Wie Netflix. Nur mit vier Rädern
Hat das Auto als Statussymbol ausgedient? „In zehn Jahren werden maximal 20 Prozent der Menschen noch ein Auto besitzen“, sagt Vibe-moves-you-Geschäftsführer Martin Rada. Nicht, weil die anderen es sich nicht leisten könnten. Sondern weil Besitzen aufgehört hat, erstrebenswert zu sein. Doch wir alle wollen mobil sein. Wie und wohin bewegen wir uns also in Zukunft?
Wien, 23. Bezirk, irgendwo zwischen Stadtautobahn und Tiefgarage. Da stehen sie, in Reih und Glied, all die Autos. Unterschiedliche Marken, aber mit einer Gemeinsamkeit: Sie haben einen Elektroantrieb. Hier kommen Menschen her, die kein Auto mehr bestellen wollen. Die keines mehr besitzen wollen. Was sie hingegen wollen, ist Zugang zu uneingeschränkter Mobilität. Das reiche vollkommen, sagt Martin Rada. Über 3.500 Autos zählen mittlerweile zu seiner Flotte, die auf Österreichs Straßen unterwegs sind. Neben ihm steht ein Elektroauto, frisch aufgeladen, fast 500 Kilometer Reichweite. Kein Kennzeichen, das der zukünftigen Fahrerin gehören wird. Einfach: Mobilität.
Wenn das Lenkrad den Besitzer wechselt
Früher war das anders. Ein Auto zu kaufen, das war normal. Martin Rada erinnert sich genau. An seinen ersten Peugeot 205, kurz nach der Matura. Am Land aufgewachsen, war Mobilität kein Lifestyle, sondern Notwendigkeit. „Das war einfach das Normalste der Welt.“ Kein Leasing, kein Abo, keine Alternative. Man kaufte sich, was man sich leisten konnte. Und es war mehr als ein Fahrzeug. Es war ein Statement.
Das Auto als Statussymbol – eine Idee, die eine ganze Generation geprägt hat. Der erste Führerschein. Das erste eigene Fahrzeug. Der Moment, in dem man das Steuer in die Hand nimmt und denkt: Jetzt bin ich angekommen. Heute ist Martin Rada einer der Köpfe hinter Vibe, einem Unternehmen, das genau diese Selbstverständlichkeit auf den Kopf stellt. Das Konzept ist einfach erklärt: Mobilität abonnieren, und zwar in Form von Elektroautos im All-inclusive-Abo. Ein bisschen wie Netflix. Nur mit vier Rädern.
Und dann kommt die Zahl, die nachdenklich macht. In zehn Jahren, schätzt Martin Rada, werden maximal 20 Prozent der Menschen noch ein Auto besitzen. „Heute ist es sicher weniger als die Hälfte als noch in meiner Jugend. Und das wird immer weniger werden.“ Ein Statusbegriff, der sich gerade neu erfindet?
Was niemand vermisst
Was Vibe verspricht, ist im Grunde die Abschaffung von etwas, das niemand je geliebt hat: den bürokratischen Dschungel rund ums Auto. Versicherung suchen. Winterreifen lagern. Vignette kaufen. Werkstatttermin ausmachen. Restwert berechnen. Verkauf organisieren. „Alle Schmerzen nehmen, die es normalerweise gibt, wenn du ein Auto kaufen musst.“ Das klingt nach Werbeslogan. Es sei aber vielmehr die nüchterne Beschreibung dessen, was Menschen täglich nervt – und was sie trotzdem jahrzehntelang als gegeben hingenommen haben.
„Bei uns gibt es einen Preis, und darin ist alles enthalten. Keine Anzahlung, kein Risiko, kein Restwert, der einen beschäftigt, wenn die Technologie von morgen das Fahrzeug von heute entwerten könnte.“ Wer nach sechs Monaten mehr Kofferraum braucht – weil ein Kind dazugekommen ist, weil das Leben sich verändert hat –, tauscht einfach. „Das Auto richtet sich nach dem Menschen. Nicht umgekehrt.“
(Schach-) Züge, die alles verändern
Wie setzt du Probleme in deiner Branche schachmatt?
„Angriff ist die beste Verteidigung. Auch beim Schach braucht es ab und zu einen gewagten Zug. Das Mutige ist oft das Richtige.“
Was wäre ein unerwarteter „Spielzug“, der deine Ziele schachmatt setzen würde?
„Wenn alte Technologien zu sehr geschützt werden – auf Kosten neuer Impulse. Das Verfallen in alte Muster ist das Einzige, wovor ich mich wirklich fürchte.“
Welche „Bauern“ werden künftig zu „Damen“, also welcher bisher kleine Trend ist morgen spielentscheidend?
„Der digitale Zugang zu Mobilität. Einfach, uneingeschränkt, transparent. Mit drei Klicks – nicht mit 200 Stakeholdern. Da kommen mit KI und Digitalisierung wunderbare Möglichkeiten.“
Nutzen statt besitzen
Der Gedanke hinter dem Geschäftsmodell: „Ich brauche heute, ich nutze morgen – aber nicht übermorgen. Warum soll ich übermorgen dafür zahlen, wenn ich es nicht nutze?“ Das funktioniere für Einzelpersonen genauso wie für Unternehmen. Vom kleinen Handwerksbetrieb, der das erste Mal mit Elektromobilität experimentiert, bis zum Großunternehmen mit komplexem Fuhrpark. Wovon sie alle profitieren? Von der Einfachheit. Der Transparenz. Und der Flexibilität, die ihnen der klassische Kauf oder das Leasing nie gegeben haben. Konjunktur schwächelt? Weniger Fahrzeuge. Großauftrag kommt? Fuhrpark aufstocken. Alles auf einer Rechnung. Für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gibt es noch einen Hebel: die Gehaltsumwandlung. Wer Mitarbeitenden ein E-Auto-Abo als Gehaltsbestandteil anbietet, spart – und die Mitarbeitenden sparen mit. Bis zu 30 Prozent, auf beiden Seiten. „Beide profitieren. Das ist das Schöne daran.“
Und was machen jetzt die Autohersteller?
