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 Gegenwind statt Windkraft?
Menschen

Gegenwind statt Windkraft?

15. Juni 2026

Oberösterreich hat 31 Windräder. Niederösterreich 823. Stefan Kaineder, Energie- und Umweltlandesrat, erklärt, warum das so ist, was es für den Industriestandort bedeutet – und warum er trotzdem Optimist bleibt.

OÖ hat 31 Windräder, Niederösterreich 823. Wie erklären Sie diesen Unterschied?

Stefan Kaineder: Wir haben seit bald elf Jahren eine schwarz-blaue Koalition im Landhaus. In dieser Zeit hat es genau ein einziges neues Windrad bis zur Inbetriebnahme geschafft. Eines. Während Niederösterreich, die Steiermark oder das Burgenland ihre Energieversorgung konsequent ausgebaut haben, hat die ÖVP-FPÖ-Landesregierung in Oberösterreich einen Masterplan nach dem anderen zur Makulatur gemacht. Vor 2015, in der Zeit der schwarz-grünen Koalition, war Oberösterreich noch auf einem guten Windkraft-Ausbau-Kurs. Dann kam die ideologische Blockade – und wir zahlen heute den Preis dafür: mit höheren Strompreisen, mit Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, mit verlorenen Jahren.

Warum ist Windkraft für Sie persönlich so ein wichtiges Thema?

Stefan Kaineder: Ich bin auf einem Bauernhof im Mühlviertel aufgewachsen. Ich weiß, was Heimat bedeutet – und ich sehe, wie die Klimakrise diese Heimat verändert: immer längere Dürreperioden, extremere Unwetter, Artensterben. Jedes Zehntelgrad mehr Erderwärmung bedroht Mensch, Tier und Natur unvergleichlich stärker als jede Windkraftanlage. Windkraft ist für mich kein technisches Thema. Es ist eine Frage der Verantwortung gegenüber der Zukunft unserer nachfolgenden Generationen.

Was kann Windkraft, was andere erneuerbare Energien nicht können?

Stefan Kaineder: Die Windkraft liefert Strom unabhängig vom Sonnenlicht – im Winter, wenn wir ihn am meisten brauchen. Das ist der entscheidende Punkt. Photovoltaik ist fantastisch im Sommer, wenn die Sonne scheint. Aber im Jänner, wenn die Tage kurz sind und die Heizung läuft, sind es die Windräder, die uns die notwendige Energie liefern. Strom aus Windkraft ist die ideale Ergänzung zur Sonnenenergie, weil sie genau dann liefert, wenn die PV-Anlage auf dem Dach wenig oder gar nicht produziert.

Die Voestalpine braucht ab 2027 enorme Mengen grünen Strom für ihre neuen Elektroöfen. Welche Rolle spielt Windkraft dabei?

Stefan Kaineder: Der Betrieb von zwei Elektroöfen würde zu einem zusätzlichen Bedarf an Fremdstrom von rund zwei Terawattstunden pro Jahr führen. Das ist eine gewaltige Menge – und sie muss grün sein, sonst macht das ganze Programm keinen Sinn. Die Voestalpine will ihren CO₂-Ausstoß damit um bis zu 30 Prozent senken – das entspricht 2,5 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr, also fünf Prozent der österreichischen Gesamtemissionen. Das ist das größte Klimaschutzprojekt Österreichs. Und jetzt schaue ich zu, wie die schwarzblaue Landesregierung genau das verhindert, was die Voest und tausende Arbeitsplätze in Oberösterreich brauchen. Das ist nicht nur klimapolitisch eine Katastrophe – das ist rückwärtsgewandte und wirtschaftsfeindliche Standortpolitik.

Was sind die häufigsten Argumente, die Sie gegen Windkraft hören – und wie antworten Sie darauf?

Stefan Kaineder: Die drei Klassiker: Lärm, Landschaft, Artenschutz. Meine Antwort darauf ist immer dieselbe: Schauen wir uns die Fakten an. Moderne Windräder halten gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstände zu Siedlungen ein, die Lärmbelastung ist messbar und gering. Beim Thema Vögel und Fledermäuse werden Windräder heute mit Abschaltsystemen ausgestattet – und im Windpark Sandl hat der Projektwerber selbst drei Anlagen aus Rücksicht auf den Luchs aus dem Plan gestrichen.

Andere Bundesländer haben den Ausbau viel schneller vorangetrieben – was machen die anders?

Stefan Kaineder: Sie machen Politik für ihre Bevölkerung statt gegen eine Technologie. In Niederösterreich, im Burgenland, in der Steiermark haben Landesregierungen klare Standorte ausgewiesen, Verfahren beschleunigt und Investoren Planungssicherheit gegeben. In Oberösterreich hat Schwarz-Blau das Gegenteil gemacht: Aus einem ambitionierten Windkraftmasterplan wurde ein Plan, der nur mehr Ausschlusszonen vorgegeben hat. Aus einem Ermöglichungsplan wurde ein Verhinderungsplan. Das ist der Unterschied.

