Pharmariese mit Zukunftsrezept
450 Jahre Geschichte und dennoch auf Angriffskurs: Richter Pharma investiert massiv in Produktion, Digitalisierung und Versorgungssicherheit. Das oberösterreichische Familienunternehmen wächst nicht nur wirtschaftlich, sondern positioniert sich zunehmend als strategischer Player für Europas Gesundheitsversorgung.
Das Traditionsunternehmen Richter Pharma nutzt den 450. Geburtstag für eine klare Botschaft: Wachstum ist kein Zufall, sondern Strategie. 2025 wurde für das Unternehmen zum Rekordjahr. Der Umsatz kletterte auf 941 Millionen Euro, die Zahl der Mitarbeitenden stieg auf 491. Gleichzeitig investierte der Konzern kräftig in neue Produktionskapazitäten, digitale Systeme und die Stärkung des Standorts Österreich.
„Das sind Top-Werte, die wir gemeinsam als Team erreicht haben und auf die wir sehr stolz sind“, betont Roland Huemer, CEO von Richter Pharma. Gleichzeitig verweist er auf die wirtschaftlichen Herausforderungen innerhalb der Gesundheitsversorgung: „Der im Verhältnis zum Umsatz begrenzte Ertrag zeigt, wie stark Teile der Gesundheitsversorgung unter wirtschaftlichem Druck stehen.“
Europas Pharma-Zukunft made in Oberösterreich
Besonders deutlich zeigt sich die neue Größenordnung im veterinärmedizinischen Bereich: Mit einem Investitionsvolumen von 35 Millionen Euro ging der neue VetViva-Produktionskomplex in Betrieb. Das Ergebnis: eine Verdreifachung der Produktionskapazitäten „Damit erhöhen wir die tiermedizinische Versorgungssicherheit und schaffen zusätzliche Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Region“, sagt Huemer.
Der Ausbau ist Teil einer größeren Vision. Europas Abhängigkeit von internationalen Lieferketten sei zu hoch geworden, insbesondere bei Medikamenten und Wirkstoffen. Richter Pharma sieht darin nicht nur Risiko, sondern auch Chance. „Europa muss im Bereich der Human- und Veterinärmedizin wieder eine tragende Rolle übernehmen und Produktionskapazitäten sichern beziehungsweise zurückholen“, fordert Huemer. Dafür brauche es laut ihm „eine langfristig ausgerichtete Life-Sciences-Strategie, die den Standort für Forschung und Produktion noch attraktiver macht“.
Zwischen Arznei und Lebensgefühl
Neben der klassischen Pharmaproduktion setzt das Unternehmen zunehmend auf Produkte rund um Immunstärkung und Gesundheitsvorsorge. Die Nahrungsergänzungslinie Supamun wird laufend erweitert und soll körperliche wie mentale Leistungsfähigkeit adressieren.
Auch die Pharmalogistik entwickelt sich zum strategischen Faktor. Die konzerneigene Pharma Logistik Austria übernimmt komplexe Aufgaben für internationale Unternehmen, darunter auch Speziallogistik für Krebsmedikamente.
Daneben werden digitale Services immer mehr zum Wettbewerbsvorteil. Mit der App eltiga können Tierhalter und Tierärztinnen Gesundheitsdaten zentral verwalten sowie Produkte direkt bestellen. „Diese Funktion wird von den Tierbesitzern stark genutzt und erleichtert gleichzeitig die Lagerhaltung und Abrechnung in den Tierarztpraxen“, erklärt Huemer. Künstliche Intelligenz und digitale Prozesssteuerung spielen dabei eine immer größere Rolle. Das Ziel: effizientere Abläufe, stabilere Lieferketten und bessere Services.
Der Kampf um Wettbewerbsfähigkeit
Trotz Rekordzahlen bleibt der Ton realistisch. Steigende Kosten, staatliche Preisdeckelungen und wachsender Wettbewerbsdruck setzen die Branche unter Spannung. Besonders bei günstigen Humanarzneimitteln sieht Richter Pharma die Versorgungssicherheit gefährdet. „Wir warnen vor der Entwicklung bei niedrigpreisigen Humanarzneimitteln. Denn mangels freier Preiskalkulation wird es für Hersteller, Großhändler und Apotheken immer herausfordernder, hier die Versorgung sicher zu stellen“, so Huemer.
Der Blick nach vorne bleibt dennoch ambitioniert. Bis 2030 sollen allein durch die neue VetViva-Produktion 50 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Oder, wie es Huemer formuliert: „Erfolg ist aber kein Selbstläufer. Die Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandortes und die Zukunftsfähigkeit unseres Gesundheitssystems müssen im Schulterschluss mit der Politik derzeit hart erarbeitet werden.“
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
Jürgen Grünwald