Kompass für 100.000 Jugendliche
Eine kurze Testung, ein ehrliches Gespräch und plötzlich ist klar, wohin die Reise gehen soll. Genau das erlebt in Oberösterreich mittlerweile eine ganze Generation: Die Potenzialanalyse von Land und Wirtschaftskammer hat die 100.000-Teilnehmer-Marke geknackt und zeigt Jugendlichen seit elf Jahren, wo ihre Stärken liegen.
Die Frage, die am Ende der Schule über allem schwebt, kennt fast jeder: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Während die einen längst einen Plan haben, tappen die meisten noch im Dunkeln. Genau hier setzt die Potenzialanalyse an: ein Angebot, das mittlerweile so fest im oberösterreichischen Schulalltag verankert ist, dass man sich die Zeit davor kaum noch vorstellen kann.
„100.000 Jugendliche haben mit Hilfe der Potenzialanalyse bereits ein solides Fundament für ihre Berufs- und Ausbildungsentscheidung bekommen“, sagt WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer anlässlich des Meilensteins. „Je frühzeitiger und professioneller Jugendliche abgeholt werden, desto zielgerichteter gelingt der Übergang in den Arbeitsmarkt. Oberösterreich nimmt hier mit seiner flächendeckenden Potenzialanalyse eine absolute Vorreiterrolle ein und zeigt vor, wie moderne Arbeitsmarktlenkung bereits im Klassenzimmer beginnt.“
Die Zahlen untermauern diesen Erfolg: Rund 90 Prozent der Mittelschulen und ein Drittel der AHS-Standorte nutzen das Angebot jährlich, allein im vergangenen Schuljahr waren es rund 240 Schulen quer durch alle Bezirke. Wer sein Ergebnis bei der Ausbildungswahl berücksichtigt, bricht die Ausbildung nur halb so oft ab wie andere und 60 Prozent entdecken durch die Analyse Stärken, die ihnen vorher gar nicht bewusst waren.
Test, Gespräch, Klarheit
Das Prinzip dahinter ist bewusst einfach gehalten: eine wissenschaftliche Testung, gefolgt von einem persönlichen Vier-Augen-Gespräch mit Arbeitspsychologinnen und -psychologen – gemeinsam mit den Eltern oder einer Vertrauensperson. Am Ende steht keine Schublade, sondern ein Fahrplan, den die Jugendlichen selbst in die Hand nehmen können. Über 95 Prozent der Teilnehmenden würden die Potenzialanalyse jederzeit weiterempfehlen.
Wie viel Wirkung so ein Gespräch entfalten kann, weiß Anna Falkner aus eigener Erfahrung. Sie nahm vor fast zehn Jahren teil und bekam die Empfehlung, sich an ihrer Begabung für Sprachen zu orientieren. „Damals standen jedoch Schule und Lernen nicht unbedingt auf der Liste meiner großen Leidenschaften, weshalb ich dem Ergebnis nicht weiter Aufmerksamkeit geschenkt habe. Wie sich herausgestellt hat, lag die Analyse erstaunlich richtig. Heute sind meinem Ehrgeiz und meiner Neugier für Fremdsprachen keine Grenzen gesetzt und mein Ziel ist es, diese Leidenschaft mit meiner beruflichen Zukunft zu verbinden. Manchmal braucht es wohl etwas Zeit, bis man erkennt, wo die eigenen Stärken liegen, und die Potenzialanalyse bietet dafür einen guten Wegweiser.“
Auch Philipp Klopf, heute Lehrling in der Orthopädietechnik, zieht eine klare Bilanz: „Die Potenzialanalyse hat mir sehr geholfen, meine Stärken und Interessen besser zu erkennen und die passende Berufswahl zu treffen. Ich kann sie allen weiterempfehlen, die sich bei der Wahl ihres zukünftigen Berufs orientieren möchten.“
Talente aufspüren, bevor sie verloren gehen
Für Wirtschafts-Landesrat Markus Achleitner ist die Potenzialanalyse weit mehr als ein Schultermin. „So vielfältig die Menschen in unserem Land sind, so vielfältig sind auch ihre Talente. Diese individuellen Talente aufspüren und bei der Berufs- und Ausbildungswahl entsprechend zu kennen und auch zu berücksichtigen, ist das Ziel der Potenzialanalyse. Kein Talent soll verloren gehen, stattdessen soll es der Grundstein für einen erfolgreichen Berufs- und Karriereweg und im besten Fall auch Lebensweg sein“, umreißt er den Grundgedanken.
Der Hintergrund ist auch ein wirtschaftlicher: Laut Fachkräftemonitor OÖ werden im Jahr 2030 rund 83.460 Fachkräfte in Oberösterreich fehlen, bis 2040 könnten es rund 151.000 sein. „Je knapper das Arbeitskräftepotenzial ist, umso schwerer wiegen berufliche Fehlentscheidungen. Einmal mehr ist die frühe Unterstützung die beste Unterstützung“, ist Achleitner überzeugt. Deshalb setzt das Land noch einen Schritt weiter an: Mit dem JobCoaching des JugendService begleiten Coaches Jugendliche individuell auf dem Weg zur passenden Ausbildung. „Ob Schulwahl oder Lehrstelle – mit einem JobCoach an ihrer Seite erhalten Jugendliche gezielte persönliche Begleitung. Unsere Coaches unterstützen bei wichtigen Entscheidungen und bleiben auch darüber hinaus ein verlässlicher Ansprechpartner“, so Achleitner. Allein 2025 wurden so 1.568 Jugendliche begleitet, 96 Prozent davon fanden einen Ausbildungsplatz.
Aus der Praxis
Wie viel dieses Angebot im Schulalltag bewirkt, zeigt der Blick auf jene, die es aus nächster Nähe begleiten. Stefan Illibauer, Lehrer an der TMS St. Marienkirchen, hat in seiner Funktion als Bildungsberater bereits weit mehr als 1.000 Jugendliche durch die Potenzialanalyse begleitet. Viele davon, erzählt er, hätten sich am Ende genau für jene Ausbildung entschieden, die ihnen die Analyse aufgezeigt hat. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wirtschaftskammer seien dabei stets kompetente und verlässliche Ansprechpartner, wodurch die Durchführung Jahr für Jahr reibungslos gelinge.
Die Förderaktion läuft auch im Schuljahr 2026/27 weiter, kostenlos für alle Schülerinnen und Schüler der 8. Schulstufe sowie für AHS-Schülerinnen und -Schüler der 11. Schulstufe. Anmeldungen sind ab Schulbeginn im Karriere-Center der WKOÖ möglich. Ergänzt wird das Angebot durch Formate wie OÖ Schnuppert, die Messe Jugend & Beruf in Wels und den Talent Space für jüngere Schülerinnen und Schüler.
Am Ende bleibt der Kern der Sache simpel: Wer früh weiß, wo die eigenen Stärken liegen, trifft bessere Entscheidungen, für sich selbst, aber auch für einen Standort, der auf genau diese Talente von morgen angewiesen ist. „Wir glauben an das Potenzial unserer Jugendlichen“, bringt es Landesrat Achleitner auf den Punkt. „Jede und jeder verdient eine faire Chance, den eigenen Weg zu finden und genau dabei stehen wir ihnen verlässlich zur Seite.“
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
Röbl