Wer zurückkommt, bringt mehr mit
Angelika Voit und Daniela Sachse sind beide nach ihren Karenzen zu B&R Industrial Automation zurückgekehrt – eine von ihnen in Führungsverantwortung, beide in Teilzeit. Vieles hat sich verändert. Was hingegen geblieben ist: der Wille, dabei zu sein. Was es dafür braucht: ein Unternehmen, das Vertrauen und Leistung nicht an Wochenstunden knüpft. Und zwei Frauen, die wissen, dass Flexibilität keine Einbahnstraße ist.
2.959 Einwohnerinnen und Einwohner zählt die beschauliche Innviertler Marktgemeinde Eggelsberg. Am Standort des dort ansässigen Unternehmens B&R Industrial Automation sind rund 2.000 Mitarbeitende am modernen Campus des führenden Herstellers von Automatisierungstechnik. Hier treffen internationale Talente auf Fachkräfte aus der Region. Und wir treffen auf Angelika Voit, Head of Human Resources Austria, und Daniela Sachse, HR Business Partner. Die Location, in der wir das Interview führen, erinnert dabei eher an den Frühstücksraum eines Businesshotels als an die klassische Kantine eines Großkonzerns. Dieser Wohlfühlfaktor ist kein Zufall, wie wir erfahren. Er ist Teil eines ganzheitlichen Konzepts.
Denn was man bei einem Unternehmen in dieser Größe – der Mutterkonzern ABB hat rund 112.000 Mitarbeitende in 100 Ländern – nicht unbedingt erwartet, sind Angebote, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weit über die gesetz-
lichen Standards hinaus ermöglichen. Gleitzeit, die es erlaubt, die Kinder in aller Ruhe zu versorgen, bevor der Arbeitstag beginnt.
Eine konzerneigene Krabbelgruppe, deren Gebühren sich an jenen aus der Region orientieren. Der Papamonat wird vollständig auf das reguläre Gehalt aufgestockt und dadurch immer häufiger angenommen. Und nicht zuletzt: Eine Ferienbetreuung, die neun lange Wochen im Sommer für Familien planbar macht – mit Ausflügen, gemischten Kindergruppen, internationalem Flair. „Natürlich haben wir auch im familiären Umfeld Unterstützung“, erzählt Daniela, deren Tochter dieses Angebot heuer erneut nutzt, „aber wir wollen die Ferienzeit für unsere Tochter so abwechslungsreich wie möglich gestalten und nicht ausschließlich auf die Großeltern zurückgreifen. Für uns war beim letzten Mal sofort klar, dass wir das dieses Jahr wieder nutzen.“
An einem Strang ziehen
Daniela selbst hat 2005 direkt nach der Matura bei B&R begonnen und ist seit mittlerweile über 20 Jahren im Haus. Angelika kam 2011 dazu, hat später berufsbegleitend studiert. Als eine Kollegin in Karenz ging, wurde sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne, die Personalleitung für Österreich als Vertretung zu übernehmen – für sechs Monate. „Wenn es länger gewesen wäre, hätte ich das vermutlich nicht angenommen“, gibt sie zu. Der begrenzte Zeithorizont habe ihr den Mut gegeben, den Schritt zu wagen. Dann kam, was oft kommt, wenn man sich traut: Es hat funktioniert. Aus sechs Monaten wurden Jahre und aus Respekt vor der Rolle wurden Selbstvertrauen sowie ein gutes Vorbild.
