Eine Bank baut auf Holz
Die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich errichtet ihre neue Konzernzentrale in Holz-Hybrid-Bauweise und macht damit ein Gebäude zum Statement. Für eine Region, für einen Baustoff, für eine Idee davon, wie Arbeiten morgen aussehen kann.
Es gibt Bauprojekte, die Quadratmeter schaffen und solche, die Haltung zeigen. Der Spatenstich für das neue Headquarter der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich im Linzer Neustadtviertel gehört klar zur zweiten Kategorie. Hier geht es um weit mehr als ein neues Bürogebäude. Auf rund 25.000 Quadratmetern Nutzfläche, verteilt über acht Stockwerke, entsteht bis Ende 2029 ein Ort, der Finanzplatz, Begegnungsraum, Arbeitslandschaft und urbaner Grünkorridor in einem sein will. Das klingt ambitioniert. Ist es auch. Und genau das macht es interessant.
Der vielleicht stärkste Aspekt des Projekts ist der Baustoff selbst. Die neue RLB-Zentrale wird in Holz-Hybrid-Bauweise errichtet – rund 12.640 Festmeter PEFC-zertifiziertes Rundholz, überwiegend heimische Fichte, kommen zum Einsatz. Das Holz stammt aus jenen Regionen, die die RLB seit mehr als 125 Jahren begleitet. Eine Symbolik, die Generaldirektor Reinhard Schwendtbauer bewusst wählt: „Das Projekt ist damit ein gebautes Bekenntnis zu unserer Haltung. Als Leuchtturmprojekt steht es für regionale Verbundenheit, Innovationskraft und Offenheit. Bankgeschäfte werden heute nicht mehr hinter großen, schweren Türen erledigt. Unser Anspruch ist es, hier bis Ende 2029 den modernsten Finanzplatz des Landes zu errichten.”
Den Holzbau verantwortet WIEHAG Timber Construction aus Altheim, eines der international führenden Unternehmen im Ingenieurholzbau. Eigentümer Erich Wiesner benennt, was auf dem Spiel steht: „Gebäude dieser Art zeigen eindrucksvoll, dass Holzbau auch bei komplexen, mehrgeschossigen Gebäuden eine tragfähige Lösung ist. Ich bin überzeugt, dass die neue RLB-Konzernzentrale viele weitere Entwicklungen inspiriert und der grünen Transformation der gebauten Umwelt in Österreich zusätzlichen Rückenwind verleiht.”
Die Zahlen hinter dieser Überzeugung sind beeindruckend: Im Vergleich zu einer konventionellen Stahlbetonkonstruktion verursacht das Holz-Hybrid-Tragwerk rund 36 Prozent weniger CO₂-Emissionen. Und mehr noch: Das verbaute Holz speichert rund 3.150 Tonnen CO₂ langfristig. Wiesner formuliert es prägnant: „Das Gebäude wird damit selbst zu einem Kohlenstoffspeicher. Holzkonstruktionen reduzieren den Einsatz CO₂-intensiver Baustoffe und binden gleichzeitig Kohlenstoff langfristig über ihre gesamte Lebensdauer.”
Der Wald denkt mit
Dass nachhaltiges Bauen im Wald beginnt, klingt wie eine Metapher, ist aber buchstäblich gemeint. Georg Schöppl, Vorstandssprecher der Österreichischen Bundesforste, ordnet den Neubau in einen größeren ökologischen Zusammenhang: „Der Wald ist heute doppelt gefordert: Er ist selbst massiv vom Klimawandel betroffen und gleichzeitig ein zentraler Teil der Lösung. Unsere Jahrhundertaufgabe ist es daher, die Wälder aktiv zu klimafitten, artenreichen Mischwäldern umzubauen, damit sie auch zukünftigen klimatischen Bedingungen bestmöglich standhalten können. Dazu gehört auch, den nachwachsenden Rohstoff aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern verantwortungsvoll einzusetzen. Gerade der moderne Holzbau zeigt, wie Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und nachhaltige Entwicklung zusammenwirken können.” Die gesamte Holzmenge, die für den Neubau benötigt wird, wächst in Österreichs Wäldern innerhalb von weniger als fünf Stunden nach.
