Eine Ode an die Lehrlingsausbildung
Schon gewusst? Europas erste Ausbildungskonferenz ist made in Austria. Initiator Mario Derntl, Geschäftsführer von Talents and Company, und sein Team haben die Veranstaltung vergangenes Jahr mit einem Ziel ins Leben gerufen: Ausbilderinnen, HR-Profis und Ausbildungsbegeisterte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum für praxisnahe Impulse und den Austausch internationaler Expertisen zusammenzubringen. Heuer bereits zum zweiten Mal – und wir waren mittendrin. (K)ein Nachbericht.
Im Salzburger Kavalierhaus residierten früher einst die Habsburger, die dieses als Winterhaus für ihr nur wenige Meter entferntes und im Winter schwer zu beheizendes Schloss Klessheim nutzten. Erzherzog Ludwig Viktor richtete darin seinen Wohnsitz ein, nachdem sein älterer Bruder, Kaiser Franz Josef I., es ihm im Jahr 1866 übergab. Seit 1962 nutzen die Tourismusschulen Salzburg-Klessheim die heutige Eventlocation als Ausbildungsstätte der Zukunft. Um Ausbildung und Zukunft – oder besser gesagt: die Zukunft der Ausbildung – sollte es auch an zwei Junitagen in 2026 gehen. Bei der zweiten Auflage der EAKON, Europas erster Ausbildungskonferenz.
„Im gesamten DACH-Raum gibt es kein vergleichbares Event mit über 200 Ausbildungsverantwortlichen“, sagt Mario Derntl, der die Veranstaltung ausdrücklich als Plattform auf Augenhöhe, von Ausbilderinnen und Ausbildern für Ausbilderinnen und Ausbilder, initiierte. Er selbst eröffnete auf der Bühne mit einer Keynote zum Status quo. Und nachdem sämtliche Tickets bereits im Vorfeld vergriffen waren, sollte man auf den ersten Blick meinen, um die Lehre sei es gut bestellt. Oder?
Der zweite Blick
Ja, die Lehrlingsausbildung in Österreich ist weiterhin ein gut etablierter, zentraler Weg auf dem Arbeitsmarkt. Und dennoch zuletzt rückläufig: Gegenüber 2024 sank die Zahl der Lehrlinge 2025 um 3,4 Prozent und die Zahl der Lehrbetriebe um 3,7 Prozent. Laut WKO sind mehr als die Hälfte aller Betriebe grundsätzlich bereit, mehr Lehrlinge auszubilden, wenn sie ausreichend geeignete Jugendliche finden würden. Österreichweit gab es Ende Jänner 2026 17.564 offene Lehrstellen und 13.507 Lehrstellensuchende. Einerseits war also das Angebot größer als die Nachfrage, andererseits herrscht beim Matching noch Luft nach oben. Mit Umständen wie diesen befassten sich die zahlreichen fachlichen Keynotes, um dem Publikum praxisnahe Impulse zu vermitteln.
So auch der Vortrag von Andrea Resch-Krenn, Head of HR bei Thalia, die darüber sprach, wie man Talente dort erreicht, wo sie sind. (Keine) Überraschung: auf dem Smartphone. „Wir können sehr genau tracken, woher unsere Bewerbungen kommen. Hier haben wir zuletzt einen Shift erlebt – weg von der klassischen Jobbörse, hin zu diversen Social-Media-Kanälen.“ Recruitingkampagnen auf TikTok, Snapchat und Co. plus einfache Bewerbungen via WhatsApp seien daher längst Teil der Strategie. Das Ergebnis: rund 900 Bewerbungen auf lediglich 25 Lehrstellen österreichweit. Sie und ihr Team sind offen für Neues, probieren vieles aus, ohne den Fokus zu verlieren. Ihr Tipp: „Immer die Zahlen im Blick behalten, das hilft ungemein.“
Von der Bühne ins Publikum
Die Expertin ist nicht nur als Speakerin, sondern – gemeinsam mit zwei Kolleginnen – auch als Teilnehmerin angereist. „Vor allem für den Austausch mit anderen Unternehmen, die wie wir selbst großen Wert auf die Lehrlingsausbildung legen. Da kann man viel mitnehmen.“ Genau das sei hier intensiver möglich als auf allgemeiner gehaltenen HR-Veranstaltungen. Und ist in Zeiten des Umbruchs besonders wertvoll. „Viele Jugendliche und deren Eltern treffen die Entscheidung für eine Lehre inzwischen sehr bewusst. Es geht auch um die Frage: Welche Jobs wird die Künstliche Intelligenz einmal übernehmen und welche nicht?“
Gastgeber Derntl selbst spricht deshalb sogar von einer „Renaissance“ der Lehrlingsausbildung und sieht darin große Chancen für das Image der Lehre. „Menschen mit Lehrabschluss gehören schon heute zu den gefragtesten am Arbeitsmarkt.“ Zugleich sei es kein Geheimnis, dass die Arbeitslosigkeit der Akademikerinnen und Akademiker – wenn auch grundsätzlich auf niedrigem Niveau – zuletzt stetig stieg. Diese Veränderung sei in den Köpfen vieler Nachwuchstalente bereits angekommen. Laut aktueller Ö3-Jugendstudie sind 38 Prozent der Jugendlichen davon überzeugt, dass sie am Arbeitsmarkt künftig mit einer handwerklichen Lehre die besten Chancen haben. Ein Studium landet dahinter mit 29 Prozent, höhere Schulen liegen bei 20 Prozent. Für Derntl endet damit die jahrelange Fehleinschätzung, die Lehre sei eine Ausbildung zweiter Wahl. Und eine neue Ära beginnt: „Bei all der Veränderung, die wir gerade durch die Möglichkeiten von KI erleben, werden viele klassische Lehrberufe in Zukunft zusätzlich noch an Wert gewinnen.“_
Redaktion
- David Bauer
Fotos
EAKON; Resch-Krenn: Thalia / Agnes Mutschler