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 6 Learnings eines Landeshauptmanns
Menschen

6 Learnings eines Landeshauptmanns

27. August 2026

Thomas Stelzer führt seit 2017 ein Land mit
1,5 Millionen Menschen und einem Milliardenbudget. Was er in fast zehn Jahren als Landeshauptmann von Oberösterreich gelernt hat:
dass Pläne gut sind –
und Flexibilität besser.

Der Nachmittag ist schon weit fortgeschritten, als wir ins Landhaus kommen. Landeshauptmann Stelzer hat einen vollen Tag hinter sich – und noch einen vor sich. Trotzdem wartet er bereits am Konferenztisch, als wir hereinkommen. Bereit für unsere Fragen. Wir wollen wissen, was fast zehn Jahre in dieser Rolle einen lehren.

#1 Pläne sind gut. Flexibilität ist besser

Wer so lange im Amt ist, verliert den Glauben an die totale Vorhersehbarkeit. Zumindest, wenn man auf die letzten Jahre zurückblickt. Als wir Thomas Stelzer nach seinem größten Learning über Führung fragen, überlegt er nicht lang: „Sehr wenig ist wirklich planbar.“ Corona, Kriege, Wirtschaftseinbrüche – all das hat sich massiv auf Oberösterreich ausgewirkt, war aber keineswegs erwartbar. Jedes Mal musste neu geplant, neu abgewogen, neu entschieden werden. Gut führen heißt für ihn heute vor allem: frisch und flexibel bleiben, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern.

#2 Klarheit – auch, wenn sie wehtut

Wer Tag für Tag große und noch größere Entscheidungen treffen muss, der trifft unvermeidbar auf Gegenwind und Unzufriedenheit. In der Politik braucht man für alles Mehrheiten. Aber die Mehrheit ist das Ergebnis – nicht der Weg. Den Weg beschreibt Stelzer so: erklären können, warum etwas passiert. Und warum manches jetzt noch nicht passiert. Denn Klarheit bedeutet manchmal, etwas zu sagen, das niemand hören will. „Klarheit ist auch dann, wenn sie manchmal unerfreulich ist, immer noch der bessere Weg“, sagt er, „das habe ich in den letzten Jahren definitiv gelernt.“

#3 Sparen ist kein Selbstzweck

Wo sparen, wo investieren? Diesen Balanceakt muss ein Politiker beherrschen. Für Stelzer ist Haushalten ein Wechselspiel: „Vernünftig umgehen, sparen, aufs Geld schauen – aber dann gleichzeitig auch sagen: Ich mache einen Schwerpunkt und schaffe mir Spielraum für Investitionen.“ Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich gerade ablesen. Während andere Akteure jetzt die Bremse anziehen müssen, investiert Oberösterreich in diesem Jahr 800 Millionen Euro aus dem eigenen Landesbudget. „Daran kann man sehr gut nachvollziehen, dass es sich auszahlt, wenn man so vernünftig vorgeht“, sagt er.

Klarheit ist auch dann, wenn sie unerfreulich ist, der bessere Weg.
Thomas Stelzer
Landeshauptmann von Oberösterreich

#4 In Menschen investieren

Auch auf die Frage nach dem Bereich mit dem vielversprechendsten Investitionspotenzial hat Stelzer eine klare Antwort: Menschen. Bildung und Ausbildung. „Wir können nicht bei Lohnkosten punkten, wir können nicht bei Energiekosten punkten. Wir können punkten mit den Leuten, die etwas zustande bringen.“ Das sei für viele Unternehmen der Hauptgrund, warum sie sich in Oberösterreich ansiedeln. Aus diesen klugen Köpfen entsteht die Innovationskraft des Landes – doch die lässt sich nicht einfach verordnen. „Innovation kannst du nicht bestellen.“ Man müsse einen Humus schaffen zwischen Wissenschaft, Forschungsgruppen und Unternehmen. Das brauche Zeit. Dass dieser Humus bereits Früchte trägt, zeigt die Statistik: Oberösterreich ist jedes Jahr Patentweltmeister. Doch genau hier sieht Stelzer noch massiven Verbesserungsbedarf: Das Land macht aus seinen Erfindungen im Alltag noch zu wenig, der Transfer von der Idee auf den Markt hinkt hinterher. „Da hätten wir ein Riesenpotenzial. Das ist ein Knackpunkt, der uns noch gelingen muss.”

#5 Experten helfen. Entscheiden musst du selbst

Stelzer nennt die Coronazeit als die Entscheidungsphase, die ihn am meisten beschäftigt hat. Nicht wegen des Geldes. Sondern weil die Entscheidungen so massiv ins Leben der Menschen eingegriffen haben. Niemand war vorbereitet. Und trotzdem musste man bereit sein – sofort, immer wieder, mit häufig unvollständigen Informationen. „Du kannst nicht noch einmal fragen und noch einmal fragen. Aber du kannst gleichzeitig auch nicht aus einem Bauchgefühl heraus entscheiden.“ Dazwischen liegt für den Landeshauptmann der richtige Weg: hinterfragen, auf Experten hören, dann selbst bewerten. Experten können die Entscheidung nicht abnehmen – und sollen es auch nicht.

#6 Durchtauchen ist fast immer der falsche Weg

Wann ist nun der richtige Zeitpunkt zum Entscheiden? Abwarten, aussitzen, durchtauchen ist für Stelzer fast immer falsch. Wer zu lange zögert, verliert den Anschluss. Der Zeitpunkt müsse definiert sein. Sein Appell an Gründerinnen und Unternehmer basiert auf genau dieser Logik: Wer mit dem Gedanken spielt, zu gründen, soll es versuchen – gerade jetzt, wo rundherum vieles schwierig und unsicher ist. In der Krise halten sich die meisten zurück; wer aber genau jetzt die Kraft aufbringt, zu starten, baut von Anfang an krisenfeste Strukturen auf und hat weniger Konkurrenz. Wer hingegen wartet, bis alles sicher ist, ist zu spät dran. Oder wie Stelzer es formuliert: „Die, die die Kraft haben, jetzt zu beginnen, können schneller aus den Startlöchern kommen.“_

Redaktion

  • Zofia Wegrzecka

Fotos

Antje Wolm

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