Von der Liebe zur Gewinn- und Verlustrechnung
Zugegeben: Mit so einer außergewöhnlichen und doch nicht weniger schönen „Liebeserklärung“ haben wir nicht gerechnet, als wir uns nur wenige Minuten vor dem Interview mit CFO Michael Kienberger unser Besucherbadge von Primetals Technologies um den Hals hängen. Seine Liebe zur Gewinn- und Verlustrechnung hat er durch seine Karriere entdeckt. Und früh verstanden, dass es in seiner Rolle als Finanzvorstand dennoch um sehr viel mehr geht als „nur“ um Affinität für Zahlen.
Die Morgendämmerung bricht gerade erst an, wenn Michael Kienberger seine Laufschuhe schnürt. Für den CFO von Primetals Technologies Austria ist der frühmorgendliche Lauf durch den Wald mehr als nur Sport – er ist Meditation, Ideenschmiede und Charaktertraining in einem. „Beim Ultralaufen kommst du in Bereiche, in denen dir dein Körper sagt: ‚Ich will nicht mehr!‘“ Genau dann müsse man stark bleiben, erklärt Kienberger. Parallelen zu seiner Rolle als Finanzchef sieht er durchaus. „Dasselbe gilt im Business – wenn es darauf ankommt, musst du einfach die Extrameile gehen.“
Diese Ausdauer und Zielstrebigkeit prägen nicht nur Kienbergers persönlichen Werdegang, sondern auch die Strategie, mit der er und seine Führungskollegen Primetals in eine nachhaltige Zukunft führen wollen. Und wie es der Zufall so will, gleicht auch der Weg dorthin eher einem Ultramarathon als einem Sprint – naheliegend, dass dieser Umstand den passionierten Läufer nicht abschreckt.
Von der Projektwelt in die Zahlenwelt
Auch wenn er die Rolle des österreichischen CFO erst seit April 2025 innehat, kennt Kienberger das Unternehmen schon lange. Seine Karriere bei Primetals begann vor rund 19 Jahren, zunächst im Projektmanagement. „Zu Beginn in Asien, dann rund um den Globus. Damals bin ich viel gereist und habe einiges erlebt. Für mich war das eine total spannende Zeit“, erinnert er sich. Die Internationalität des Unternehmens fasziniert ihn von Sekunde eins bis heute: „Wir haben 38 verschiedene Nationalitäten im Haus. Diese Internationalität macht uns aus. Auch die Vielzahl an Standorten und Kunden ist unfassbar vielschichtig.“ Nach einigen Jahren im Projektgeschäft wechselt Kienberger 2013 in die „volle Zahlenwelt“, wie er es nennt, und wird globaler Controller zweier Geschäftsbereiche.
Diesen Sprung ins kalte Wasser – und viele weitere dieser Art – will er rückblickend nicht missen. „Natürlich fühlt man sich sicherer, wenn man etwas gewohnt ist. Aber die Komfortzone zu verlassen, ist eine wichtige Erfahrung, die ich mehrmals gemacht habe.“ Neben der Leitung des Projektcontrollings, des lokalen Controllings, seit 2020 des Accountings und Controllings und in den letzten 6,5 Jahren in der Doppelrolle als globaler Head of Controlling, wird er schließlich gefragt, ob er sich die Aufgabe als CFO für Österreich vorstellen könne …
Wachstumsmotor: grüne Revolution der Stahlindustrie
„Lange überlegt habe ich nicht.“ In seiner vorherigen Funktion arbeitete er bereits eng mit seinem Vorgänger sowie dem globalen CFO zusammen. „Die Agenden, die auf dem Tisch liegen, sind somit nicht direkt neu und das Spitzenteam drumherum kenne ich ebenfalls sehr gut.“ Mit diesem Team will Kienberger auch in Zukunft dem Thema grüner Stahl seine Aufmerksamkeit widmen – einem der entscheidenden Wachstumstreiber für Primetals: „Die Stahlproduktion ist ein sehr CO2-intensives Business. Für jede Tonne Stahl, die man herstellt, werden zwei Tonnen CO2 emittiert.“ Damit sei die weltweite Stahlerzeugung allein für sieben bis neun Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich – aber eben auch das Potential der Hebelwirkung entsprechend groß.
Vor allem für einen innovativen Player, der Lösungen entwickelt, die dieses Verhältnis drastisch verbessern können. „Wenn man von der klassischen Hochofen- und Konverterroute weggeht, hin zu moderneren Technologien wie einer Direktreduktionsanlage und Elektro-Lichtbogenöfen, kann man bis zu 65 Prozent aller CO2-Emissionen einsparen.“ Mit Wasserstofftechnologie seien sogar Einsparungen von bis zu 90 Prozent möglich, erklärt er stolz. „Für uns ist klar: Wir sind bei Green Steel-Technologien die Nummer eins und wollen das verteidigen.“
Diese Ausrichtung zahlt sich aus: „Derzeit haben wir den höchsten Auftragsbestand in unserer Geschichte“, freut sich der CFO. Doch auch er weiß, dass der Weg nicht immer eben verlaufen wird. „Es gibt immer äußere Einflussfaktoren – Finanzkrisen, Corona, Inflation, Lieferkettenprobleme oder aktuell die Zollpolitik der USA und die Transformation der Energiemärkte. Das kann man in keiner Strategie vorhersehen. Aber man muss es managen.“ Momente, in denen ihm seine Erfahrung als Ultraläufer zugutekommt: „Du brauchst Ausdauer und Konsequenz. Je mehr du investierst, desto mehr kriegst du im Regelfall zurück – wenn die Welt nicht ganz ungerecht ist.“ Seine Einstellung überträgt sich auf die Belegschaft, etwa in Form von globalen konzerninternen Programmen wie „WOW: Ways of Working“. „Darin geht es um Kultur und um Werte im Unternehmen. Man wird finanzielle Ziele nur erreichen, wenn man gut zusammenarbeitet.“
Eine volle To-do-Liste
Apropos: Für das kommende Jahr hat der CFO klare Ziele: „Wir wollen profitabel wachsen, in allen Geschäftsbereichen gute Ergebnisse erreichen, als attraktiver Arbeitgeber bekannter werden und natürlich unsere Kunden bei einer nachhaltigen Stahlproduktion begleiten.“ Mit Innovationskraft, globaler Präsenz und einem starken Team sei man gut gerüstet für die Herausforderungen der Zukunft. Vor allem Letzteres genießt einen spürbar hohen Stellenwert – Kienberger selbst verliert daher nie den menschlichen Aspekt aus den Augen: „Wir haben gute Leute und sind in der glücklichen Position, dass wir noch immer Mitarbeitende suchen und aufbauen.“ Gemeinsam will man so in den kommenden Jahren nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein, sondern auch einen bedeutenden Beitrag zur grünen Transformation der Stahlindustrie leisten._
Redaktion
- David Bauer
Fotos
Primetals Technologies