Ein Büro, das überzeugen muss
Neben dem ökologischen Anspruch formuliert das Projekt eine klare Antwort auf eine der zentralen Fragen der Arbeitswelt: Warum sollten Menschen überhaupt noch ins Büro kommen, wenn Home-Office funktioniert? Schwendtbauer stellt die Frage direkt: „Das Büro der Zukunft muss überzeugen, nicht verpflichten. Wenn Menschen zunehmend die Wahl haben, an welchen Orten sie ihre Aufgaben verrichten, steht das Büro im Wettbewerb vieler möglicher Arbeitsorte. Daher gilt es, ein Gebäude zu gestalten, das aufgrund seiner Ausstattung, der räumlichen Anreize und der dort erlebbaren Unternehmenskultur so attraktiv ist, dass Mitarbeiter gerne dorthin kommen und den Mehrwert spüren. Das stärkt sowohl die Innovationskraft und Effizienz des Unternehmens als auch die Attraktivität als Arbeitgeber.”
Architektonisch wird diese Philosophie durch ein offenes Atrium übersetzt, das als Herzstück des Gebäudes alle Ebenen miteinander verbindet. Dazu ein sogenannter „Loop” – eine durchgehende Wegeverbindung über alle Geschosse. Beteiligungs- und Immobilienvorstand Gerald Aichhorn beschreibt die Idee dahinter: „Als Herzstück des Gebäudes verbindet das offen gestaltete Atrium Menschen und Ideen über Bereichsgrenzen hinweg. Es ist mit den dort angesiedelten Coffeepoints, Creative Spaces und offenen Arbeitsmöglichkeiten der zentrale Ort für bereichsübergreifenden Austausch. Durch dieses Loop-Prinzip bleiben die Menschen im Gebäude stärker in Bewegung als in herkömmlichen starren Bürostrukturen – ein Faktor, der nicht nur den Austausch, sondern auch die Gesundheit der Mitarbeitenden fördert.”
Ergänzt wird das Konzept durch biophile Designelemente – Indoor-Garden, wissenschaftlich fundierte Materialgestaltung, Quellluftlösung für ein gesundes Raumklima – sowie flexible Raumzonen für Fokusarbeit, Kollaboration und Begegnung. Schwendtbauer bringt es auf den Punkt: „Digitalisierung bestimmt unser Geschäft, aber in der Zusammenarbeit zählen das Analoge, Natürliche und Menschliche.”
Stadt als Partnerin
Was das Projekt von vielen Corporate-Headquartern unterscheidet: Es versteht sich explizit als Teil des Stadtgefüges, nicht als Abgrenzung davon. Rund 5.000 Quadratmeter bislang asphaltierter Fläche werden entsiegelt, 53 neue Bäume gepflanzt, ein Teil der Goethestraße zur Fußgängerzone umgestaltet. Das Erdgeschoss öffnet sich mit Gastronomie, Café, möglichen Geschäftseinheiten und Gastgarten zur Öffentlichkeit. Aichhorn skizziert den Anspruch: „Der Campus soll das Viertel beleben und einen echten Mehrwert für die Umgebung schaffen – nicht abschotten, sondern öffnen.”
Dazu kommt ein durchdachtes Energiekonzept: 87 Erdwärmesonden bis zu 150 Meter Tiefe ermöglichen eine ganzjährig energieautarke Beheizung und Kühlung. Photovoltaik und ein campusweites Anergienetz ergänzen das System. Ziel ist ein Betrieb orientiert an LEED-Standards und der EU-Taxonomie. Der Bezug ist für Herbst 2029 geplant. Was dann in Linz stehen wird, ist mehr als ein Bankgebäude: ein Versuch, Wirtschaft, Ökologie und Stadtleben neu zu denken, in Holz gegossen, tief in der Region verwurzelt.
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
RLB OÖ / Maringer