Wenn sich das Rad dreht
Sie fahren im Morgengrauen los, wenn die meisten noch schlafen. Eine Mountainbikerin, die als Bike-Guide jeden Stein im Salzkammergut kennt. Ein Hotelier, der genau weiß, was auf einer langen Radtour mit Menschen passiert. Und eine Welserin, die aus ihrer Leidenschaft heraus ihr Hotel neu erfunden hat. Drei Menschen, drei Orte in Oberösterreich – und eine Überzeugung, die sie alle teilen: Radfahren ist mehr als Sport.
Die ersten Kilometer, der Kopf noch voll mit Terminen, To-do-Listen, ungelesenen Nachrichten. Und dann – irgendwann, nach einer Viertelstunde vielleicht – löst sich das alles auf. Die Beine übernehmen, die Gedanken ordnen sich, und was bleibt, ist pures Hier und Jetzt. Radfahren ist Bewegung. Und zwar nicht nur in den Beinen.
Wir haben drei Menschen getroffen, die das wissen – und die Oberösterreich als Radsportland erleben, begleiten und gestalten. Irina Krenn ist Bike-Guide im Salzkammergut und ambitionierte Hobbyfahrerin. Alexander Pilsl führt das Hotel Guglwald im Mühlviertel und ist selbst leidenschaftlicher Rennradler. Und Sophie Schick hat ihr Boutique Hotel Hauser in Wels zum Rennrad- und Triathlon-Hotel gemacht – und nebenbei die Rennradszene ihrer Stadt mitgeprägt. Drei Perspektiven. Eine gemeinsame Überzeugung: Wer aufs Rad steigt, steigt als ein anderer Mensch wieder ab.
Das Salzkammergut prägt
Irgendwo zwischen Offensee und Almsee knirscht ein Mountainbike-Reifen über Schotter. Dann Stille. Dann der Rundum-Blick: Wasser, Berge, ein Himmel, der langsam ins Blau übergeht. Die Luft hat noch diese Frische, die nur vor sieben Uhr morgens existiert. Irina Krenn kennt diesen Moment. Sie kennt ihn seit ihrer Kindheit. „Meine Mama hat uns diese Faszination fürs Radfahren übertragen.“ Sie ist in Bad Goisern aufgewachsen, auf einem kleinen Bauernhof, umgeben von Seen und Wäldern. Von der Haustür mit dem Rad in zehn Minuten zum nächsten See. Klingt nach Idylle. Ist es auch. Aber noch mehr: Es ist Prägung.
Bevor Irina selbst fuhr (EM-Bronze, nationale Rennsiege und Podestplätze bei regionalen wie internationalen Mountainbike-Events), stand sie als kleines Kind an der Salzkammergut Trophy und reichte Jausensackerl an die Helfer. Brachte die Mama zum Start und wartete dann an der Labestation, bis sie wieder im Ziel war. „Vom Jausensackerl-Machen bis zum Rennfahren“, sagt sie und lacht, „ich war irgendwie immer dabei.“
Heute ist sie Bike-Guide. Führt Schulklassen durch den Wald, begleitet Erwachsene beim ersten richtigen Downhill. Und sieht dabei jeden Tag, was das mit Menschen macht. „Am spannendsten ist, wenn du mit jemandem etwas machst, was sie sich selbst nicht zugetraut haben“, erzählt sie. Eine Sportmittelschulklasse, lauter Mädchen, die Stufenfahren nicht kannten. Erst geübt, dann versucht. Und dann: zwei Stufen am Stück. „So eine Freude hatten die.“ Es ist dieses Leuchten in fremden Augen, das sie antreibt. Und als Guide passiert ihr immer wieder dasselbe: Sie fährt eine Strecke, die sie tausendmal gefahren ist – und sieht sie dann mit den Augen der Menschen neben ihr. „Man nimmt es selbst irgendwann nicht mehr so wahr, wie schön es eigentlich ist. Und dann siehst du es plötzlich wieder.“ Genau das liebt sie so am Radfahren: „Mit dem Rad sehe ich in kürzester Zeit so viel mehr – Landschaften, Wege, Momente, die man mit dem Auto einfach nicht wahrnimmt.“
Mühlviertel: die Entschleunigung steigt
Gut 150 Kilometer weiter nördlich, wo die Hügel sanfter werden und die Straßen sich durch dichte Wälder schlängeln: Alexander Pilsl steht vor seinem Hotel Guglwald. Gastgeber, Geschäftsführer – und, wenn er kann, am liebsten draußen auf dem Rennrad.
Das Mühlviertel, sagt er, sei ein Geheimtipp, der langsam kein Geheimtipp mehr ist. Und er freut sich darüber. Gravelbiker und Rennradfahrerinnen entdecken die Region gerade für sich: sanfte Hügellandschaften, kleine Dörfer, Wälder, traditionelle Bauernhöfe. Kilometerweise ohne Verkehr. „Wir möchten nicht nur als Hotel vermehrt Schwerpunkte in Richtung Rennrad und Gravelbike setzen, sondern mit Events wie der BikeExperience oder der neu erarbeiteten ‚Velorama‘-Philosophie als gesamte Region gezielte Angebote für Radfahrer schaffen und uns so zur führenden Rennraddestination Österreichs entwickeln.” Velorama Mühlviertel, das bedeutet 108 Rennrad- und Graveltouren mit knapp 9.000 Kilometern und mehr als 160.000 Höhenmetern. Und nach der Tour wartet oft genau das, was viele heute suchen: Ruhe, regionale Kulinarik und echte Erholung.
