Über schwarze Zahlen hinter grüner Technologie
Rund acht Prozent. So hoch ist der ungefähre Anteil der Stahlindustrie am weltweiten CO2-Ausstoß. Jeder Atemzug hat mit Stahl zu tun, wenn man so will. Genau deshalb entwickelt Primetals Technologies Anlagen und Technologien für die grüne Transformation der Eisen- und Stahlindustrie weltweit. „Wir machen das nicht als Hobby. Es ist unser Kerngeschäft“, sagt CFO Michael Kienberger. Und doch bereite es ihm und seiner Kollegin Martina Gruber, Head of Financial Services, immer wieder aufs Neue eine Freude.
Gegenüber von uns nehmen zwei Personen zum Interview Platz, die seit fast 20 Jahren gemeinsam durch dasselbe Unternehmen gehen. In dieser Zeit sind Michael Kienberger und Martina Gruber in ihren jeweiligen Rollen gewachsen. Beide Controller durch und durch – und beide mit einer Eigenschaft, die in diesem Bereich vielleicht öfter steckt, als man vermuten würde: Gestaltungslust. „Wir sind Gestalter“, sagt Kienberger. Gruber nickt. „Inhouse-Consultants“, fügt sie hinzu. Vor seiner heutigen Rolle als CFO war Kienberger erst Projektleiter, hat sich über unterschiedliche Rollen im Unternehmen hochgearbeitet und verantwortete später das globale Controlling. Und: Er war zwischenzeitlich in genau dem Bereich tätig, den Gruber heute verantwortet, dem lokalen Accounting und Controlling. Die beiden schmunzeln und man spürt, wie sie einander menschlich wie fachlich schätzen.
Kein Quartal gleicht dem anderen
Heute verantworten die beiden saubere Monats-, Quartals und Jahresabschlüsse nach IFRS und UGB, bestückt mit den unterschiedlichsten Sachverhalten sowie einer Vielzahl an Projekten mit Auftragswerten bis in den dreistelligen Millionenbereich. Hinter manchen dieser Projekte, die durchschnittlich drei Jahre laufen, stehen Investitionsentscheidungen von Kunden bis in Milliardenhöhe. „Wir sind immer wieder mit völlig neuen Konstellationen und Herausforderungen konfrontiert, die es zu lösen gilt – und die uns zugleich die Möglichkeit bieten, Kundenanforderungen zu erfüllen oder uns im Wettbewerb gezielt zu differenzieren.“ All das sei nicht immer einfach, aber eine reizvolle Challenge, sind sich die Finanzprofis einig. Ihr Credo: Nicht warten, bis die Zahlen auf den Tisch kommen. „Lieber proaktiv mitgestalten.“ Denn: „Je gesünder die Basis, desto mehr Platz für Innovation“, sagt Kienberger. Gruber ergänzt es mit einem Wort, das im Laufe des Gesprächs immer wieder fällt: Verantwortung. Diese sei groß – gegenüber der Gesellschaft und dem Standort.
Die beiden wissen: „Es muss sich rechnen. Und wir müssen auch jene Dinge ansprechen, die nicht funktionieren, aber auf Augenhöhe.“ Was ernüchternd klingt, ist in Wahrheit das Fundament, auf dem alles andere erst möglich wird: Nachhaltigkeit, sinnstiftende Jobs und eine echte Transformation für die Industrie. Wie abwechslungsreich ihr tägliches Tun ist, wird deutlich, als die beiden über wiederkehrende Herausforderungen sprechen: Komplexe Sachverhalte über verschiedene Ländergrenzen hinweg, abgestimmt mit Beratungsunternehmen, diskutiert mit Partnern aus anderen Zeitzonen, übersetzt für Entscheidungsträger, die die Komplexität erst verstehen müssen, bevor sie entscheiden können. „Das ist die hohe Kunst im Controlling“, so Gruber, „Lösungsvorschläge zu erarbeiten und entsprechend zu transportieren.“
Und dann steht man am Projektgelände und sieht, wie aus zweieinhalb Jahren Vorarbeit die konkrete Umsetzung entsteht. Etwa beim offiziellen Spatenstich für das Projekt Hy4Smelt: Am voest-
alpine-Standort Linz entsteht die weltweit erste industrielle Demonstrationsanlage, die zwei innovative Prozesse – eine wasserstoffbasierte Direktreduktion für ultrafeine Eisenerze (HYFOR®) und einen elektrischen Schmelzprozess („Smelter“) – verbinden kann. „Es ist Österreichs größtes Forschungsprojekt für den Klimaschutz. Das macht einen wirklich stolz.“
„Stahl und seine Kennzahlen sind alles andere als fad“
Um all das zu bewerkstelligen, braucht es einen bunten Mix aus Menschen und Fähigkeiten. 1.800 Mitarbeitende am Standort aus 38 Nationen und darunter viele Kolleginnen und Kollegen aus Finanzbereichen und globalem Reporting. Fachexperten neben Generalisten, Buchhalterinnen neben Betriebswirtinnen, lokale Teams neben globalen Strukturen. Und irgendwo auf einer Baustelle in Indien ein Techniker, der wissen muss, warum es eine Rolle spielt, dass eine Rechnung periodengerecht eingereicht wird. Es gehe viel um Kommunikation und Proaktivität. „Würde jeder isoliert arbeiten und wir keine Lösungen anbieten, käme niemand mit seinen Problemen zu uns“, sagt Kienberger. „Dann leidet das Unternehmen.“
Was dagegen hilft? „Trotz aller Zahlenorientierung menschlich zu sein – das tut dem Ganzen gut.“ Und: Netzwerke, die über Abteilungsgrenzen hinausgehen, Führungsprogramme für junge Talente sowie eine Unternehmenskultur, in die man seit Jahren aktiv investiert – auch weil man im japanischen Mutterkonzern früh verstanden hat: „Unsere KPI-Targets erreichen wir nur, wenn wir wirklich transparent und erfolgreich zusammenarbeiten.“ Kaufmännische Herausforderungen der Organisation wachsen über Abteilungs- und auch über die Unternehmensgrenze hinaus: Rentabilitätsrechnungen für Kunden. Unterstützung bei der Finanzierung. Kalkulationen, die helfen, ein Investment hausintern zu rechtfertigen. „Finanzbereiche sind nicht mehr nur Dienstleister“, so die beiden, „Wir sind Sparringspartner.“_
Redaktion
- David Bauer
Fotos
Primetals Technologies