Ein Land setzt auf Sicherheit
Ein Land „irgendwo im Osten“, geprägt von grauen Plattenbauten, holprigen Straßen und niedrigen Löhnen. Wer an Polen denkt, hat oft noch ein festgefahrenes Bild im Kopf. Doch schon beim ersten Blick auf die Skyline von Warschau bricht diese Vorstellung in sich zusammen. Zwischen glänzenden Glasfronten und aufragenden Wolkenkratzern erhebt sich der Kulturpalast – einst Symbol des sowjetischen Einflusses, heute umgeben von modernen Bürotürmen, internationalen Konzernen und einer Stadt, die unaufhaltsam wächst, ebenso wie die Wirtschaft des Landes.
Was früher als „billige Werkbank Europas“ galt, ist heute ein Innovationsstandort und definitiv eine Reise wert. Für manche, um die Kultur und Kulinarik zu erleben, für andere, um einen Blick hinter die Kulissen des Wirtschaftsstandortes Polen zu werfen. Das Ziel der Delegationsreise, die jedes Jahr in eine andere europäische Spitzenregion führt: „Von anderen Regionen lernen, Kontakte knüpfen und Kooperationen in Industrie-, Forschungs-, Bildungs- und Energiefragen eingehen“, erläutert Wirtschafts-Landesrat Markus Achleitner. „Mit Polen haben wir dieses Jahr erstmals ein osteuropäisches Land als Ziel unserer Reise. Definitiv ein Zeichen für die positiven Entwicklungen der letzten Jahre“, erklärt Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Oberösterreich, zur Reise, zu der das Standortressort des Landes OÖ und die Industriellenvereinigung gemeinsam eingeladen haben. In dem Bus, in dem wir die nächsten Tage Warschau erkunden werden, sitzen außerdem noch zahlreiche Vertreter aus der oberösterreichischen Forschung und Wirtschaft. Jetzt gilt es also, herauszufinden, was Polen eigentlich zur Spitzenregion macht.
Die faulen Jungen? Nicht in Polen!
Das Wirtschaftswachstum in Polen liegt bei drei bis vier Prozent – stärker als anderswo in der EU. Am zweiten Tag unserer Reise besuchen wir einen Ort, den man als Sinnbild dieser florierenden Wirtschaft verstehen könnte: das CIC im Varso Tower, dem höchsten Wolkenkratzer der EU – einen Co-Working-Space, in dem Energie und Schaffenskraft in der Luft liegen. Junge Menschen, die in der Kaffeeküche aufeinandertreffen, in den hellen, großzügigen Meetingräumen Ideen schmieden, sich im Fitnessstudio eine Auszeit gönnen. Hier will man arbeiten. Aber der Leistungswille der Polen liegt nicht an Spaces wie dem CIC. Dass es hier kaum Teilzeitarbeitskräfte gibt, liegt vielmehr am leistungsfreundlichen Steuersystem. Bis 26 zahlen junge Menschen keine Einkommenssteuer, danach gilt eine zweistufige Flat-Tax von 18 und 32 Prozent. „Die Polen sind sehr leistungsfreudig. Das ist kein Wunder“, wie Haindl-Grutsch zusammenfasst. Diese Regelung motiviert vor allem die junge Generation, produktiv zu sein und Innovationen voranzutreiben.
Ein Beispiel für diese Innovationskraft ist das Zahlungssystem BLIK. 2015 entwickelten sechs der größten Banken Polens gemeinsam die einheitliche App, heute nutzen 17 Millionen Kunden das System. „Es wird ein ‚magischer‘ sechsstelliger Code generiert, der zwei Minuten lang gültig ist. Mit diesem Code kann man alles machen: Geld am Bankomaten abheben, online bezahlen oder in Sekunden Geld an Telefonnummern überweisen“, erklärt uns der CEO von BLIK, Dariusz Mazurkiewicz bei unserem Gespräch im CIC – ein perfektes Beispiel dafür, wie Polens junge, dynamische Wirtschaft Innovationen hervorbringt.
