Wo Hoffnung eine Haltung ist
Die Sozialbranche spiegelt wider, was die Gesellschaft in vielen Bereichen bewegt: Personaldruck, die Sinnfrage und der Wunsch nach Selbstbestimmung. Wir besuchen das Diakoniewerk in Gallneukirchen und sprechen mit Vorständin Daniela Palk darüber, warum es dringend einen Blick auf die Gestaltungskraft und Komplexität der Pflege- und Sozialarbeit braucht und warum sie der vielleicht mutigste Job der Gegenwart ist.
Durch das Stadtzentrum von Gallneukirchen, hinein in eine kleine Seitenstraße vor dem Hauptplatz führt unser Weg, bis wir plötzlich vor ihm stehen: dem historischen Stammhaus des Diakoniewerks, das mittlerweile unter Denkmalschutz steht. Hier gründeten die Diakonissen vor mehr als 150 Jahren eine Organisation, deren Idee einfach und zugleich wegweisend war: Menschen in Not nicht allein zu lassen. Heute ist aus diesem Spirit ein Unternehmen mit 4.000 Mitarbeitenden in sechs Bundesländern geworden. Und doch ist dieser Geist noch da. Man spürt ihn, wenn man durch die Gänge geht.
Wenn Vorständin Daniela Palk vom Diakoniewerk spricht, wählt sie das Wort Hoffnung und meint damit keine naive Zuversicht. „Hoffnung ist nicht rosarot“, sagt sie, „sie blendet nicht aus, was schwierig ist. Aber sie stärkt uns, gerade in schwierigen Situationen.“ Ein Stockwerk über ihrem Büro liegt das Ate-
lier. Ein heller Raum, in dem Menschen mit Behinderungen malen, zeichnen, gestalten. Die Werke, die hier entstehen, hängen nicht nur an lokalen Wänden, sie werden unter anderem in der Albertina ausgestellt. Die Frage, die sich beim Anblick der Bilder stellt: Was entsteht, wenn Menschen mit Behinderungen ihre Fähigkeiten leben dürfen und nicht von außen in ihren Möglichkeiten eingeschränkt werden?
Es ist dieser Doppelblick, den Palk für ihre gesamte Organisation fordert: auf das, was Menschen beitragen können. Klientinnen wie Mitarbeitende. „Wir trauen den Menschen Verantwortung zu“, heißt es im Leitbild des Diakoniewerks. Und dieser Satz, betont Palk, gelte für alle. Für die Menschen, die begleitet werden, damit sie ihr Leben möglichst selbst gestalten. Und für die, die begleiten. Denn das ist der eigentliche Kern ihres New-Work-Verständnisses: echte Beteiligung, geteilte Führungsverantwortung, Ideen, die gehört werden.
persönliche Notiz von Melanie
Ein Bild des rosaroten Panthers. Daran malt der Künstler Christoph Kremser gerade, als wir das Atelier im historischen Hauptgebäude des Diakoniewerks betreten. Von uns lässt er sich kurz von seiner Arbeit abhalten und zeigt und einige seiner Werke. Fürs Foto sucht er eines aus, das am besten zu Daniela Palks orangenem Blazer passt.
Momente, die bewegen
Beim Employer Branding Award, den das Diakoniewerk zuletzt gewonnen hat, wurde genau das sichtbar. Die Verantwortlichen fragten in der gesamten Organisation: Wie erleben wir uns als Arbeitgeber? Was macht uns eigentlich aus? Besonders war die Entscheidung, wer auf den Plakaten zu sehen sein sollte. Nicht die Kommunikationsabteilung wählte die Testimonials, sondern Kolleginnen schlugen andere Kollegen vor. „Wir wollten Repräsentantinnen und Repräsentanten, die unsere Arbeit zeigen, wie sie wirklich ist: mutig, voller Verantwortung und Gestaltungswillen.“
Denn die Sozial- und Gesundheitsbranche leidet unter ihrem eigenen Narrativ der Mängel. Palk will das Bild nicht schönreden. Aber sie will es vollständig zeichnen. An vielen Standorten gibt es Momente voller Freude, Humor, echten Gelingens: Wenn jemand zum ersten Mal allein mit dem Bus zur Arbeit fährt, wenn es Kooperationen mit lokalen Bauernhöfen gibt, wenn Menschen mit Demenz gemeinsam musizieren und tanzen. Was die Wirtschaft davon lernen kann? „Wir sind seit 150 Jahren eine Purpose-Driven-Organisation. Das können andere nicht so schnell nachmachen.“ Und sie fügt hinzu, was selten ausgesprochen wird: Die Care-Arbeit hält der Wirtschaft den Rücken frei. Ohne Tagesbetreuung, ohne Pflegeheime, ohne Begleitung für Menschen mit Behinderungen könnten weniger Menschen, die privat jemanden pflegen, überhaupt erwerbstätig sein.
Zurück im alten Gebäude, in dem alles begann. Die Mauern sind dick, die Decken hoch, das Licht fällt schräg herein. Man denkt an die Diakonissen, die hier einmal saßen und entschieden haben, dass es diese Arbeit braucht. Und man denkt an Daniela Palk, die diesen Spirit in die Gegenwart trägt. Das ist nicht nur eine neue Art, die Sozialarbeit zu denken, es ist eine Haltung, die die Hoffnung der letzten 150 Jahre weiterträgt._
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
Sabine Kneidinger