Eine Frage, die sich in diesem Wandel aufdrängt: Was passiert eigentlich mit jenen, die die Autos bauen – wenn immer weniger Menschen sie kaufen? Martin Rada kennt die Branche von innen. 25 Jahre Automobilindustrie, unter anderem bei Renault. Er weiß, wie das System funktioniert (hat). Einfach. Linear. Die Hersteller bauten, der Handel verkaufte, die Kunden kauften. Fertig. „Das ist einfach vielschichtiger geworden.“ Heute gibt es Händler, Leasinggesellschaften, Aboanbieter – und dazwischen jede Menge neue Spielregeln. Die Hersteller, die sich darauf einlassen, wachsen schneller. Die anderen? Stehen vor verschlossenen Türen. Denn wer den Zugang zu neuen Technologien erleichtert – wer die Hemmschwelle senkt, ein Elektroauto zum ersten Mal auszuprobieren –, der gewinnt Kunden, die der klassische Handel nie erreicht hätte.
Und noch etwas verändert sich. Leise, aber grundlegend: die Rolle der Marke. Früher kam man zum Händler und wusste bereits: BMW. Oder Volvo. Oder VW. Heute kommen Kunden mit Bedürfnissen. Welche Reichweite brauche ich? Welche Größe? Welches Budget? Erst wenn zwei oder drei Modelle übrig bleiben, entscheidet die Marke – als emotionaler Tiebreaker, nicht mehr als erster Gedanke.
Der Point of no Return
Dann ist da noch das Thema, das in keinem Gespräch über Mobilität fehlen darf: Elektromobilität. Martin Rada nennt es einen Point of no Return. Keinen Trend. Keine politische Agenda. Einen Zustand. Über 80 Prozent der Neuvorstellungen der Automobilhersteller in diesem Jahr sind rein elektrische Fahrzeuge. In nordischen Ländern ist Elektromobilität bereits Standard, nicht Ausnahme. Und die Reichweite? „Neue Modelle haben über 800 Kilometer. So viel kann niemand fahren.“ Das Aufladen? In zehn Minuten auf 80 Prozent. „Wir haben keine Kunden, die heute elektromobil unterwegs sind und morgen sagen, sie möchten doch wieder zurück.“ Es sei nicht nur nachhaltig. Es mache, sagt er mit einem Lächeln, schlicht Spaß. Mit Vibe e-connect geht Vibe noch einen Schritt weiter: laden, parken, waschen – alles digital, alles auf einer Rechnung. Das Auto erkennt automatisch, wo es geladen werden kann. Der Schranken für die Parkgarage geht von selbst auf. Keine Zettelwirtschaft, keine Reisekostenabrechnung, kein Code-Eintippen. „Es funktioniert automatisch.“
E-Mobilität müsse einfach sein, „nur so gelingt uns die Transformation.“ Und genau da setze er mit Vibe an: „Gerade für Unternehmen machen wir den Umstieg auf die neue Technologie so einfach wie möglich – wir kümmern uns um alles und mit Vibe e-connect stiften wir über das Auto hinaus Mehrwert.“
Zukunft wagen. Zukunftsfragen
Welche etablierte Überzeugung der Automobilbranche wird in den nächsten
zehn Jahren obsolet?
Martin Rada | Dass man ein Fahrzeug kaufen und besitzen muss. Das ist in zehn Jahren einfach nicht mehr wichtig, nicht mehr notwendig – und wird auch nicht mehr der Fall sein.
Was bereitet dir Sorgen, wenn du
an die Zukunft denkst?
Martin Rada | Die negativen Vibes, die wir jeden Tag irgendwo aus dem Umfeld bekommen. Positive Einstellung ist notwendig – die bringt uns nach vorne und stärkt die Innovationskraft.
Wenn du der Automobilbranche einen Ratschlag ins Ohr flüstern könntest, den niemand hören will … welcher wäre das?
Martin Rada | Nicht in alten Mustern hängenbleiben. Einfach neu denken, querdenken. Die Möglichkeiten durch Digitalisierung sind
da – man muss sie nur nutzen.
Wer sitzt am Steuer?
Wenn Martin Rada von 2036 spricht, leuchten seine Augen. Er spricht von vernetzten Städten. Fahrzeugen, die sich Gemeinschaften teilen. Mobilität, die man nicht mehr bucht, sondern einfach ruft. „In fünf Jahren wird einiges möglich sein, was heute noch wie Science-Fiction klingt.“ Das autonome Fahren sei nur noch eine Frage des Wann. Und für Vibe bedeute das nicht Bedrohung, sondern Fortsetzung: „Wer heute schon das Fuhrparkmanagement übernimmt, das Laden, das Parken, das Waschen – der ist morgen auch der Richtige, um autonome Flotten zu betreiben. Die Reise hat gerade erst begonnen“, sagt er.
Wünsche an die Zukunft
Was bräuchte es, damit diese Art von Mobilität schneller wächst? Martin Rada überlegt nicht lange: keine unnötigen Hürden für neue Technologien. Mehr Mut zum Querdenken – in einer Branche, die traditionell konservativ denkt. Und vor allem: positive Vibes. Das Potential sei da. Die Technologie auch. Was es brauche: den Mut, den ersten Schritt zu tun. „Der Weg ist nicht aufzuhalten.“_
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
Mika-Nikolaus Mahringer
