Damals an der Uni. Weißt du noch?
Was Christine Haberlander heute anders macht als vor 20 Jahren –
und warum sie jungen Frauen zuruft: Hört auf, perfekt sein zu wollen! Ein Gespräch mit Oberösterreichs Landeshauptmannstellvertreterin über Pensionslücken, die schockieren. Über Machos, die nicht vom Himmel fallen. Und darüber, warum es 450 Millionen Euro braucht, damit Frauen ihre eigenen Entscheidungen treffen können.
„Never ever, niemals! Politikerin zu werden hatte ich überhaupt nicht am Radar.“ Christine Haberlander lacht, als sie an die Zeit vor 20 Jahren zurückdenkt. Damals haben wir uns immer wieder im Hörsaal getroffen. Gemeinsames Studium, Wirtschaftswissenschaften, die üblichen Vorstellungen vom Leben danach. Landesrätin? „Ich wollte nie Politikerin werden. Das war kein Lebensziel.“
Heute sitzt sie trotzdem hier. Verantwortlich für Bildung, Frauen und Gesundheit in Oberösterreich. Aber der Weg dorthin folgte keinem Plan. Er war eine Entwicklung. Eine, die vor allem auch damit zu tun hat, dass Christine aufgehört hat, etwas sein zu wollen, das sie nicht ist. „Ich war eines von jenen Mädchen, die immer versucht haben, zu entsprechen. Ich glaube, es ist wichtig, dass man jungen Menschen beibringt, dass das nicht zielführend ist.
Was sich verändert hat – und was nicht
20 Jahre sind seit der gemeinsamen Studienzeit vergangen. Die Frage liegt nahe: Was hat sich verändert? „Weißt du, was mir auffällt? Die jungen Frauen heute sind selbstbewusster als wir damals“, sagt Christine. „Ich glaube, das hängt mit der Ausbildung zusammen. Die lernen viel mehr, sich zu präsentieren. Auch auf Englisch. Die sind viel sicherer und stärker. Und das finde ich wirklich großartig.“ In der Gesundheit sei das Thema Gendermedizin dazugekommen. „Das war damals noch überhaupt kein Thema. Da ist gerade mal Gendern an sich an der Uni eingeführt worden.“ Heute wisse man, wie wichtig geschlechtsspezifische Medizin sei.
Dann kommt das große Aber. Das, was sich eben nicht verändert hat: „Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor überwiegend ein Frauenthema.“ Eine IMAS-Studie, in Auftrag gegeben von der OÖ. Versicherung, zeigt: Bei den 20- bis 39-Jährigen Mitarbeiterinnen ist diese Vereinbarkeit unter den Top-10-Gründen, im Unternehmen zu sein. Bei den gleichaltrigen Männern nicht einmal unter den Top 20. „Nach wie vor setzen sich leider immer noch überwiegend junge Frauen damit auseinander.“ Warum? Christine wird deutlich: „Ich glaube, es ist wichtig, dass gerade die jungen Burschen in der Erziehung eben auch starke Frauen erleben und Männer, die für Gleichberechtigung stehen. Machos fallen ja nicht vom Himmel, die werden dazu erzogen.“
Das Schockerlebnis, über das niemand spricht
Christine Haberlander wird lauter, wenn es um ein Thema geht, das ihr besonders am Herzen liegt: die Pensionslücke. „Ich sage immer auch bewusst provokativ: Wenn das Kind 20 ist, wäre es gescheiter, die Stunden zu erhöhen.“ Viele Frauen bleiben in Teilzeit. Selbst wenn die Kinder längst aus dem Gröbsten raus sind. Die Folgen? Katastrophal. „Ich glaube, es ist wichtig, dass man die Frauen mit ihrem Pensionskonto konfrontiert.“ Am besten im Rahmen von Jahreszielgesprächen in Unternehmen. Warum? „Ich kenne keine einzige Frau, die kein Schockerlebnis beim Blick auf ihr Pensionskonto hatte.“
