Ein Turm, der Geschichte(n) trägt
Wer die Tabakfabrik in Linz kennt, weiß: Dieser Ort hat eine eigene Energie. Was einst ein Industriekomplex war, ist heute eines der spannendsten Kreativareale Österreichs mit Ateliers, Startups, Veranstaltungen und einem neuen Stadtteil, der gerade erst zu sich findet. Seit April 2026 gehört auch das Arcotel Tabakfabrik dazu. Wir durften einen Blick hinter die Kulissen werfen.
Der Lift öffnet sich und für einen Moment vergisst man, warum man eigentlich hergekommen ist. Linz liegt ganze 99 Meter unter einem. Die Donau zieht sich wie ein silbernes Band durch die Stadt, dahinter die sanften Hügel des Mühlviertels, davor das Häusermeer, das plötzlich ganz klein wirkt. Hier oben, im Q27, der Bar und dem Restaurant im 27. Stock des Quadrill Towers, trinkt man Kaffee, lässt sich kulinarisch verwöhnen oder macht die Nacht zum Tag. Und man schaut auf eine Stadt, die gerade dabei ist, sich selbst neu zu erfinden. Dort treffen wir den Vorstand der Arcotel Hotels, Martin Lachout, und er nimmt uns mit auf eine Reise durch das Projekt, an dem er und sein Team bisher am längsten gearbeitet haben. Sein „persönliches Highlight“, wie er sagt.
Das Arcotel Tabakfabrik hat seit April 2026 geöffnet und es ist eines jener Hotels, bei denen man beim Eintreten das Gefühl hat, dass hier tatsächlich jemand nachgedacht hat. Nicht nur über Zimmergrößen und Frühstückszeiten, sondern über die Frage: Was soll dieser Ort eigentlich sein? Martin Lachout steht neben uns am Panoramafenster und schaut auf das historische Behrensband hinunter, jene horizontale Architekturgliederung, die sich wie eine Klammer durch das gesamte Areal der ehemaligen Tabakfabrik zieht. Fünf Jahre haben sein Team und er auf diesen Moment hingearbeitet. „Normalerweise entwickelt man ein Hotelprojekt in eineinhalb bis zweieinhalb Jahren“, sagt er. Corona, Lieferketten, bauseitige Verzögerungen. Es hätte eine Geschichte voller Frustration sein können. Ist es aber nicht.
Die Grundüberzeugung blieb in all den Jahren dieselbe: Der 109 Meter hohe Quadrill Tower des Wiener Architekturbüros Zechner & Zechner, gebaut von der Bodner Gruppe, mitten auf dem Gelände der Tabakfabrik Linz musste etwas sein, das über Kategorien hinausgeht. „Es war für uns kein klassisches Hotelprojekt“, sagt Lachout, „es geht vielmehr darum: Wie können wir dieses historische Erbe übertragen?“
Die Sprache der Räume
In der Lobby versteht man, was er meint. Eine breite Wand aus Klinkerziegel, roh, dunkel, präsent. Daneben eine freitragende Wendeltreppe aus schwarzem Stahl. Und über allem markante Lichtkörper, die wie tanzende Zigaretten in der Luft hängen: ein stilles Augenzwinkern an den Ort, wo einst täglich tausende Zigaretten vom Band rollten. Die Verbindung zwischen Alt und Neu ist keine aufgesetzte Dekoration, sie zieht sich konsequent durch das ganze Haus. Sichtbetonelemente, dunkle Metallakzente, Bronzedetails in den Zimmern – alles greift das industrielle Erbe auf, ohne es auszustellen. Lachout erzählt auch von jenem Bronzevorhang, der in jedem Gästezimmer hängt und für den es fünf Prototypen brauchte: „Vier sind durchgefallen. Der fünfte wurde es.“ Man merkt, dass ihn das noch immer freut.
Jedes der Arcotel Hotels greift in einem speziellen Themenzimmer das Flair der jeweiligen Stadt auf. Hier in Linz wurde „A Mindful Space“ in Kooperation mit Ars Electronica Solutions entwickelt. Die Sitzmöbel wurden von Roboterarmen aus recycelten Kunststoffabfällen gedruckt. Der Loungesessel stammt von Philippe Starck, entworfen mithilfe Künstlicher Intelligenz. An der Wand eine Illustration der Linzer Künstlerin Lisa Amberger. Die Wandoberflächen bestehen aus Moos und ein Fleckerlteppich aus dem Mühlviertel trifft unvermittelt auf 3D-gedruckte Lampen aus Holzfilament. Das klingt nach viel, wirkt aber erstaunlich stimmig. Wer Linz neu entdecken will, kann hier, oder natürlich in einem der klassischen Zimmer vom 2. bis zum 9. Stock, einchecken.
Linz, neu sortiert
Lachout spricht offen darüber, dass ein Hotel wie dieses auch eine stadtpolitische Funktion hat. „Mit so einem Flagship-Hotel schaffen wir es, dass man über Linz spricht.“ Die Buchungsanfragen schossen nach Bekanntwerden des Eröffnungsdatums in die Höhe, die offenen Stellen wurden fast ausschließlich mit Menschen aus der Gegend besetzt, worauf er sichtlich stolz ist. „Immerhin haben wir vor allem für die Linzerinnen und Linzer gebaut.“ Und auf der Terrasse des Q27 treffen sich abends Hotelgäste und Einheimische, um den atemberaubenden Ausblick über Linz und die Donau zu erleben.
Das scheint das eigentliche Ziel zu sein: nicht nur Übernachtungen zu verkaufen, sondern einen Ort zu schaffen, an dem etwas passiert. Die 1.000 Quadratmeter große Konferenzfläche mit Glasfronten zum historischen Behrensband; das kulinarische Angebot, das von Mittag bis spät in die Nacht funktioniert. Das alles ist auf Begegnung ausgelegt, nicht auf bloße Auslastung.
Beim Hinausgehen fällt der Blick noch einmal auf die tanzenden Zigarettenleuchten in der Lobby. Ein kleines Detail, das die ganze Idee des Hauses auf den Punkt bringt: Vergangenheit nicht verdrängen, sondern neu erzählen. Immer abgestimmt auf das große Ganze und in enger Zusammenarbeit mit den kreativen Köpfen, die ohnehin schon in der Tabakfabrik vor Ort sind. Das Arcotel Tabakfabrik schafft es mit einer spielerischen Leichtigkeit, diesen Stadtteil mit neuem Leben zu füllen._
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
Antje Wolm, Sabine Kneidinger, Arcotel Hotel AG