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 Ideen, die zünden
A photograph of blue-tipped matches on a blue background. A single lit match is coming in from the left side of the image and beginning to ignite the leftmost match. The tip of the lit match is black, and the flame is orange. The background of the picture is deep blue at the top and gradually lightens to a brighter blue as it reaches the bottom of the image.
Menschen Unternehmen

Ideen, die zünden

13. Juli 2026

Wie kommt Innovation dort an, wo sie gebraucht wird, und was ist dafür nötig?
Zwei oberösterreichische Vorzeigeprojekte bestätigen: Zwischen kluger Idee und
echtem Nutzen liegen oft nur der richtige Ort, das richtige Mindset und ein bisschen Mut.

Die denkende Maschine

Eine Fräsmaschine merkt, dass ihr Werkzeug stumpf wird. Statt weiterzuarbeiten und schlechte Teile zu produzieren, priorisiert sie selbstständig um: Die Feinschnitte verschiebt sie, die Grobschnitte übernimmt sie. Kein Alarm, kein Stillstand, sondern ein Moment von dem, was wir bei Menschen Erfahrung nennen würden. Dieses Bild ist keine Science-Fiction. Es ist die Vision von Volkmar Wieser und Florian Bachinger vom Software Competence Center Hagenberg (SCCH) und der Kern des neuen Forschungsschwerpunkts MIND (Machine and Industrial Domain-Intelligence): intelligente Maschinen, die verstehen, wo sie sind, was sie tun und warum.

ChatGPT und Co. sind beeindruckend, aber beispielsweise für eine Fräsmaschine das Falsche: zu groß, zu allgemein, zu rechenintensiv. Sie wissen, wie man einen Aufsatz schreibt, nicht, wie sich das Vibrationsverhalten einer Frässpindel bei Verschleiß verändert. Der europäische Trend geht daher zu kleinen, spezialisierten Modellen, die lokal laufen: ohne Cloud, ohne Datenschutzrisiko. „Die Maschine versteht ihre Arbeit“, sagt Volkmar Wieser. „Sie weiß, was ihre Rolle ist.“

Die Kernidee: Man gibt der Maschine kein Modell, das ihr Verhalten von außen überwacht. Man gibt ihr ein Selbstbild. Florian Bachinger, frisch promovierter Team Lead von MIND, verwendet dafür eine Analogie: „Eine erfahrene Mitarbeiterin, die weiß, wann sie selbst eingreift und wann sie Herausforderungen meldet.“ Dieses Verhalten entsteht durch Lernen aus Dokumentationen, Sensordaten und dem Erfahrungswissen der Maschinenführer.

Die Maschine agiert wie eine erfahrene Mitarbeiterin.
Florian Bachinger
Team Lead MIND, SCCH

Vertrauen als Grundvoraussetzung

„Wenn eine Maschine einmal einen Fehler macht, vertraut man ihr vielleicht nie wieder. Beim Menschen verzeiht man.“ Wieser trifft damit den wunden Punkt vieler gescheiterter KI-Projekte. Deshalb gilt Erklärbarkeit bei MIND als Grundvoraussetzung: Ein Modell, das seine Entscheidungen begründen kann, ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug, das man einsetzt, und einem, das man fürchtet. Und es eröffnet einen Nebeneffekt: Das Expertenwissen von zehn Jahren Berufserfahrung wird übertragbar, das heißt, neue Mitarbeitende lassen sich schneller einschulen.

Technisch verbindet MIND drei Ansätze: auf Domänenwissen spezialisierte neuronale Netze; RAG-Modelle, die Dokumente intelligent durchsuchen, ohne neu trainiert zu werden; und physikalisch informierte Modelle, die Vorwissen über Materialien und Mechanik integrieren. Diese Hybridisierung – das Verheiraten bisher getrennter Verfahren – ist der eigentliche Kern von MIND. Der neue Schwerpunkt startet offiziell 2027, der Aufbau läuft gerade. Demonstratoren, darunter zwei autonom fahrende Roboter, sollen das Konzept direkt am SCCH greifbar machen. Die Zielgruppe: nicht Konzerne mit riesigen IT-Abteilungen, sondern die produzierende oberösterreichische Industrie – Maschinenbauer und Fertigungsunternehmen, die das Rückgrat der Region bilden.