So schlimm das ist – diese Wahrheit müsse man Frauen zumuten, und zwar „in einer Zeit, in der sie noch etwas verändern können“. Das Problem werde sich verschärfen. „Wir reden immer nur über die Betreuungspflichten von den Kleinen. Die demographische Entwicklung führt allerdings dazu, dass es 2045 rund 50 Prozent mehr Menschen mit einem Alter von 65 Jahren und älter geben wird sowie fast doppelt so viele Menschen mit 80 Jahren oder älter.“ Und die Care-Arbeit? Bleibt in vielen Fällen an den Frauen hängen. „Im Worst Case ist es so, dass die Frau die Stunden reduziert, um sich um die eigenen Kinder zu kümmern; dort sehr lange bleibt, dann nicht aufstockt, weil sie zu Recht sagt, jetzt genieße ich auch meine Freizeit und mein Leben. Und dann sind aber plötzlich Eltern oder Schwiegereltern zu pflegen und sie bleibt in der Teilzeit. Und das ist natürlich ein pensionsfinanzieller Super-GAU.“ Ein verpflichtendes Pensionssplitting sieht sie daher als gute Lösung.
450 Millionen für Familien
Christine Haberlander hat ein klares Ziel: Oberösterreich soll Kinderland Nummer 1 werden. Was das bedeutet? „Kinderland heißt für mich, dass wir die Bedürfnisse der Familien in den Mittelpunkt des politischen Tuns rücken. Dass wir uns fragen: Was brauchen Familien in der heutigen Zeit?“ Die Investitionen sind massiv: 450 Millionen Euro im kommenden Jahr. Gesetzlich verankert: Jährlich 47 Wochen Öffnungszeit für Krabbelstube und Kindergarten. Ein Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung. „Wir haben 83 neue Krabbelgruppen allein im letzten Jahr geschaffen.“
Der Gratis-Vormittag war eine bewusste Entscheidung. „Mir ist das wichtig, weil Familien entlastet werden müssen. Gerade als Frau ist es doch so: Wenn ich das, was ich in der Zeit, in der ich arbeiten gehe, verdiene, für mich selbst beziehungsweise für meine Familie behalten kann, dann bin ich wahrscheinlich eher bereit, wieder arbeiten zu gehen oder meine Stunden aufzustocken.“ So könnten Frauen auch ihre Pensionsjahre erhöhen.
Schule muss lernen, neu zu denken
Was müssen Kinder heute lernen? Christine stellt die Frage anders: „Ich muss mir überlegen, was die Schule heute für die jungen Menschen bereitstellen muss, die ja, wenn sie aus der Schule herauskommen, 40, 50 Jahre im Erwerbsleben sind.“ Sie müssen nicht nur beruflich funktionieren, sondern auch privat – Familiengründungen, Trennungen, Todesfälle, Krankheiten bewältigen.
„Informationen sind mittlerweile überall verfügbar. Ich kann alles googeln. Das hat vieles verändert in der Schule. Es geht nicht mehr um Informationsvermittlung, sondern um kritische Auseinandersetzung mit Themen.“ Die Frage sei: Was brauchen Schülerinnen und Schüler in einer individualisierten Gesellschaft, wo familiäre Strukturen erodieren? „In der Schule sind sie neun bis zwölf Jahre lang, in der Zeit können sie wirklich etwas fürs Leben mitnehmen.“
Dazu zähle auch die Finanzbildung. „Es ist ganz wichtig, dass man sich mit den Grundbegriffen auseinandersetzt und lernt, was finanzielle Unabhängigkeit bedeutet.“ Nur so könne man verhindern, dass Menschen später in wirtschaftlicher Schieflage oder gar in Abhängigkeit vom Partner landen.
Technik? Die Welt retten!
