„Unser Nordstern: Integrität ist nicht verhandelbar“
Während die Geschichte so mancher Startups in einer Garage beginnt, legen Matthias Steinbauer und Martin Reichetseder den ersten Grundstein ihres Unternehmens fobi solutions und ihrer Software .LOUPE in einem Mühlviertler Kaffeehaus. Die beiden ehemaligen Pfadfinderkollegen, die sich nach fünfzehn Jahren zufällig wieder begegnen, entwickeln eine Vision, die heute über 200 Unternehmen dabei hilft, Compliance nicht als Bürde, sondern als Chance zu begreifen. Mit ihrer Software beweisen sie, dass Integrität und wirtschaftlicher Erfolg keine Gegensätze sein müssen. Und dass manchmal die besten Geschäftsideen aus persönlichen Überzeugungen entstehen.
Wer an Compliance denkt, stellt sich meist komplizierte Regelwerke, langweilige Schulungen und bürokratische Hürden vor. Doch für Martin Reichetseder und Matthias Steinbauer ist Compliance etwas ganz anderes: die Kunst, Unternehmen dabei zu helfen, ihre Werte zu leben und gleichzeitig erfolgreich zu sein. Mit ihrer Compliancesoftware haben sie ein Tool geschaffen, das genau das ermöglicht und – vielleicht noch wichtiger – dabei so einfach zu bedienen ist, dass es tatsächlich genutzt wird. „Wir wollen den Zugang zum Thema Compliance spürbar vereinfachen“, erklären die beiden den Grundgedanken. Ein schlichter Satz, der dennoch die gesamte Philosophie des Unternehmens auf den Punkt bringt.
Wie aus Freunden Geschäftspartner wurden
Noch vor einer Tasse Kaffee im Mühlviertel beginnt die Geschichte von .LOUPE eigentlich mit einer Nachricht auf Xing. „Damals habe ich festgestellt, dass die Anwaltei nicht meine Leidenschaft ist, und meine Kanzlei zugesperrt“, erinnert sich Martin, der kurz darauf in einem internationalen Industriekonzern beginnt, dessen Rechtsabteilung er bis heute leitet. Doch noch während des Bewerbungsprozesses befasst er sich außerdem mit der Frage, wie sich die meist komplexen Anforderungen in der Compliance simpler gestalten lassen. „Das musste einfacher gehen. Also habe ich Matthias auf Xing geschrieben, weil ich wusste, dass er im Softwarebereich tätig ist.“ Bis dahin kreuzen sich die Wege der beiden trotz verschiedener Freundeskreise immer wieder, „ganz früher bei den Pfadfindern, später beim Roten Kreuz“. Nach ihrem digitalen Austausch treffen sich die beiden kurzerhand in einem Kaffeehaus. Und der Rest ist (Gründungs-)Geschichte.
„Unsere Idee ist schnell entstanden und wir haben uns sofort an die Umsetzung gemacht.“ Matthias setzte sich an die ersten Entwürfe der Software, während Martin sich um die Gesellschaftsverträge und Corporate Identity kümmerte. Was auf den ersten Blick wie ein ungleiches Paar wirkt – der Jurist und Complianceexperte auf der einen, der IT-Spezialist auf der anderen Seite –, entpuppt sich schnell als eingespieltes Duo. „Wir führen unterschiedliche Leben, haben unterschiedliche Professionen, aber das Mindset stimmt. Uns beide eint seit Anfang an dieselbe intrinsische Motivation.“ Für Matthias, der zuvor keinerlei Berührungspunkte mit Compliance hatte, war der Einstieg gerade deshalb überraschend einfach: „Du brauchst natürlich ein gewisses Faible dafür, dass die Welt mit rechten Dingen zugeht. Einen Gerechtigkeitssinn muss man schon in sich tragen, damit einem das Thema wertvoll erscheint.“
Vom Hobby zum Erfolgsunternehmen
Was als Nebenprojekt begann, entwickelte sich zu einem ernsthaften Geschäftsmodell. Bald stieß auch Thomas Koch als dritter Geschäftspartner hinzu, den Martin bei einer Veranstaltung zu internationalem Vertragsrecht kennengelernt hatte. „Ihm hat unser Ansatz gefallen, uns seine Erfahrung im internationalen Vertrieb.“ Jahrelang führen die drei das Unternehmen gemeinsam – bis sie merken, dass sie für weiteres Wachstum noch mehr Verstärkung brauchen. „Unsere ursprüngliche Vision lässt sich nicht mehr als Trio umsetzen, weil das Thema gewachsen ist und die Anforderungen und Wünsche unserer Kunden mehr geworden sind.“ So setzt sich ihr Team inzwischen aus fünf Personen zusammen – „alle mit dem richtigen Mindset und praktischer Erfahrung im Compliancebereich“.