Mit Sicherheit profitabel
Für Österreich ist Polen der fünftwichtigste Exportmarkt, innerhalb der EU der drittwichtigste (nach Deutschland und Italien). Zu den wichtigsten Gütern zählen Pharmazeutika, Maschinen und Fahrzeuge. Ein Bereich, der aktuell boomt: die
Sicherheit.
Die Sicherheitslage in Polen ist angespannt – dieses Gefühl zieht sich durch die ganze dreitägige Reise. Die Bevölkerung ist verunsichert und die Investitionen in diesem Bereich sind enorm. 50 Milliarden flossen allein dieses Jahr in den Sicherheitsbereich. Geplant ist auch, dass fünf Prozent des Budgets für die nächsten Jahre jedes Jahr in den Sicherheitssektor gehen.
Der Wirtschaftslandesrat sieht darin großes Potential für die Zusammenarbeit, denn Oberösterreich will mit der im Juli gestarteten eigenen Sicherheits-Allianz einen neuen Schwerpunkt setzen, um das Bundesland national und international als führenden Standort für Sicherheitstechnologien und -anwendungen zu positionieren. Besonders fruchtbar zeigt sich der Kontakt, der beim Besuch der Delegation an einem Standort des Lukasiewicz-Forschungsnetzwerks entsteht.
Hier wird Militärrobotik erforscht, entwickelt und industriell produziert. Aktuell werden 100 solcher Roboter pro Jahr hergestellt. Man geht davon aus, dass der Bedarf explodieren wird. Um die Skalierung zu managen, werden dann Industriepartner benötigt. „Auch im Sicherheitsforschungsbereich will unser Bundesland stärker mit dem polnischen Forschungsnetzwerk kooperieren“, so Landesrat Achleitner.
Volle Energie voraus
Ein weiterer Bereich, der sich als große Chance für Oberösterreich erweist, ist die Energieversorgung. Polen steht vor der Herausforderung, seine Energieinfrastruktur zu modernisieren: Mehr als 50 Prozent der Energie stammen derzeit noch aus Kohle. Ab 2036 soll Atomkraft den CO₂-Ausstoß reduzieren, ergänzt durch massive Investitionen in Wind-, Wasser- und Solarkraft. „Gerade im Bereich Biomassekessel ist Oberösterreich stark aufgestellt. Jeder vierte in Europa verkaufte Kessel stammt aus unserem Bundesland. Und auch bei Solar- und Wasserkraftanlagen ergeben sich enorme Chancen für heimische Unternehmen“, erklärt Achleitner.
Dass die Zusammenarbeit zwischen Polen und Österreich funktioniert, das zeigen die 700 österreichischen Unternehmen, die in Polen bereits Fuß gefasst haben. Eines davon besuchen wir auch als Abschluss unserer Reise, um vor dem Heimflug bereits etwas Heimatgeschmack zu bekommen. Ein mit Mozzarella, Erdbeeren und Balsamico gefüllter Kornspitz ist die Stärkung, bevor es zum Flughafen geht. Ein Original Kornspitz von backaldrin, versteht sich. Denn ja, das oberösterreichische Unternehmen ist auch hier vertreten. „Als wir 1997 angefangen haben, waren alle internationalen Wettbewerber schon da. Und die haben uns ein bisschen ausgelacht. Sie waren sicher, dass es uns nicht gelingt, auf dem Markt Fuß zu fassen. Aber wir haben es geschafft.“ CEO von backaldrin Polska, Krystyna Prószyńska-Kryk, ist sichtlich stolz. Der Magen gefüllt mit einem Stückchen Oberösterreich, der Kopf gefüllt mit ganz vielen polnischen Eindrücken (die keinerlei graue Plattenbauten und holprige Straßen beinhalten), geht es wieder zurück in die Heimat.
Das Fazit der Reise? „Es gibt Licht und Schatten in der polnischen Wirtschaft“, sagt Achleitner: Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit liegt bei nur rund 3 Prozent und der Staat setzt klare Prioritäten. Insbesondere in den Bereichen Sicherheit, Resilienz und Energie. Für die oberösterreichische Wirtschaft und Forschung bedeutet das: enormes Potential für Zusammenarbeit._
Redaktion
- Zofia Wegrzecka
Fotos
Land OÖ / Kauder; privat

