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 Das Fundament entscheidet
Allgemein

Das Fundament entscheidet

25. August 2026

Die Interdisciplinary Transformation University (IT:U) ist die jüngste, öffentliche Universität des Landes. Während andere Institutionen noch über Diversity, Equity und Inclusion (DEI) diskutieren, hat die IT:U das Thema schon längst in ihr Fundament einzementiert. Wir haben mit Sonja Rattay, Vorsitzende des First Committee for Equality and Women’s Advancement, und Stefanie Lietze, Gleichstellungsbeauftragte, gesprochen und erfahren, warum die größte
Barriere im System selbst steckt
.

Eine junge Universität, die auf der grünen Wiese entsteht. Das klingt zunächst nach einer logistischen Herausforderung. Für Sonja Rattay und Stefanie Lietze ist es vor allem eines: eine seltene Chance. „Wir können uns wirklich gut überlegen, wie die Universität in zehn Jahren aussehen sollte“, sagt Rattay. „Denn interne Kultur ist schwer zu ändern, wenn sie einmal festgefahren ist.“ Dieses Privileg nehmen die beiden Frauen ernst. Während Rattay als Postdoc im Bereich angewandte Ethik und AI-Systemdesign forscht und zuletzt dreizehn Jahre in Skandinavien gelebt hat, kommt Lietze als Arbeits-, Bildungs- und Wirtschaftspsychologin mit Erfahrung aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen, vom Kindergarten bis zur Pathologie. Und beide teilen die Überzeugung: Ohne Diversität gibt es keine Exzellenz.

DEI ist ein ökonomischer Vorteil.
Stefanie Lietze
Gleichstellungs-beauftragte, IT:U

Was macht den Unterschied zwischen einer Institution aus, die Diversität nur auf dem Papier etabliert hat, und einer, die sie wirklich lebt? „Wenn wir die Leute nicht nur auf dem Marketingmaterial abgebildet haben, sondern auch wirklich in unserem akademischen Umfeld, dann hat es funktioniert“, sagt Lietze. Aber damit nicht genug. Die IT:U baut derzeit ein Monitoring- und Reporting-System auf, das faktenbasiert zeigt, wer welche Chancen bekommt.

Der Grund dafür ist simpel und gleichzeitig ernüchternd: Gefühl und Realität können weit auseinandergehen. „Vielleicht hat man drei Frauen im Team angestellt, aber zu den Konferenzen schickt man immer nur die Männer“, beschreibt Lietze ein typisches Muster. Das Reporting soll solche blinden Flecken sichtbar machen, und zwar einmal pro Semester, mit konkreten Zahlen und abgeleiteten Maßnahmen. Eine wichtige Voraussetzung dafür war das Gleichstellungskomitee, dem Rattay vorsitzt und das im Dezember 2025 offiziell gegründet wurde. Der offizielle Satzungsteil, der Diversity und Inclusion im IT:U-Gesetz verankert, ist bereits im Juni in Kraft getreten. Für eine Universität sei das fast rekordverdächtig schnell – ermöglicht durch die Eigenständigkeit der IT:U.

Das System ist das Problem

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Unconscious Bias, fehlende Mentorinnen. Dies sind bekannte Hürden für Frauen in der Wissenschaft. Und doch, findet Rattay, greift diese Liste zu kurz. „All das sind eigentlich eher Symptome.“ Das unterliegende Problem sei, dass die akademische Welt ein männlich geprägtes System ist, mit einem sehr traditionellen Verständnis davon, was Exzellenz bedeutet. Weibliche Forscherinnen übernehmen häufig mehr Supervision, mehr Academic Service, mehr Science Communication. Dinge, die selten als Exzellenzmerkmale gelten, obwohl sie für Wissenschaft und Gesellschaft unverzichtbar sind. „Wenn wir nicht nur die Stunden, die in Paper Writing gehen, sondern auch die, die in exzellente Supervision gehen, wertschätzen, dann ändert sich das“, so Rattay. Die IT:U versucht genau das, indem sie von Anfang an gezielt darauf schaut, wen sie zu sich holt und welche Werte sie in ihrer Universitätskultur verankert.