Mit diesem Wachstum kam auch die Erkenntnis, mehr Struktur schaffen zu müssen: „Auch wir tragen eine Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitenden.“ Eine erste ISO-27001-Zertifizierung half dem Team, das einstige Hobbyprojekt in Prozessen, Richtlinien, Chancen und Risiken zu denken. „Dabei versuchen wir, das Beste aus beiden Welten zu verbinden: unseren Startupspirit mit Struktur. Aber nicht, um uns einzuschränken, sondern um durch die Struktur in Zukunft mehr Freiheit zu gewinnen.“ Diese Philosophie spiegelt sich auch in ihrem Produkt wider. „Das ist genau das, was wir auch mit unserem System machen. Wir helfen den Unternehmen, nur so viel Strukturen zu schaffen, damit sie sich weiter auf das Wesentliche konzentrieren können.“
Weniger ist mehr
Schließlich sei Compliance nicht mit Regelflut gleichzusetzen, „sondern es geht darum, die richtige Regel zum richtigen Thema für die richtigen Stakeholder zu beherzigen“. Statt alle Mitarbeitenden mit denselben Schulungen zu überhäufen, plädiert Martin für einen gezielteren Ansatz: „Was bewirkt eine 99-prozentige Quote an Durchschulungen im Unternehmen, wenn nur jeder Zehnte von deren Inhalten betroffen ist? Compliance bedeutet Klarheit und Orientierung, nicht Überhäufung.“ Mit ihrer Software bietet das Legaltechunternehmen deshalb Lösungen wie ein Policy-Portal, bei dem Mitarbeitende einem KI-Assistenten Fragen zu den spezifischen Unternehmensrichtlinien stellen können und nur tatsächlich für sie relevante Dokumente lesen und bestätigen müssen. „OLEX – so heißt unser Policy-KI-Chatbot – ist wie ein digitaler Complianceofficer, der alle internen Richtlinien kennt und Mitarbeitenden antwortet, was erlaubt ist und was sie beachten müssen.“
Das Beispiel zeige, wie sehr der Einsatz von Künstlicher Intelligenz auch in der Compliance Einzug gehalten hat – „sowohl als Werkzeug für unsere eigene Software als auch als Regelungsbereich für unsere Kunden“. Denn gleichzeitig beobachten sie, wie neue Regulierungen wie der AI Act zur Herausforderung für Betriebe werden. Betroffene Unternehmen seien gut beraten, sich konkret mit ihrer KI-Strategie, verwendeten Tools und den damit verbundenen Risiken zu befassen, „statt einfach Policys einzuführen, die Prozesse verlangsamen und Mitarbeitende verunsichern“. Mit einer neuen Lösungsidee wollen die Experten genau diese Lücke schließen – es ist ein Tool, das Unternehmen hilft, ihre KI-Anwendungen zu erfassen, Risiken zu bewerten und angemessene Maßnahmen zu ergreifen.
Compliance ist kein Bullshit-Bingo
Als wir die Gründer nach ihrer Vision fragen, wirken sie zunächst fast verlegen. Sie schauen einander an und gestehen mit einem Lachen: „Wir haben keine super fancy Vision.“ Doch als beide kurz innehalten, wird ihnen bewusst, dass ihr Zugang zu moderner Compliance vielleicht gerade deshalb so authentisch ist. „Die einzige Vision, die wir haben, ist, dass das Thema Compliance irgendwann einmal so einfach ist, dass wir uns über Integrität nicht mehr unterhalten müssen, sondern dass sie Standard und ein echter Wettbewerbsvorteil ist. Integrität ist eben nicht verhandelbar.“ Gerade deshalb sei es notwendig, Compliance einfacher zu gestalten – „genau das, was wir von Anfang an als Mission hatten“._
Redaktion
- David Bauer
Fotos
Antje Wolm