Lass uns aufbrechen!
Manche Menschen haben das seltene Talent, mitten im Sturm Ruhe zu schaffen und gleichzeitig den Blick nach vorne zu halten. Petra Scherrer ist eine dieser Menschen. Als HR-Strategin und Change-Begleiterin bringt sie Führungskräfte und Teams dorthin, wo Aufbruch möglich wird, und neue Wege entstehen.
Der Traunsee liegt still vor uns, als wir uns auf den überdachten Bänken neben dem Steg niederlassen. Es ist einer jener Morgen, an denen das Wasser fast schwarz wirkt und die Berge sich darin spiegeln. Petra Scherrer stellt zwei Kaffees mit Milch auf den Holztisch. Eine Tasse davon hat ein einziges Wort darauf: „Aufbrechen“. Kein Zufall. Wir besuchen sie in Altmünster an einem versteckten Platz abseits der Touristenströme. Hierher kommt sie, wenn es ihr zu viel wird. Wenn sie nachdenken muss. Und wenn sie andere dabei unterstützt, Klarheit für ihre beruflichen Entscheidungen zu gewinnen. Daneben schmiegt sich ein kleines Bootshaus ans Ufer – ihr heimlicher Traum. „Dort würde ich gerne irgendwann meine Kundinnen und Kunden einladen und Räume öffnen, in denen Veränderung möglich wird, in denen neue Perspektiven entstehen. Ein Ort, an dem man sich sortieren, öffnen und neu ausrichten kann“, sagt sie und lächelt dabei so, als wäre es schon halb wahr.
Wer sie heute erlebt – ruhig, klar, präsent und zugleich voller Energie – kann sich kaum vorstellen, dass sie sich selbst einmal fast verloren hat. In Strukturen, in Erwartungen, in einem Leben, das sich nicht mehr ganz stimmig anfühlte. Während ihrer zweiten Schwangerschaft wurde ihre Stelle als HR-Bereichsleitung nachbesetzt, später versuchte sie, im Salzkammergut wieder Fuß zu fassen. Der Wendepunkt kam nicht als perfekter Plan, sondern als Entscheidung: Um ihre Vielseitigkeit und ihren Tatendrang wieder leben zu können, geht sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Ein Sprung ins kalte Wasser. Und das Vertrauen, schwimmen zu können. Veränderung ist für sie wie ein Abenteuer, Neugier und Entdeckergeist dabei unerlässlich. Nun begleitet sie Führungskräfte und Teams durch genau jene Momente, die sie selbst kennt: Firmenübernahmen, Übergänge, Nachfolgen, Umbrüche. Heute, im dritten Jahr ihrer Selbstständigkeit, sagt sie: „Jetzt wird es erst richtig spannend.“ Nicht weil alles einfacher geworden wäre, sondern weil sie weiß, wer sie ist und wofür sie steht.
Vom Umbruch zum Aufbruch
Diese Klarheit ist kein Zufall. Sie ist der erste und wichtigste Schritt in jedem Veränderungsprozess. „Veränderung scheitert selten an fehlendem Mut“, sagt Petra, „sie scheitert daran, dass wir nicht wissen, wovor wir eigentlich Angst haben.“ Angst entstehe dort, wo Informationen fehlen oder wo wir unsere eigenen Annahmen für Wahrheiten halten. Deshalb beginne für sie jeder Aufbruch mit einem ehrlichen Blick von oben, einer Vogelperspektive auf die eigene Situation: Worum geht es im Kern? Was sind meine Glaubenssätze, die mich bremsen? Erst wenn diese Fragen ehrlich beantwortet sind, entsteht Bewegung und die Klarheit, mit der man in den nächsten Schritt einsteigen kann.
Denn Leadership im Wandel, das ist für sie kein abstraktes Konzept, sondern beginnt immer bei der Führungskraft selbst. Wer sein Team durch Unsicherheit führen will, muss zuerst selbst wissen, wohin die Reise geht. Was ist das Zielbild? Welche Stärken sind da, welche fehlen noch? Wo brauche ich Unterstützung? Da kommt Petra ins Spiel und geht in den Deep Dive. Ihre Kunden beschreiben genau das: Sie bringt Unsichtbares an die Oberfläche, öffnet einen besonderen Dialograum und macht besprechbar, worum es wirklich geht. Mit scharfer Analyse, aber auch mit dem feinen Gespür für Zwischentöne.
Was dann folgt, ist kein fertiges Rezept, sondern ein gemeinsamer Weg, vom Anfang bis zum Zielbild. Petra begleitet von der Analyse bis zur Umsetzung, strukturiert gut vor und lässt gleichzeitig zu, dass Lösungen am Weg entstehen. Gerade in jenem Raum, in dem das Alte noch nicht weg und das Neue noch nicht da ist, liegen für sie die verborgenen Schätze: die Potenziale, die Chancen, die man nur sieht, wenn man innehält und genau hinschaut.
Ihr Vorname bedeutet übrigens Fels, die Felsenfeste. Sie lacht, als sie das sagt, aber es klingt auch ein bisschen wie Bestimmung. Gerade dort, wo es stürmt, wo Chaos herrscht, bringt sie Struktur und Ruhe rein. Und wenn man nicht weiß, wo man beginnen soll? Sie greift zur Tasse, auf der „Aufbrechen“ steht. „Aufs Herz hören. Und die ersten Schritte setzen.“ Der Traunsee glitzert. Das Haus am See wartet. Und manchmal beginnt Aufbruch genau dort, wo man einfach losgeht._
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
Sabine Kneidinger