Und die Frage, ob Führung in Teilzeit nach der Rückkehr aus ihrer wiederum eigenen Karenz überhaupt geht? „Die habe ich mir am Anfang tatsächlich gestellt. Aber man muss es einfach ausprobieren. Wer es nicht wagt, wird es nie herausfinden.“ Das gilt für beide Seiten. „Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“ Ein Satz, der sich durch das gesamte Gespräch wie ein roter Faden zieht. Denn was hier funktioniert, ist eine Entscheidung, die täglich neu getroffen wird – von Führungskräften, die Vertrauen nicht an Wochenstunden knüpfen, und von Mitarbeitenden, die Flexibilität nicht ausnutzen, sondern bewusst erwidern. „Mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung ist das möglich.“
„Der Job ist kein lästiges Übel“
Angelika und Daniela geht es viel um intrinsische Motivation. Genau das sei noch immer nicht selbstverständlich, wie so manche Frage im privaten Alltag beweist: „Was, wie kannst du jetzt schon wieder so viel arbeiten?“ oder „Warum tust du dir das an?“ – beide wurden damit konfrontiert. Dahinter steckt meist keine böse Absicht, aber ein Gesellschaftsbild, das sich hartnäckig hält. „Man hört viele Kommentare, um die man nicht gebeten hat“, sagt Angelika. Daniela nickt zustimmend. Angelikas Mann hat ebenso seine Arbeitszeit reduziert. Die häufigste Reaktion seines Umfelds: „Ach, machst du montags Homeoffice?“ Dabei seien Homeoffice und Kinderbetreuung nicht kombinierbar.
Das Muster ist häufig dasselbe: Wer früh zurückkommt, muss sich erklären. Wer seine Stunden erhöht, tut das nicht freiwillig. Wer Vollzeit arbeitet, ist eine Rabenmutter. Wer hingegen Teilzeit arbeitet, ist eh nicht wirklich dabei. Umso wichtiger sei es, dass Unternehmen mit gutem Beispiel vorangehen und signalisieren: Wir wollen, dass du Teil von uns bleibst, wenn sich deine Lebenssituation verändert. Denn gesellschaftlich gibt es Nachholbedarf, finden Angelika und Daniela. Nicht jeder Ort hat eine Krabbelgruppe. Nicht jeder Kindergarten eine Nachmittagsbetreuung. Und selbst wenn – „wer um halb vier die letzte Mutter ist, die ihr Kind abholt, bekommt das schnell zu spüren.“ Vereinbarkeit bleibt also vor allem auch eine Frage der Rahmenbedingungen. Und die sind noch nicht überall gleich. Was sich als Erstes ändern müsste? „Es braucht mehr Offenheit“, so die beiden. „Und das Verständnis, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt, wenn es um Lebensmodelle geht.“_
Let’s talk
#Erfahrung_Was ist der eine Ratschlag, den ihr euch damals selbst gewünscht hättet, bevor ihr jeweils in Karenz gegangen seid?
Angelika Voit | Warte nicht darauf, dass dich jemand aus dem Team oder aus der Firma kontaktiert, sondern bleib selbst aktiv.
Daniela Sachse | Es lässt sich nicht alles perfekt planen, auch wenn man sich viele Gedanken macht. Und manchmal wird man dann positiv überrascht.
#Arbeitsmodelle_Welche Vereinbarung hat sich für euch als besonders hilfreich herausgestellt?
Angelika Voit | Flexibilität, aber auch ganz bewusst Grenzen zu setzen.
Daniela Sachse | Offenheit und das Vertrauen meiner Führungskräfte, dass wir das gut hinbekommen.
#Vorbildfunktion_Was würdet ihr einer Kollegin raten, die überlegt, nach der Karenz in Teilzeit zurückzukehren, sich aber nicht sicher ist, ob sie das schafft?
Angelika Voit | Unbedingt einfach probieren.
Daniela Sachse | Die Zweifel beiseitelegen und den Dialog mit dem Unternehmen suchen.
#Unternehmenskultur_Was sollten Unternehmen, die all das noch nicht leben, als Erstes ändern?
Angelika Voit | Offen gegenüber Teilzeit sein. Diese bedeutet nicht, dass jemand nicht mehr performt – Menschen mit Kindern sind oft sehr gut in Organisation und Koordination.
Daniela Sachse | Es geht meist nicht nur um bestimmte Modelle, sondern um das richtige Mindset im Umgang mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Letztendlich ist es eine Frage der Werte.
Redaktion
- David Bauer
Fotos
Amir Kaljikovic