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 In der weiten Welt zuhause
Menschen

In der weiten Welt zuhause

Von Singapur über Bangalore bis nach Eggelsberg nahe Salzburg –
der CFO der Machine Automation Division von ABB (B&R), Sandeep Agarwal, hat auf seinem Weg gelernt, dass Weltoffenheit kein Vielfliegerprogramm braucht, sondern eine Haltung. Im Gespräch erzählt er, was ihn seine internationalen Stationen über Vertrauen, Klarheit und echtes Ankommen gelehrt haben. Und warum er die Großstadt keine Sekunde vermisst.

Vor dem Fenster seines Büros bei B&R liegen keine Wolkenkratzer, sondern sanfte Hügel. Genau dieser Kontrast ist es, der Sandeep Agarwal auf seinem bisherigen beruflichen Weg geprägt hat. Er hat in mehreren Ländern gelebt und gearbeitet, doch statt mit Statussymbolen internationaler Karrieren zu jonglieren, spricht er lieber über das, was ihn diese Stationen wirklich gelehrt haben: Menschen, Kulturen und Arbeitsweisen besser zu verstehen. Für ihn ist internationale Erfahrung nie nur ein Karriereschritt gewesen, sondern eine Schule des Zuhörens.

Was Sandeep im Alltag lebt: Er möchte Menschen und Themen verbinden – „connecting the dots and see what is happening around you“, wie er es nennt. Für ihn ist das mehr als eine Floskel. Reisen bedeutet für ihn, wahrzunehmen, wie sich Gesellschaften, Arbeitswelten und das Miteinander verändern. Ein Gedanke begleitet ihn dabei durch alle Stationen: Man ist immer genau dort, wo man gerade sein soll. Wer sich gedanklich schon beim nächsten Schritt befindet, verpasst den, den er gerade macht. Diese Gelassenheit wirkt bei einem CFO fast überraschend, sie ist aber offenbar sein Erfolgsrezept.

Diese Haltung zieht sich auch durch sein Führungsverständnis. Respekt, sagt er, lasse sich nicht einfordern, er entstehe durch Verhalten, durch Verlässlichkeit, durch Haltung. Sein persönliches Mantra fasst er in drei Worten zusammen: Vertrauen, Klarheit und Momentum. Vertrauen als Grundlage jeder Zusammenarbeit, Klarheit als ehrliche, nachvollziehbare Kommunikation und transparente Entscheidungen, Momentum als die Energie, gemeinsam etwas in Bewegung zu bringen. Ob in Singapur, Bangalore oder heute in Eggelsberg –
für ihn zählt überall dasselbe: Wie gehen Menschen miteinander um, und gelingt es, gemeinsam eine Richtung einzuschlagen? Dass B&R von diesem Standort aus international Innovationen in der Industrieautomation vorantreibt, ist für Sandeep ein Zeichen, dass es nie nur um den Ort geht, sondern um die Menschen, die diesen prägen. Als sich die Gelegenheit bei B&R bot, hat Sandeep sie nicht anhand von Standort oder Prestige abgewogen. Was ihn anzog, war etwas viel Konkreteres: die Chance, die finanzielle Grundlage eines Unternehmens an der Schnittstelle von Innovation und industriellem Wandel mitzugestalten. „B&R wächst nicht nur –
das Unternehmen definiert weltweit neu, was industrielle Automatisierung bedeutet. Von einer kleinen Stadt in Österreich aus Teil dieser Geschichte zu sein, ist wirklich spannend“, sagt er.

Heute lebt er mit seiner Frau und seinem fünfzehnjährigen Sohn in der Region und schätzt vor allem eines: die Nähe zur Natur. Nach Jahren in Metropolen wie Singapur und Bangalore empfindet er das Leben hier als wohltuenden Kontrast. Weniger Menschen, mehr Raum zum Durchatmen. Wenn seine Batterie leer ist, sucht er sich bewusst Ruhe, bei einem Spaziergang, einer Wanderung in den Bergen oder einer Autofahrt ohne festes Ziel. Genau diese Möglichkeit hat ihm gefehlt, als er noch nicht hier war. Auch seine Familie hat sich längst eingelebt, sein Sohn spielt mittlerweile im lokalen Tennisclub. Für ihn ein kleines, aber vielsagendes Zeichen dafür, wie wichtig ihm das Einleben in eine Gemeinschaft ist.
Er will nirgendwo nur arbeiten, sondern immer auch in der Gemeinschaft ankommen.

Was Sandeep aus jedem Wohnort mitgenommen hat, ist etwas, das er als „kulturelle Geduld“ bezeichnet –
die Fähigkeit, dem Drang zu widerstehen, vertraute Arbeitsweisen neuen Umgebungen aufzuzwingen. Singapur beschreibt er als konservative aber leistungsorientierte Gesellschaft, in der viele Menschen ständig auf das nächste Ziel hinarbeiten. Österreich erlebt er strukturierter und deutlich stärker von Work-Life-Balance geprägt. Besonders im Umgang mit Erholung sieht er einen Unterschied: Urlaub und freie Zeit haben hier einen hohen Stellenwert, nicht nur als Pause von der Arbeit, sondern als Möglichkeit, wieder Verbindung zu sich selbst, zur Familie und zum Umfeld aufzubauen. Dieses bewusste Abschalten habe er in Singapur so nie erlebt. Gesellschaftlich sieht er Singapur als globalen Melting Pot, stark digital und international geprägt, während Österreich für ihn pragmatischer, sozial abgesicherter und von hoher Lebensqualität geprägt ist. Sein Fazit fällt eindeutig aus: Er vermisst Singapur nicht. Er lebt heute in Salzburg, und genau hier fühlt er sich richtig.

Auf die Frage, welchen Rat er jungen Berufseinsteigern geben würde, die heute ihre internationale Karriere beginnen, zögert Sandeep nicht. „Jagt nicht dem Titel oder dem Standort hinterher – jagt dem Wachstum hinterher. Nehmt die Position an, den sonst niemand will. Lernt den Markt kennen, den sonst niemand im Blick hat. Und vor allem: Bleibt präsent. Eure Karriere wird Neugierde weitaus mehr belohnen als Ehrgeiz.“ Er ist überzeugt: „Und unterschätzt nicht die Kraft des Vertrauens. In jedem Land, in jeder Kultur, in jedem Sitzungssaal – es ist die einzige Währung, die niemals an Wert verliert.“

Sandeep gibt uns am Ende des Gesprächs einen Satz mit auf den Weg, der wie eine Zusammenfassung seines Lebenswegs klingt. „Die Menschen müssen wieder mehr lernen, zu genießen, wo sie gerade stehen.“ Kein schlechtes Motto für jemanden, der die Welt bereist hat, um schließlich in einem kleinen Ort in Österreich anzukommen und genau dort zu bleiben. _

Redaktion

  • Melanie Kashofer

Fotos

Amir Kaljikovic

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