Wenn eine Viertklässlerin sagt, Technik sei doch etwas für Buben, hat Christine eine ungewöhnliche Antwort parat. Sie würde nicht über Technik reden. Sondern über Gestaltungskraft. „Interessierst du dich dafür, dass es unserem Planeten in Zukunft gut geht, dass die Luft sauber ist, dass wir das Wasser trinken können, dass die Menschen irgendwann vielleicht kein Auto mehr verwenden müssen? Das alles kann man, wenn man diese Bereiche studiert, gestalten.“ Sie würde also das Thema Nachhaltigkeit in den Vordergrund rücken. „Ich habe das Gefühl, wenn ich mit den Mädchen rede, dass die mit dem Thema schon viel vertrauter sind, aber diese großen Begriffe wie Informatik oder Mathematik sind nicht greifbar. Wenn es aber darum geht, was du damit machen kannst, dann nähern sie sich dem Thema an.“
Auch das HTL-Mentoring-Programm soll für technische Berufe begeistern. Es läuft seit zehn Jahren, fast 400 junge Frauen haben teilgenommen. Warum der Frauenanteil in technischen Berufen trotzdem niedrig bleibt? „Ich befürchte, dass ganz stark die Rollenbilder zu Hause mitverantwortlich sind – und auch, dass oft gar nicht bewusst ist, welche Berufsfelder es mittlerweile gibt.“ Darum sei es wichtig, dass Firmen in engem Kontakt mit Schulen stehen, um Bewusstsein zu schaffen.
Gesundheit ist Eigenverantwortung
Christine fordert ein Versicherungsanreizsystem für Vorsorge. „Ich glaube, dass es Anreize geben sollte, wenn ich mir Gesundheitsziele mit meinem Arzt oder meiner Ärztin ausmache und meine Vorsorgeuntersuchungen mache.“ Das könne von steuerlicher Begünstigung bis zu anderen Anreizen reichen. Ein großes Problem: der Facharztmangel. „Ich kenne so viele Leute, die keinen Hausarzt haben. Das kann ja nicht sein, die sind versichert, da muss sich die Versicherung ja darum kümmern und das muss man einfordern.“ Zum Thema Patientenlenkung sagt sie: „Wenn wir nicht endlich damit anfangen, die Vertragsärztestellen zu besetzen, wird das noch länger dauern, leider Gottes.“ Man brauche auch deshalb mehr Kassenarztstellen, weil immer mehr Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit für Patientinnen und Patienten haben möchten.
Mutiger sein
Am Ende des Gesprächs eine einfache Frage: Was würdest du deinem 16-jährigen Ich zurufen? Die Antwort kommt sofort: „Mutiger sein!“ Wie sie sich zu dem Menschen, der sie heute ist, entwickelt hat? „Durch das Tun, durch das Entscheiden, durch die Konflikte, die damit verbunden sind. Und dadurch, dass man die Konflikte aushält.“ 20 Jahre nach dem gemeinsamen Studium zeigt sich: Die Themen sind teilweise dieselben geblieben. Aber Christine Haberlander geht anders damit um. Sie hat aufgehört, perfekt sein zu wollen. Sie hat gelernt, Konflikte auszuhalten. Und sie gibt diese Erkenntnisse weiter – an junge Frauen, die heute selbstbewusster starten. Die aber trotzdem den Mut brauchen, nicht entsprechen zu wollen. Sondern zu gestalten._
# Gedankensprung
Heute würde ich dieses Studium wählen_Medizin
Mein Berufswunsch als Kind_Volksschullehrerin. Klassisch – was man halt so gesehen hat.
Wenn nicht in Österreich, würde ich gern hier leben_am Meer
Ein Glaubenssatz, den ich heute nicht mehr glaube_Perfekt sein zu müssen.
Das würde ich meinem 16-jährigen Ich zurufen_Sei mutiger!
Chancengleichheit bedeutet für mich_alles machen und werden zu können.
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
Thomsen Photography