Für Alexander Pilsl ist Radfahren auch Denksport. „Mir kommen die besten Ideen beim Radeln.“ Und er sieht es auch bei seinen Gästen. Nach einer langen Tour, wenn sie mit müden Beinen und klarem Blick zurückkommen, spürt er es sofort: Etwas hat sich gelöst. „Man ist ausgeglichener, entspannter, zufriedener. Die Natur, die Bewegung, das Draußen-Sein – das macht etwas mit einem, das kein Seminarraum und kein Wellnessprogramm ersetzen kann.“
Warum Radfahren mehr als Sport ist
Sophie Schick | Es ist die perfekte Kombination aus Auspowern und Abschalten. Ich kann körperlich an meine Grenzen gehen und gleichzeitig mental komplett runterfahren. Leider finde ich viel zu selten Zeit dafür. Genau deshalb genieße ich jede einzelne Ausfahrt umso mehr. Es wird ruhig im Kopf. Und ich bin dankbar.
Alexander Pilsl | Als Gastgeber bin ich rund um die Uhr mit Menschen in Kontakt. Das ist meine Leidenschaft. Aber ich genieße auch jene Momente, die ich mal nur für mich selbst habe. Auf dem Rennrad finde ich genau das. Für mich ist Radfahren ein Ausgleich, der mich meine Batterien auftanken lässt.
Irina Krenn | Radfahren ist für mich immer meine Zeit – die einzige, die wirklich nur mir gehört. Am Anfang dreht sich noch alles im Kopf: Termine, To-dos. Aber nach einer Viertelstunde legt sich das alles. Wenn ich heimkomme, bin ich wieder ich.
Wels, die Rennrad-Hauptstadt
Gut vier Stunden sind es mit dem Rad vom Mühlviertel bis nach Wels. Dort führt Sophie Schick das Boutique Hotel Hauser. Sie ist Hoteldirektorin, ÖHV-Vizepräsidentin und leidenschaftliche Rennradfahrerin. 2017 haben sie und ihr Mann beschlossen, das Potenzial der Region sichtbar zu machen. „Wir haben selbst mit dem Rennradfahren begonnen. Und dann schnell gemerkt, wie faszinierend das ist.“ Schritt für Schritt wurde die Leidenschaft zur DNA des Hauses. Sportler-Frühstück. Persönliche Tourberatung durch die Gastgeber. Enge Zusammenarbeit mit dem ersten Welser Schwimmklub für Triathloncamps. Und einmal im Jahr: das Innenstadtkriterium. Drei Tage nach der Tour de France. Weltklasse-Peloton. Live-TV. 15.000 Menschen in der Innenstadt. „Wels ist meiner Meinung nach Rennradhauptstadt – eigentlich das ganze Jahr über“, sagt Sophie. „Aber an diesem Tag wird das für alle sichtbar.“
Was also als persönliche Leidenschaft begann, wuchs sich zur Philosophie des ganzen Hauses aus. Profis kamen vorbei, Weltklasse-Fahrer buchten Zimmer, und irgendwann stand Mario Cipollini in der Lobby. Oder Mark Cavendish. „Wir sind heute das ‚Hotel der Weltmeister‘“, sagt Sophie und lacht. „Aber was uns wirklich stolz macht, ist nicht, wer schon hier war. Sondern wie ehrlich und herzlich diese Beziehungen geworden sind. Viele Fahrer kommen jedes Jahr wieder – nicht nun wegen des Hauses, sondern wegen der Menschen.“
Was bei ihren Gästen passiert, wenn sie von einer langen Tour zurückkommen, beobachtet sie regelmäßig. „Unsere Rennradgäste gehören definitiv zu den entspanntesten Gästen überhaupt“, sagt sie. Nach einer langen Ausfahrt kommen sie glücklich zurück. Voller Eindrücke. Begeistert von der Landschaft, vom wenigen Verkehr, von dem Moment, als irgendwo ein Nebel über einem Tal aufgerissen ist und darunter der See lag wie ein blauer Spiegel._
Radtourismus in Oberösterreich
in Zahlen
3.500 km beschilderte MTB-Strecken
180 Tourenvorschläge für Rennradler und Gravelbiker
auf oberoesterreich.at
12,7 Mio. deutsche Urlauber radeln während des Urlaubs
Radfahrer geben mehr aus: 210 Euro geben Radgäste in Oberösterreich pro Kopf und Tag aus
Radfahrer bleiben länger: 69 Prozent der Radgäste bleiben zwischen 4 und 14 Nächten (das ist deutlich über der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 2,63 Nächten)
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
Schick: Karin Stöttinger; Krenn: privat;
Pilsl: Tourismusverband Mühlviertel / Alexander Kaiser