Wenn eine Maschine einmal einen Fehler macht, vertraut man ihr vielleicht nie wieder.
Volkmar Wieser
Area Manager Data Science, SCCH

Wie innovation im Alltag wirkt

700.000 Mal im Jahr erreicht ein Bürgeranliegen die Landesbehörden – schriftlich, über Formulare, in eigenen Worten. Bisher liest ein Mitarbeiter jedes einzelne, ordnet es dem passenden Sachgebiet zu und trägt es ins System ein. Genau das soll künftig das Landesassistenzsystem „Lassy“ übernehmen: Das System erkennt, worum es geht, und legt das Anliegen samt aller relevanten Vorinformationen direkt der zuständigen Person vor. Der Rollout läuft gerade. Was nach Zukunft klingt, nimmt in Oberösterreich Gestalt an. Möglich wurde das nicht durch einen abgeschlossenen Innovationsprozess hinter verschlossenen Türen, sondern durch ein Umfeld, das genau dafür geschaffen wurde: das LIT Open Innovation Center auf dem JKU-Campus. Hier treffen Verwaltung, Wissenschaft, Unternehmen und Startups nicht zufällig aufeinander – sie werden gezielt miteinander in Austausch gebracht. Thomas Schäffer, Landesamtsdirektor des Landes OÖ, bringt das Grundproblem auf den Punkt: „Ein Konzern kann Innovation isoliert nicht stemmen.“ Deshalb sitzt der Innovation Hub des Landes OÖ direkt im LIT Open Innovation Center – Schulter an Schulter mit über 30 Partnerunternehmen, Startups, zehn Forschungsinstituten und Labs. Man kommt nicht mit einer Lösung. Man kommt mit einem Problem und tauscht sich aus.

Europa kann Innovation – souverän und wertebasiert.
Elisabeth Ulbrich
Geschäftsführerin, LIT Open Innovation Center

Dem Zufall auf die Sprünge helfen

Geschäftsführerin Elisabeth Ulbrich und Partnermanagerin Valentina Schmelzer orchestrieren den Austausch auf mehreren Ebenen: Expertgroups für den fachlichen Tiefgang, eine OIC Masterclass mit externen Keynotespeakern – zuletzt zum Thema KI-Tools rechtssicher nutzen – sowie gezieltes Matchmaking zwischen Unternehmen und Uni-Instituten. Die häufigste Rückmeldung der Partner: „Es geht so einfach. Wir haben nicht gewusst, dass das nur eine E-Mail weit entfernt ist.“

Neben Lassy hat das Land OÖ hier auch im engen Austausch mit dem LIT Law Lab ein Live-Dolmetsch-System entwickelt: lokal laufend, datenschutzkonform, ohne teure Buchungslogistik. Unentbehrlich an den Bezirkshauptmannschaften. Früher musste für jedes Gespräch in einer anderen Sprache ein Dolmetscher gebucht werden, mit Vorlaufzeit, Koordinierungsaufwand und entsprechenden Kosten. Aktuell wird das System in laufenden Gesprächen getestet – die Daten bleiben sicher, sodass auch vertrauliche Gespräche möglich sind. Schäffer sieht darin eine Aufgabe, die über das Projekt hinausgeht: „Wenn das Land OÖ neue Technologien einsetzt und sie funktionieren, wächst das Vertrauen der Menschen.“ Eine Verwaltung, die mutig vorangeht, senkt die Hürde für die gesamte Gesellschaft.

Wir orchestrieren Austausch auf mehreren Ebenen.
Valentina Schmelzer
Partner- und Projektmanagement, LIT Open Innovation Center

Zum Erfolgsrezept gehört auch eine Kultur des Scheiterns: Beispielsweise mit Fuck-up-Nights will man am LIT Open Innovation Center eine Kultur des Lernens entwickeln. Denn Innovation folgt selten einem geraden Weg. Sie entsteht iterativ, im Feedback-Loop, auf Augenhöhe. „Wir müssen lernen, das Scheitern nicht als Niederlage zu werten“, sagt Schmelzer. „Die Amerikaner sind da viel entspannter.“ Was für Schäffer das Wichtigste ist, wenn Innovation dauerhaft wirken soll: „Am Ende muss ein Nutzen entstehen, für den Einzelnen, für die Menschen, für die Gesellschaft. Nur dann hat sie wirklich Bestand.“ Und Ulbrich ergänzt: „Europa kann Innovation – auf europäische Art: rechtlich sauber, werteorientiert, praxisnah und gemeinsam mit starken lokalen Partnern. Dieses Beispiel zeigt, dass genau daraus wirksame Lösungen entstehen können.“_

Wenn das Land OÖ neue Technologien einsetzt und sie funktionieren, wächst das Vertrauen der Menschen.
Thomas Schäffer
Thomas Schäffer

Redaktion

  • Melanie Kashofer

Fotos

SCCH; LIT Open Innovation Center, Land OÖ

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