Raum für die Zukunft
Wohnen ist mehr als ein Dach über dem Kopf. Es ist Ausdruck von Lebensstil, gesellschaftlichen Trends, technologischem Fortschritt und ökologischer Verantwortung. Die Art, wie wir bauen, leben und unsere Räume gestalten, verändert sich rasant. Wir zeigen drei Trends, die die Zukunft des Bauens und Wohnens prägen und schon heute darüber entscheiden, was unsere Räume von morgen ausmacht.
#1 Bauen im Kreislauf
Wer durch ein neues Stadtviertel spaziert, sieht zunächst wenig Außergewöhnliches. Glatte Fassaden, helle Putze, gepflegte Vorgärten. Und doch steckt hinter manchen dieser Gebäude eine stille Revolution, in dem, was sie trägt, dämmt, schützt und wozu sie irgendwann wieder werden sollen, wenn sie ihren Dienst getan haben.
Das Bauwesen gehört zu den ressourcenintensivsten Sektoren. Rund vierzig Prozent des globalen Energieverbrauchs und ein Drittel aller CO₂-Emissionen gehen auf das Konto von Gebäuden, beim Bau, im Betrieb und beim Abriss. Lange wurde das als unvermeidbar hingenommen. Heute beginnt sich die Branche neu zu erfinden, angetrieben von Klimazielen, steigenden Rohstoffpreisen und einem veränderten Bewusstsein in Architektur und Planung.
Wie sieht nachhaltige Innenarchitektur aus?
Expertentipps von Simon Ladner,
Geschäftsführer, Area
#1 Re-Use-Programme für Möbel. Alte Möbel werden zurückgenommen, neu aufbereitet und, wenn notwendig, neu gepolstert und tapeziert und Endkonsumenten zum Kauf angeboten. So bekommen hochwertige Möbel optisch wie qualitativ einen neuen Verkaufszyklus und eine noch längere Nutzbarkeit.
#2 Kreislaufwirtschaft von Materialien. Gemeinsam mit der schwedischen Firma Papershell lancierte Arper eine Sitzschale, die komplett ohne Kunststoffe und Klebemittel auskommt. Das Material besteht aus Kraftpapier und natürlichen Bindemitteln wie Harzen und Stärke. Durch Pyrolyse kann aus dem Material nach der Nutzung Biokohle gewonnen werden.
#3 Einfache Servicierbarkeit. Hersteller achten vermehrt darauf, dass auch bei bestehenden Produkten nach dem Single-Use-Prinzip gearbeitet wird. Das bedeutet, dass jedes Material für sich wieder vom Möbel zu trennen ist und somit recycelt werden kann.
Das Versprechen der Materialien
Holz erlebt eine Renaissance, nicht als nostalgisches Baumaterial, sondern als hochentwickelter Verbundwerkstoff. Brettsperrholz und Holz-Beton-Hybridkonstruktionen ermöglichen heute mehrstöckige Wohnhäuser, die kaum CO₂ freisetzen, weil das Holz den Kohlenstoff dauerhaft bindet. In Wien, Hamburg und Zürich entstehen Quartiere, die zeigen, wie urban und ästhetisch nachhaltiges Bauen sein kann.
Gleichzeitig kehren Materialien zurück, die lange als altmodisch galten: Lehm reguliert Luftfeuchtigkeit auf natürliche Weise, ist regional verfügbar und vollständig recyclebar. Stampflehm als Wandverkleidung taucht in Stadtapartments auf, die handwerkliche Qualität und Natürlichkeit als Luxus verstehen. Kork dämmt, dämpft und kompostiert sich am Ende seines Lebens und sieht dabei außergewöhnlich aus. Keramik und Naturstein kehren als langlebige Alternativen zu kurzlebigen Verbundwerkstoffen zurück.
Was braucht es zum nachhaltigen Bauen?
Expertentipps von Kronaus Mitterer Architekten
#1 Den Ort ernst nehmen. Nachhaltigkeit beginnt mit einer präzisen Auseinandersetzung mit dem Kontext. Stadtstruktur, Topografie, Klima und vorhandene Ressourcen geben wichtige Hinweise darauf, wie ein Gebäude sinnvoll organisiert werden kann. Gute Architektur entsteht selten aus universellen Lösungen, sondern aus der genauen Arbeit am jeweiligen Ort.
#2 Robuste und flexible Strukturen entwickeln. Gebäude überdauern mehrere Generationen von Nutzungen. Deshalb ist es wichtig, Räume so zu entwerfen, dass sie sich verändern können. Nutzungsneutrale Grundrisse, klare Tragstrukturen und robuste Materialien ermöglichen Anpassungen ohne große Eingriffe.
#3 Mit den zukünftigen Nutzern planen. Nachhaltige Gebäude werden angenommen und weiterentwickelt. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit den späteren Nutzergruppen entscheidend. Sie bringt praktische Erfahrungen in den Planungsprozess ein und führt oft zu Lösungen, die man aus rein planerischer Perspektive nicht gesehen hätte.
#2 Das Zuhause denkt mit
Ein Montagabend: Jemand verlässt das Büro, tippt kurz aufs Smartphone und zu Hause beginnt das Heizsystem, die Temperatur auf die gewünschten zwanzig Grad zu bringen. Das Licht im Flur schaltet sich ein, als die Haustür aufgeht. In der Küche leuchtet ein sanftes Warmweiß. Die Rollläden fahren herunter. Kein Schalten, kein Drehen, kein Suchen. Alles geschieht, als ob das Haus seinen Bewohner kennt. Was es, in gewissem Sinne, inzwischen tatsächlich tut.
