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 Was wir von Matilda lernen können
Menschen Schon gewusst

Was wir von Matilda lernen können

17. Juni 2026

Daran erinnern sich wohl all jene, die „Matilda“ von Roald Dahl gelesen haben: dass Mut nicht von der Körpergröße abhängt. Dass Fantasie stärker sein kann als Angst. Und dass man Ungerechtigkeit manchmal einfach nicht hinnehmen darf. Genau davon erzählt Matilda, die Geschichte eines hochbegabten Mädchens, das zwischen bildungsfernen Eltern und einer tyrannischen Schuldirektorin seinen eigenen Weg findet. Und genau das werden wohl auch all jene erleben, die das Musical ab 10. September im Linzer Musiktheater sehen. Was wir von Matilda allerdings schon jetzt lernen können, das durften wir gestern bei einem Besuch der Bühnenproben überrascht feststellen.

„Valerie, du gehst bitte vorne ab.“ Die Stimme von Melissa King klingt durch den Zuschauerraum. Die neun Kinder auf der Bühne halten inne. Noch einmal, der Abgang sitzt noch nicht ganz. Also wird die Szene wiederholt. Ein Klassenzimmer. Schuluniformen. Konzentration. Valerie ist zehn Jahre alt und die jüngste der drei Matildas. „Die Hauptrolle ist fast verrückt groß für ein Kind“, sagt Arne Beeker, Dramaturg am Musiktheater. „Sie hat große Monologe, mehrere Solo-Songs und muss gleichzeitig noch mit den anderen tanzen. Das ist eigentlich eine Rolle, wie man sie kaum für Erwachsene schreiben würde.“ Deshalb wurde die Rolle dreifach besetzt. Die übrigen Kinderrollen sind jeweils doppelt besetzt. Insgesamt stehen 19 Kinder auf der Bühne. Ausgewählt aus rund 350 Bewerbungen. Und sie erzählen die Geschichte eines Mädchens, das seit fast vier Jahrzehnten Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistert.

Wunderkinder auf der Bühne

Es ist die letzte Probenwoche vor der Sommerpause. Die Endproben beginnen am 27. August. Natürlich ist es noch zu früh, viel zu früh für eine Theaterkritik. Aber wenn man jetzt mal ganz rational eins und eins zusammenzählt, dann wagt man schon zu behaupten: Das könnte ein Riesenerfolg werden. Und daraus könnte man durchaus schließen, sich Karten lieber jetzt schon zu sichern. Erstens: Das Bühnenbild ist selbst ohne Belichtung schon eine Erscheinung, die man sich gut und gerne einfach mal minutenlang ansehen möchte. Zweitens: Hier ist eine Regisseurin am Werk, die selbst so berührt ist von dem Stück, dass sie wohl andere berühren wird. Aber dazu später. Drittens: Da proben 19 Kinder bereits seit Wochen mit einer Euphorie, die man ihrer Generation gemeinhin nur in Zusammenhang mit mobilen Endgeräten zugetraut hätte. Ohne Anzeichen von Müdigkeit (obwohl nicht selten vormittags und abends und am Wochenende sowieso Proben stattfinden). Und viertens: Die Geschichte selbst hat nicht an Bedeutung verloren.

Als Roald Dahl 1988 seinen Roman Matilda veröffentlichte, schuf er weit mehr als eine Kindergeschichte. Matilda Wormwood ist hochbegabt, liebt Bücher und liest sich schon als kleines Mädchen durch ganze Bibliotheken. Doch ihre Eltern interessieren sich weder für Bildung noch für die außergewöhnlichen Fähigkeiten ihrer Tochter. In der Schule trifft sie auf die tyrannische Direktorin Miss Trunchbull – in der deutschen Übersetzung Agathe Knüppelkuh –, die Kinder mit sadistischem Vergnügen schikaniert. Gleichzeitig findet sie in ihrer Lehrerin Miss Honey eine Verbündete. Und schließlich entdeckt Matilda sogar telekinetische Kräfte.

Es ist eine Geschichte über Vernachlässigung, Machtmissbrauch, Fantasie, Mut und Gerechtigkeit. Eine Geschichte, die Roald Dahl mit schwarzem Humor erzählt. Und eine Geschichte, die heute vielleicht aktueller wirkt denn je. „Geschichtenerzählen ist total wichtig in unserer heutigen Zeit“, sagt Regisseurin Melissa King. „Alles wird immer kürzer, Erwachsene schauen nur noch auf Bildschirme. Aber durch Bücher und Geschichten öffnet sich eine ganze Welt.“ Genau das passiert auch Matilda. Obwohl sie in schwierigen Verhältnissen aufwächst, findet sie in Büchern einen Ausweg. Fantasie wird zu ihrer Stärke. Und Mut zu ihrer Waffe.

Die Kraft der Kinder

„Sie kämpft für Gerechtigkeit“, sagt King. „Und sie bewirkt Veränderungen. Nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Erwachsenen.“ Dass diese Geschichte so unmittelbar wirkt, liegt auch daran, wie Melissa King mit den jungen Darstellerinnen und Darstellern arbeitet. Mit Erwachsenen beginnt ein Probenprozess klassisch: Leseproben, Gespräche über Motivation, Subtext und Figurenentwicklung. „Das dauert lang“, sagt sie. Mit Kindern funktioniert das anders. „Die Aufmerksamkeit von Kindern ist nicht ganz so lang.“ Also fragt sie stattdessen nach dem Lieblingsfach in der Schule. Nach Hobbys. Nach kleinen Dingen aus ihrem Alltag. Und baut genau diese Antworten in die Figuren ein.

