heißt, nicht beim ersten Widerstand zu glauben, der Weg sei falsch.“
POV: Du springst ins kalte Wasser. Und schwimmst weiter
2020 postet Dominik sein 5-Minuten-Brotrezept. Menschen backen es nach – zunächst eine Tante, eine frühere Schulkollegin, irgendjemand aus seiner kleinen Community. Für ihn ist das der erste große Moment: „Du hast jetzt gerade einen Menschen bewegt, etwas zu tun, was er sonst nicht gemacht hätte.“ Danach kommen die ersten 10.000 Follower, TV, das Kochen mit Silvia Schneider und Platz eins auf der Kochbuch-Bestsellerliste.
Was wie ein schneller Aufstieg aussieht, ist stundenlange Wiederholung. „Fünf, sechs, sieben Stunden Aufwand für ein Video – zusätzlich zum Job.“ Idee, Einkauf, kochen, filmen, Abwasch, Schnitt, Titelbild, Upload, Kommentare. „Von hundert, die es probieren, hören 98 wieder auf.“ Dominik hört nicht auf. Er postet weiter. „Es ist nicht einfach nur ein bisschen Videos machen, sondern es ist wirklich Arbeit.“ Recherche, Skript, Kamera, Licht, Ton, Schnitt, Planung, Buchhaltung: „Du bist ein komplettes Unternehmen.“
POV: Du hast eine verrückte Idee. Und setzt sie einfach um
Oder: Du machst aus einem Schmäh ein Geschäft. Auf einem Weinfest lernt Dominik einen Kerzenmacher kennen. Die Runde landet irgendwann spätabends zuhause, Dominik kocht eine Eierspeise. Und dann noch Kaiserschmarrn. Kerzen brennen, die Küche duftet – und plötzlich ist die Idee da: „Warum machen wir nicht einfach eine Kaiserschmarrn-Kerze?“ Ganz neu also in seinem Produktportfolio (neben Küchenmesser und Gewürzen): Duftkerzen mit Aromen wie Kaiserschmarrn mit Zwetschkenröster.
So arbeitet Dominik: Er trennt seine Welten nicht, er lässt sie einander anzünden. Entschuldigung, das Wortspiel musste gerade sein. „Das Coole ist, es zahlt alles aufeinander ein.“ Aus Anfragen von Gastronomen und Marken wurde die Agentur adSpice. Dazu kommen Wirtshaus, Onlineshop, Podcast, Buch, TV und Events. Seine Woche sei „sehr voll“. Aber: „Es fühlt sich ja nicht so an wie arbeiten.“ Genau diese Nähe zwischen Alltag und Geschäftsidee ist sein unternehmerischer Motor. Das Wesentliche dabei: Seine Ideen bleiben nicht in der Luft hängen, mit oder ohne Kaiserschmarrnduft. Aus einem nächtlichen Schmäh wird schließlich erst dann ein Produkt, wenn jemand am nächsten Morgen weiterdenkt.
POV: Du wirst zum Vorbild
Dominik wird immer wieder in Betriebe geholt. Und die Lehrlinge stellen ihm dann Fragen, lassen sich von seiner Begeisterung anstecken, hören ihm gebannt zu. „Ich bin gern ein positiver Leuchtturm für die Lehre, das Handwerk, die Gastronomie.“ Schon die Formulierung „nur eine Lehre“ stört ihn, weil darin die alte Erzählung steckt: Wer g’scheit ist, studiert; wer es angeblich nicht ist, lernt ein Handwerk. Dominik dreht das um. Wer gezielt ein hervorragender Koch oder Mechaniker werden und später vielleicht einen eigenen Betrieb führen will, sei nicht weniger ambitioniert als jemand, der ohne klares Ziel studiert. „Eine bewusste Entscheidung zu treffen, ist viel wert.“
Wie schnell Menschen mit einer Lehre wachsen können, sieht er im eigenen Betrieb. „Ein Lehrling im Service bringt beim ersten Mal den Salat vielleicht ganz schüchtern zum Tisch, beim zehnten Mal spricht er schon lauter, beim hundertsten Mal kommt ein Schmäh dazu.“ Genau solche Erfahrungen machen die Lehre für ihn wertvoll. Während Künstliche Intelligenz viele Büro- und Studienberufe schneller verändert, als sich der Lehrplan anpassen kann, hält er praktische Fähigkeiten für beständiger. Kochen, reparieren, bauen, mit Menschen umgehen: Für Dominik sind das keine Tätigkeiten zweiter Klasse, sondern Fähigkeiten mit Zukunft.