Die akademische Welt ist eine männlich geprägte.
Sonja Rattay
Vorsitzende des First Committee on Equality and Women‘s Advancement, IT:U

Und wenn jemand sagt, er wolle nicht die Diverseste, sondern die Beste für eine Stelle? „Dann sagen wir: ‚Genau das wollen wir auch!‘ Eben deswegen ist es so wichtig, dass wir darauf achten, wo die bestgeeignete Person vielleicht gerade vor einer Barriere steht, die sie daran hindert, zu uns zu kommen“, antwortet Lietze. Das kann eine fehlende barrierefreie Schaltfläche sein. Oder dass eine Professorin mit Familie nicht so leicht umziehen kann wie ihr männlicher Kollege. Die Aufgabe der IT:U: diese Barrieren aktiv abzubauen.

Ein Qualitätsmerkmal

Ein Thema, das im DEI-Diskurs oft untergeht, liegt Lietze besonders am Herzen: Accessibility. „Bei Universitäten, die Jahrhunderte gewachsen sind, ist es schwer, sie nachträglich barrierefrei zu gestalten“, sagt sie. Die IT:U hingegen kann das Thema von Anfang an mitdenken, bei der IT-Infrastruktur genauso wie bei der zukünftigen Campusplanung. Für ihr Campus-Management-System zur Studierendenverwaltung hat die Universität zum Beispiel viele Monate investiert und extra Anläufe genommen, weil Barrierefreiheit ein Muss-Kriterium war, kein Nice-to-have. Besonders stark lebt die IT:U den partizipativen Ansatz: Nicht über Menschen mit beispielsweise Neurodivergenz sprechen, sondern sie in Prozesse einbinden. Studien zufolge sind 15 bis 20 Prozent der Weltbevölkerung neurodivergent. In der Tech-Welt ist Neurodivergenz sogar überdurchschnittlich verbreitet – Schätzungen zufolge betrifft sie dort etwa jede dritte Person. An einer technischen Universität ist diese Expertise daher ohnehin im Haus.

Was Rattay und Lietze eint, ist eine Haltung, die DEI nicht vom Rest der Universitätsarbeit trennt. Gleichstellung ist an der IT:U strategisch mit der Qualitätssicherung verschränkt. Die Logik dahinter: Wer von vielen verschiedenen Perspektiven aus auf dasselbe Ergebnis kommt, hat es wirklich abgeklopft. „Das ist angewandte Stärke“, sagt Lietze. Was bräuchte es, damit andere österreichische Institutionen ebenso diesen Weg gehen? „Im Wesentlichen, dass sie erkennen, warum es für sie ein ökonomischer Vorteil ist“, sagt Lietze. Bessere Produkte. Größere Zielgruppen. Weniger blinde Flecken. Und die Bereitschaft, eigene Privilegien zu hinterfragen.

Rattay hat ein konkretes Bild vor Augen. Das Henne-Ei-Problem. Sie erzählt von ihrer alten Forschungsgruppe in Kopenhagen, die einzige Sektion im gesamten Informatikfachbereich mit mehr als 50 Prozent Frauen. Und gleichzeitig die erfolgreichste, die alle anderen in Output, Lehre und Studierenden-Engagement übertraf. „Wir haben den Vorteil, wir können dem Henne-Ei-Problem aktiv entgegenwirken, denn wir haben von Beginn an die richtige Grundlage gelegt“, fast sie zusammen. „Jetzt zeigen wir, dass Diversität und Exzellenz Hand in Hand gehen.“_

# Gedankensprung

DEI an der IT:U bedeutet für mich konkret_
Sonja Rattay | Ohne Diversity keine Exzellenz. Stefanie Lietze | Sie ist das Fundament der Universität.

Mein Rat an Frauen, die eine Karriere in der Wissenschaft anstreben_
Sonja Rattay | Tut es für euch selbst, nicht für andere!
Stefanie Lietze | Vernetzt euch!

Frauenquote – Fluch oder Segen_
Sonja Rattay | Muss sein, solange es gebraucht wird.
Stefanie Lietze | Leider noch notwendig.

Struktur oder Kultur, das verändert mehr_
Sonja Rattay | Es braucht beides.
Stefanie Lietze | Da stimme ich zu.

Mein persönliches Vorbild in Sachen DEI_
Sonja Rattay | Meine alte Sektion in Kopenhagen,
wo ich meinen PhD gemacht habe.
Stefanie Lietze | Die Gothic-Szene, weil dort inklusiv
in Gemeinschaft die Individualität gefeiert wird.

Die IT:U in fünf Jahren_
Sonja Rattay | Interdisziplinär, kollaborativ
und innovativ unterwegs.
Stefanie Lietze | Endlich mit einem barrierefreien, eigenen Campus.

Redaktion

  • Melanie Kashofer

Fotos

Roland Wimmer

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