„Es kann sein, dass manche Figuren dadurch anders werden als ursprünglich gedacht“, sagt sie. „Aber ich versuche, dass die Kinder authentisch spielen.“ Behandelt werden sie dabei wie Erwachsene. Auf Augenhöhe. Ohne Verniedlichung. Aber mit dem Verständnis dafür, dass ein Kind anders lernt als ein dreißigjähriger Bühnenprofi. Dass diese Methode funktioniert, bestätigen die drei Matildas sofort. „Sie sagt uns ehrlich, was wir verbessern können“, erzählt Valerie. „Aber sie macht das nett und gibt Vorschläge.“ „Sie hat die perfekte Balance“, findet Ines. „Sehr professionell und gleichzeitig sehr nett.“ Und Leonie staunt darüber, wie die Regisseurin den Überblick behält: „Ihre Arbeit finde ich wirklich erstaunlich, wie sie das alles schafft.“

King selbst scheint von ihrer jungen Truppe mindestens genauso beeindruckt zu sein. „Ich bin wirklich erstaunt“, sagt sie. „Es gab, glaube ich, kaum oder nie eine Probe, wo ich dachte: Es ist mühsam, ich gebe auf. Die waren immer irgendwie da.“ Selbst die Jüngste im Ensemble, erzählt sie schmunzelnd, sei anfangs noch ein wenig frech und nicht immer ganz fokussiert gewesen. Inzwischen habe auch sie gelernt, was ein professioneller Probenprozess bedeutet. Gleichzeitig will King genau jene Energie nicht wegtrainieren, die das Stück lebendig macht. „Das Stück lebt von der Energie der Kinder“, sagt sie. „Und wir würden das ungeheuer runterdämpfen, wenn wir versuchen würden, das alles zu kontrollieren.“

Ein kleines Wunder

Wer die Probe beobachtet, versteht sofort, was sie meint. Da wird konzentriert gearbeitet. Aber genauso wird gelacht. Es wird getanzt, gesungen, gewartet, wieder getanzt. Und wenn gerade nicht gespielt wird, sitzen die Kinder im Zuschauerraum und verfolgen aufmerksam die Szenen der anderen. „Man lernt ständig neue Leute kennen und findet neue Freunde“, erzählt Leonie. „Ich mag es, wenn Freundschaften entstehen, die länger bleiben“, sagt Valerie. Und Ines liebt vor allem die großen Ensemble-Nummern: „Wenn alle zusammen tanzen und singen und dieses große Bild entsteht – das macht einfach Spaß.“

Von Konkurrenzdenken ist hier wenig zu spüren. Vielleicht liegt das daran, dass die Kinder längst verstanden haben, worum es in dieser Geschichte eigentlich geht. Auf die Frage, welche Eigenschaften sie selbst mit Matilda teilen, fallen die Antworten erstaunlich ähnlich aus. Alle drei lesen gerne. Alle drei mögen keine Ungerechtigkeit. Und alle drei würden sich für andere einsetzen.

„Wenn etwas wirklich ungerecht ist, sollte man aufstehen“, sagt Ines. „Ich verteidige andere gerne“, erzählt Leonie. „Wenn ich finde, etwas ist ungerecht, dann sage ich auch: So geht das nicht“, ergänzt Valerie.

Mut statt Zauberei

Genau das macht Matilda zur Heldin. Nicht ihre telekinetischen Kräfte. Nicht ihre außergewöhnliche Intelligenz. Sondern ihr Mut, sich gegen Ungerechtigkeit zu stellen. Für Melissa King liegt darin die eigentliche Kraft des Stücks. Während sie darüber spricht, stockt plötzlich ihre Stimme. „Sorry“, sagt sie leise. Für einen Moment muss sie sich sammeln. Man merkt: Diese Geschichte bedeutet ihr etwas. „Wenn durch dieses Stück bei Erwachsenen wieder ein bisschen Wunder entsteht, dann haben wir viel erreicht“, sagt sie schließlich. „Wenn Menschen empathischer werden, mehr mitdenken und mitfühlen.“ Und vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieses Nachmittags: Matilda erzählt nicht nur davon, dass Kinder die Welt verändern können. Sie beweist es gerade selbst. Auf einer Bühne in Linz.

Zur Produktion

Premiere: Freitag, 11. September 2026, 19.30 Uhr, Großer Saal, Musiktheater Linz.
Musikalische Leitung: Raban Brunner. Inszenierung und Choreografie: Melissa King. Bühne: Stephan Prattes. Dramaturgie: Arne Beeker.
In den Rollen der Matilda: Leonie Cydlik, Valerie Kloiber, Ines Röbl. Weitere Kinderrollen: Bruce (Felix Hansl, Jonathan Wirleitner), Lavendel (Eva Winkelhofer, Greta Winkelhofer) und viele mehr.
Unter den erwachsenen Hauptdarstellern: Patrizia Unger als Fräulein Honig, Gernot Romic als Agathe Knüppelkuh, Astrid Nowak als Frau Wurmwald, David Rodriguez-Yanez als Herr Wurmwald.

Karten

Redaktion

  • Susanna Winkelhofer

Fotos

Philip Brunnader

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