Und hier kommt noch ein Aber: Damit die Lehrlinge und generell die jungen Menschen in Betrieben bleiben wollen, brauche es Fairness, Sinn und richtig gute Führung: „Führung heißt nicht, dass du von allen immer geliebt werden musst. Aber du musst lieben.“
POV: Du zählst nicht nur Follower
Reichweite, Verkäufe, Bestsellerplätze: Dominiks Erfolg ist sichtbar. Was er damit macht, weniger. „Ich bin extrem dankbar, dass ich in Österreich geboren bin.“ Fünf bis zehn Prozent seines Einkommens spendet er nach eigenen Angaben jedes Jahr. Ein Teil fließt in ein Hilfsprojekt in Ruanda, das seine Familie mitaufgebaut hat. „Da siehst du halt wirklich, wie ein Euro schon einen Unterschied machen kann.“ Die Reisen dorthin verschieben seinen Blick auf das, was groß und was klein ist. Vielleicht kann er deshalb Chancen inzwischen nicht nur annehmen, sondern auch ablehnen. Kooperationen mit Unternehmen, die seinen Werten widersprechen? Nein – selbst wenn viel Geld dahintersteckt. Denn eine Karriere wird nicht nur durch das geformt, was man macht. Sondern auch durch das, wofür man nicht zu haben ist.
Mit der „Schürze mit Herz“ schafft seine Familie Arbeitsplätze für Näherinnen, der Erlös finanziert Mahlzeiten. In Ruanda sieht Dominik unmittelbar, was ein Betrag bewirken kann, der in Österreich schnell nebenbei ausgegeben wäre. Diese Wirkung prägt auch sein Verständnis von Reichweite. „Ich habe die Chance, dass ich selbst ein Medium habe und zu Leuten spreche.“ Das ist für ihn nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern Verantwortung: Aufmerksamkeit soll am Ende nicht ausschließlich auf ihn selbst einzahlen. Die Schürze zeigt, wie das konkret aussehen kann. Die Stoffe werden direkt in Ruanda gekauft, Frauen vor Ort erhalten eine feste Arbeit als Näherinnen, verkauft wird das fertige Produkt um 30 Euro in Dominiks Onlineshop. Den gesamten Gewinn spendet er; mit dem Erlös einer Schürze könne ein Kind einen Monat lang täglich zwei Mahlzeiten bekommen. Regelmäßig reist Dominik selbst nach Ruanda und unterstützt gemeinsam mit Familie, Freunden und anderen Unternehmern weitere Vorhaben – zuletzt die Eröffnung eines Hauses für Straßenkinder. „Das ist nicht mein Projekt, sondern unser Projekt“, sagt er. Denn aus einem Küchenprodukt wird hier kein Merchandisingartikel, sondern eine kleine Wertschöpfungskette mit großer Wirkung.
POV: Es ist 2036
Dominik plant in Ein-, Drei- und Siebenjahreszielen. Er will nach Deutschland, Österreichs Küche größer erzählen. „Ich möchte zeigen, wie schön Österreich ist und wie gut unsere österreichische Küche ist.“ Und er möchte neue Produkte entwickeln. „Man darf wirklich groß träumen.“ Doch auf seinem stärksten Zukunftsbild steht keine Followerzahl. Keine Show. Kein Umsatz. „Ich stelle mir vor, wie ich so ein richtig cooler Opa bin – oder ein cooler Papa.“ Er sieht einen Hügel im Mühlviertel, darauf ein Haus. „Ich habe eine schöne Frau, liebe Kinder und dann haben wir vielleicht schon zwei, drei kleine Enkelkinder.“ Die springen in den Pool oder streifen bei den Bauern herum. Und er? „Ich sitze so da und denke mir: Uns geht es gut. Wir sind gesund.“ Für Dominik ist das „die coolste Form von Vision Board“, die er sich vorstellen kann.
Und wenn seine Enkel ihn eines Tages fragen, worauf es ankommt? „Macht das, was euch glücklich macht. Hört hauptsächlich auf euer Herz und wirklich auf euch. Nicht auf das, was euch Eltern, Bruder, Freund, irgendwer sagt – oder Social Media.“ Und vielleicht schaut er dann zurück … auf den damals fünfzehnjährigen Dominik, allein im Personalzimmer, als er nur noch weg wollte. Und doch geblieben ist. Sodass er zum heute 27-Jährigen geworden ist, der weiß, was er braucht, um eines Tages wieder dort anzukommen, wo seine Wurzeln sind. _
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
Antje Wolm