Wenn alte Mauern neue Geschichten erzählen
In fünfter Generation bringt Christoph Kern frischen Wind in ein Traditionsunternehmen, und zwar ohne dessen Seele zu verlieren. Ein Besuch bei B. Kern in Unterweißenbach zeigt: Die Zukunft des Bauens liegt manchmal im Bewahren.
Die Plakatwand an der Landesstraße ist kaum zu übersehen. Elf mal drei Meter groß verkündet sie selbstbewusst: „Gern mit Kern“. Ein Wortspiel, das viel über das Bauunternehmen B. Kern verrät. Über seinen Humor, seine Selbstwahrnehmung und darüber, dass hier Menschen am Werk sind, die ihr Handwerk nicht nur verstehen, sondern lieben.
Christoph Kern empfängt uns in Unterweißenbach mit der Gelassenheit eines Menschen, der weiß, wo er steht. Dabei war genau das lange Zeit nicht klar. „2017 brauchte mein Vater eine konkrete Entscheidung von seinen Kindern, ob jemand übernehmen möchte“, erzählt er. „Sonst hätte er sich überlegen müssen, was mit der Firma passiert.“ Einer Firma, die seit 1883 existiert. Die Christophs Ururgroßvater gegründet hat.
Der Umweg als Weg
Er ist kein klassischer Nachfolger. Bautechnik-HTL? Nach dreieinhalb Jahren abgebrochen. Stattdessen: Lehre als Einzelhandelskaufmann im Elektronikbereich. Zehn Jahre in einer baufremden Dienstleistungsfirma. „Ich hatte lange keine Ambition, in die Firma einzusteigen“, gibt er offen zu. Was dann geschah, war ein Reifeprozess. Gemeinsam mit seiner Frau tüftelte er an der Entscheidung. Das Material, der Bau, das hatte ihn schon immer interessiert. Nach reichlicher Überlegung stand fest: Er übernimmt. Ein Masterstudium in Bauwirtschaft ergänzte seine Kompetenzen. Am 1. März 2020 – pünktlich zum Corona-Start – stieg er vollständig ein. Im Moment arbeiten sein Vater und er Hand in Hand, um eine gute Übergabe zu garantieren.
Familie ist, wenn jeder jeden kennt
Bei B. Kern arbeiten rund 80 Menschen. Christoph Kern kennt sie alle. Nicht nur ihre Namen, sondern auch, wie viele Kinder sie haben, was sie bewegt. „Bei großen Konzernen ist ein Mitarbeiter einfach eine Nummer“, sagt er, „bei uns ist das anders.“ Die Zahlen geben ihm recht. Sechs Lehrlinge aktuell, fünf haben vergangenes Jahr ausgelernt und drei neue beginnen im Herbst. Die Fluktuation? Minimal. 2024 gab es den INEO Award als vorbildlicher Lehrbetrieb. „Das zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“
Weiterbildung ist hier nicht Kür, sondern Pflicht. Für alle. Doch mindestens genauso wichtig ist das Learning by Doing. „Wir haben Mitarbeitende mit den unterschiedlichsten Lehrberufen: einen Landschaftsgärtner, einen Koch, eine gelernte Hafnerin“, erzählt Kern. „Nicht alles, was man gelernt hat, muss man ewig machen.“ Er selbst ist das beste Beispiel.
Die Kunst der Überraschung
Was B. Kern ausmacht, ist die Spezialisierung auf Umbau und Sanierung. Die „Kern-Kompetenzen“ (wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne mit dem Wort spielen) liegen zwar auch im Neubau, aber seit Jahrzehnten hat man hier den Blick auf das Bestehende geschärft. „Unser Personal ist routiniert im Umgang mit Überraschungen“, sagt Kern. Ein 50 Jahre altes Gebäude. Gekauft von jemandem, der nicht weiß, was damals eingebaut wurde. Unter einem Fliesenboden können zwei weitere Böden auftauchen. In einer Mauer ein versteckter Kamin. Die Krux liegt im Detail und diese Detailgenauigkeit hat mit Haltung zu tun. Bei B. Kern gibt es keine versteckten Kosten. Angebote sind offen gegliedert, alles transparent. Die Bestandsgebäude erhalten durch den Sanierungsprozess einen unmittelbaren und gleichermaßen nachhaltigen Wertzuwachs. Alt, aber eben modern.
Christoph Kerns persönliches Highlightprojekt? Das Haus seiner verstorbenen Großeltern, Baujahr 1976, das er gemeinsam mit seiner Familie übernommen, umgebaut und saniert hat. In der Region Linz und Umgebung sind viele Häuser wie das seiner Großeltern aus den 70er bis 90er Jahren. „Die Häuser sind zu groß oder zu klein geworden“, erklärt Kern. Aus Einfamilienhäusern werden Mehrgenerationenhäuser. Jedes Projekt ist ein Einzelstück.
Und dann ist da der Nachhaltigkeitsaspekt. Eine aktuelle Studie zeigt: Sanierungen generieren im Schnitt 50 bis 66 Prozent weniger CO2-Emissionen als Neubauten. „Das ist ein extremer Wert.“ Trotzdem: B. Kern ist nicht dogmatisch. Neubau, Sanierung, Teilabbruch – was für den Kunden am sinnvollsten ist, wird gemacht.
Die Zukunft ist gebaut
80 Prozent der Gebäude in Österreich wurden vor dem Jahr 2000 gebaut. Die Sanierungsquote liegt bei 1,5 Prozent. „Zu sanieren wird es immer genug Gebäude geben“, sagt Kern und schmunzelt. Er rechnet mit mehr Nachverdichtung, mit Bauen ohne neue Versiegelungen. Und er setzt auf etwas, das fast revolutionär klingt: „Das einfache Bauen sollte wieder in den Vordergrund rücken.“ Weg von der Flut an Vorschriften. Zurück zu erprobten Konstruktionen. „Ein massiv gebautes Gebäude von vor 50 Jahren hält genauso. Und wird in 150 Jahren immer noch stehen.“
Und auch das Unternehmen soll noch lange Bestand haben. Der offiziellen Nachfolge steht jedenfalls nichts mehr im Weg. Christoph Kern geht es in seiner Führungsrolle darum, Mitarbeitenden Verantwortung zu geben, sie zu entwickeln. Organisation ist für ihn das Um und Auf. Von seinem Vater lernte er, nicht im Affekt zu entscheiden. „Wenn etwas heikler ist, einmal drüber schlafen.“ Und: „Beständiges Denken geht vor kurzfristigem Erfolg.“ Gleichzeitig bringt er eigene Impulse ein. Veränderung finde statt, ob man wolle oder nicht, sagt er. „Ich kann aber selbst entscheiden, ob ich sie anstoße oder ob ich mich von anderen verändern lasse.“
Es ist diese Mischung aus Beständigkeit und Beweglichkeit, die B. Kern seit 140 Jahren erfolgreich macht. Alte Werte, neue Ideen. Traditionelles Handwerk, moderne Führung. Und immer die Gewissheit: Die besten Geschichten erzählen nicht neue, sondern alte Mauern, die man wieder zum Leben erweckt._
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
Crews