Smarthomes sind längst keine Zukunftsvision mehr. Der Markt für vernetzte Haustechnik wächst seit Jahren kontinuierlich, und der Fokus verschiebt sich dabei deutlich: weg von der technischen Spielerei, hin zu echtem Nutzen. Energieeffizienz, Sicherheit und Unterstützung im Alltag sind die drei Säulen, auf denen sinnvolles Smart Living heute steht.
Wo Technologie wirklich etwas verändert
Der größte messbare Vorteil liegt bei der Energie. Intelligente Thermostate lernen aus dem Verhalten der Bewohner und passen die Heizung automatisch an. Nicht nur nach Uhrzeit, sondern nach tatsächlicher Anwesenheit und Wetterprognosen. Systeme, die Photovoltaik, Hausspeicher, Wärmepumpe und Elektroauto verknüpfen, optimieren den Eigenverbrauch in Echtzeit.
Im Bereich Sicherheit erkennen Wassersensoren Lecks, bevor ein Schaden entsteht, und vernetzte Rauchmelder schalten im Ernstfall automatisch die Lüftung ab. Besonders unterschätzt wird das Potential für ältere und eingeschränkte Menschen: Sturzsensoren, Sprachsteuerung, automatisch öffnende Türen – all das ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben, das sonst nicht möglich wäre. Ambient Assisted Living wird mit dem demografischen Wandel zur gesellschaftlichen Notwendigkeit.
Wie starte ich am besten mit einem SmartHome im Neubau?
Expertentipps von Florian Wöss,
President Markets, Loxone
#1 Bedürfnisse klären und testen. Am besten definiert man schon vor der Planung, was einem wichtig ist: Optimale Energieeffizienz des Gebäudes, um Kosten zu sparen? Mehr Sicherheit für das Gebäude und die Bewohner? In Showrooms kann man live erleben, wie etwa Lichtstimmungen oder passende Audiolösungen Räume verändern oder wie einfach eine Anwesenheitssimulation umgesetzt werden kann. Das alles hilft, um fundierte Entscheidungen zu treffen.
#2 Frühzeitig planen – Gewerke verbinden. Je früher mit der Smarthomeplanung begonnen wird, desto reibungsloser verläuft die Bauphase. Man sollte im Vorfeld prüfen, ob die geplanten Geräte über Schnittstellen verfügen, die eine Integration ermöglichen – so kann ein ganzheitliches System später reibungslos miteinander kommunizieren.
#3 Zukunftsfähigkeit. Strukturierte Verkabelung, genügend Platz im Verteiler und ausreichend Leerverrohrungen ermöglichen flexible Erweiterungen, um die Lösung an veränderte Bedürfnisse anpassen zu können. Ein Smarthome unterstützt auch dabei, im Alter länger selbstständig in den eigenen vier Wänden wohnen zu können.
#3 Mehr Gemeinschaft, weniger Besitz
Zwei Wohnungen, gleiche Stadt, gleiches Baujahr. In der ersten lebt eine dreiköpfige Familie auf neunzig Quadratmetern: zwei Schlafzimmer, Wohnküche, kein Balkon. In der zweiten: eine Person allein auf zwanzig Quadratmetern, aber mit gemeinschaftlicher Dachterrasse, Co-Working-Space im Erdgeschoss, geteilter Küche und Fahrradwerkstatt. Welche ist die größere Wohnung? Die Antwort hängt davon ab, was man unter Wohnen versteht.
Steigende Mieten, flexible Lebensläufe und Remotework stellen das klassische Wohnmodell unter Druck. Co-Living verbindet die Vorteile von Gemeinschaft mit privatem Rückzug und richtet sich längst nicht mehr nur an Studierende. Micro Apartments setzen auf Konzentration statt Verzettelung: lieber zwanzig brillante als sechzig mittelmäßige Quadratmeter. Tiny Houses stellen grundlegende Fragen über Eigentum und Sesshaftigkeit. Und Off-Grid-Living – mit eigener Solaranlage, Regenwassernutzung und Selbstversorgungsgarten – ist für viele keine Askese, sondern eine Form von Freiheit.
Weniger haben, mehr sein
Hinter all diesen Formen steht die Frage: Was macht ein Zuhause erholsam? Forschung und Praxis zeigen übereinstimmend, dass es weniger auf Größe ankommt als auf Qualität: Tageslicht, natürliche Materialien, Stille, eine klare Grenze zur Arbeit und das Gefühl, den Raum wirklich gestalten zu können. In Gemeinschaftswohnprojekten entsteht Erholung im Zusammenspiel von Rückzug und Kontakt: die eigene Wohnung als stiller Hafen, der Gemeinschaftsgarten als lebendiger Treffpunkt. Wohnen wird damit zur sozialen Infrastruktur und Antwort auf eine der stillen Krisen unserer Zeit: Einsamkeit inmitten dichter Bevölkerung._
Wie kann Co-Living gelingen?
Expertentipps von Kronaus Mitterer Architekten
#1 Gemeinschaft ermöglichen, ohne Privatheit aufzugeben. Co-Living funktioniert dann gut, wenn es ein ausgewogenes Verhältnis von gemeinschaftlichen und privaten Bereichen gibt. Räume für Begegnung sind wichtig, aber ebenso Rückzugsmöglichkeiten.
#2 Räume für informelle Begegnungen schaffen. Nicht nur große Gemeinschaftsräume sind entscheidend. Oft sind es die Terrassen, Erschließungszonen oder Höfe, in denen sich das soziale Leben entfaltet.
#3 Strukturen anbieten, die sich aneignen lassen. Co-Living lebt davon, dass Bewohnerinnen und Bewohner Räume selbst gestalten und nutzen können. Architektur sollte dafür einen offenen Rahmen schaffen.
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
Gettyimages / alvarez; Fritz Hansen; Loxone