Woher kommt der Widerstand in OÖ – ist das ein politisches, gesellschaftliches oder geografisches Problem?

Stefan Kaineder: Es ist ein politisches Problem. Die Bevölkerung in den betroffenen Gemeinden ist in der Regel weit weniger dagegen, als ÖVP und FPÖ glauben machen wollen. Konkret geplante und vor Ort wenig umstrittene Projekte werden durch die geplanten Verbotszonen ausgeschieden. Was wir erleben, ist eine Stimmungsmache von oben, die Ängste schürt statt sachlich zu informieren. Und dahinter steckt politisches Kalkül: Wer Windkraft verhindert, tut das für jene, die weiter an Gas und Öl verdienen – nicht für die Menschen, die jeden Monat die Stromrechnung bezahlen.

Photovoltaik boomt gerade – reicht das, oder braucht es trotzdem Windkraft zusätzlich?

Stefan Kaineder: PV-Boom ist gut, aber er reicht nicht. Eine Energieversorgung, die im Winter zusammenbricht, weil die Sonne nicht scheint, ist keine sichere Energieversorgung. Wir brauchen beides – und wir brauchen es schnell. Oberösterreich hat hervorragende Windressourcen, vor allem im Mühlviertel, am Saurüssel oder im Kobernaußerwald. Dieses Potenzial brachliegen zu lassen, während wir Strom aus dem Ausland importieren, ist schlicht unverantwortlich.

Wind, Solar, Wasserstoff – wo setzt OÖ die Prioritäten, und was fehlt noch?

Stefan Kaineder: Oberösterreich braucht einen echten Energiemix – und der fehlt uns noch. Solar läuft gut. Bei Windkraft sind wir dramatisch hinterher. Wasserstoff ist die Technologie der Zukunft, aber sie funktioniert nur, wenn wir vorher genug grünen Strom haben, um ihn zu erzeugen. Bis 2030 will Österreich seinen gesamten Strom aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse produzieren. Was in Oberösterreich fehlt, ist der politische Wille, alle Bausteine dieses Puzzles konsequent voranzutreiben, statt bei Windkraft ein Bremsklotz zu sein.

Mehr Windräder nützen wenig ohne ein ausgebautes Stromnetz – wie steht OÖ da?

Stefan Kaineder: Das Netz ist eine zentrale Frage. Eine neue Leitung wird gerade im Zentralraum gebaut – sie wird zur neuen Schlagader für Oberösterreich, gerade auch für die Industrie. Im Mühlviertel haben wir kürzlich ebenfalls eine neue Stromleitung genehmigt. Aber klar ist auch: Netzausbau und Windkraftausbau müssen Hand in Hand gehen, nicht nacheinander. Wer erst das Netz baut und dann auf Windräder wartet, verliert wieder Jahre. Wir müssen parallel planen – und das verlangt Entschlossenheit, nicht Zögern.

Was sagen Sie jemandem, der Windräder als Störung des Landschaftsbildes empfindet?

Stefan Kaineder: Ich nehme dieses Gefühl ernst. Unsere Landschaft ist wunderschön, und es ist gut, dass Menschen sie schützen wollen. Aber dann rede ich mit diesen Menschen auch über die Landschaft in zehn, zwanzig Jahren: über ausgetrocknete Böden, absterbende Fichtenwälder, überschwemmte Ortszentren. Das ist der echte Feind unserer Heimat – nicht das Windrad am Hügel. Jeder Tag, an dem wir es nicht schaffen, ein Windrad oder eine PV-Anlage ans Netz zu bringen, verlängert die Laufzeit von Gas- und Kohlekraftwerken und heizt den Planeten weiter auf. Ich glaube, wenn man das ehrlich gegenüberstellt, ändert sich für viele Menschen die Perspektive.

Wo sehen Sie OÖ in Sachen Windkraft in zehn Jahren?

Stefan Kaineder: Ich bin grundsätzlich Optimist. Würden alle Projekte, die derzeit im UVP-Verfahren sind, verwirklicht werden, könnte damit Strom für die Versorgung von mehreren hunderttausend Haushalten erzeugt werden. In zehn Jahren kann Oberösterreich ein Industrieland sein, das seinen Strom sauber, günstig und aus der Region produziert – das wäre gut für die Umwelt, gut für die Haushalte, gut für die Wirtschaft. Aber das wird nur gelingen, wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen: Verbotszonen streichen, Beschleunigung ernst meinen, Projekten wie Sandl eine faire Chance geben. Die Wahl ist simpel: Entweder wir gestalten die Energiezukunft – oder wir zahlen sie teuer ein.

Redaktion

  • Zofia Wegrzecka

Fotos

Land OÖ / Werner Dedl

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