Wie kommen wir hier raus?
Die Sorge ist spürbar. In den Gesprächen, zwischen den Zahlen und Fakten, in so mancher stillen Pause. Und dann steht die Frage im Raum: Wie geht es weiter? Viktoria Oberrader und Mario Grünberger von BDO hören sie täglich. Von Menschen, die gerade alles geben. Sie wissen: Es gibt Türen nach draußen – man sieht sie nur meist nicht, wenn man mittendrin steckt.
Die erste Tür sehen wir. Sie führt raus auf die Dachterrasse. Eigentlich ist es noch ein bisschen frisch, um ohne Jacke draußen zu sein. Der Wind weht, die Loungemöbel sind noch abgedeckt. Wir treffen uns trotzdem dort, wo sich das Team von BDO in Oberösterreich in den warmen Monaten gern zum Mittagessen trifft – am Dach der Techbase Linz. Von hier aus sieht man auf die Linzer Stadt. Geschäfte, die öffnen. Menschen, die zur Arbeit gehen. Alles wie immer. Fast. Nur, dass hinter manchen Fassaden schon seit Monaten oder auch Jahren Entscheidungen gefällt werden müssen. Die wirtschaftliche Lage ist herausfordernd. „Das Schwierigste ist die mangelnde Planungssicherheit“, sagt Mario Grünberger, Partner bei BDO (Wirtschaftsprüfer und Steuerberater). „Das waren wir in den letzten 20 bis 30 Jahren in diesem Ausmaß in der Businesswelt nicht gewohnt.“
Energiekosten in dem Ausmaß, die niemand kalkulieren kann. Zinsschwankungen, die aus soliden Investitionsplänen Glücksspiele machen. Gesetzesänderungen, die im Wochentakt kommen. Und dann die Zölle. Was früher ein geklärtes Thema war, ist heute tägliches Rätselraten. „Durch die ständigen Veränderungen wird das immer mehr zum Beratungsthema“, erklärt Viktoria Oberrader. Sie ist Steuerberaterin und Senior Managerin bei BDO. Produzierende Industrie, Gastro, Handel – sie alle spüren den Druck, erklärt sie. Manche härter, manche weniger. Aber sie alle stehen vor der gleichen Frage: Wie geht es weiter?
Eine Frage der Sichtweise
Es gibt zwei verschiedene Arten, darauf zu reagieren. Viktoria Oberrader kennt sie beide. Die einen kommen mit verschränkten Armen. „Es hat ja immer so gepasst“, sagen sie, „es wird auch weiter so passen.“ Eine stille Hoffnung, die Dinge würden sich schon wieder einpendeln. Irgendwie. Irgendwann. Die anderen kommen mit einem Leuchten in den Augen. Nicht weil es ihnen besser geht. Sondern weil sie verstanden haben: Genau jetzt ist die Zeit, in der sich etwas ändern kann. Muss. Darf. „Man merkt den Unterschied eigentlich relativ schnell“, sagt Viktoria Oberrader. „Es ist die Offenheit für Veränderungen.“
Beratungsresistent zu sein, das sei übrigens nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen, fügt sie hinzu. Oft sei es nur ein Anzeichen dafür, dass man die Person noch nicht richtig abgeholt hat. Dass man eine andere Tür finden muss. Und dann, nach ein paar Tagen, nach ein paar Telefonaten, öffnet sich etwas. Dann merkt man: Okay, diese Person ist bereit, aktiv nach Lösungen zu suchen. „Wir hatten kürzlich so einen Fall“, erzählt sie. Ein Kunde, der nicht mehr beim Endkunden ankam. Nicht mit dem Preis, nicht mit der Lieferzeit, nicht mit dem Produkt. Eine Sackgasse, wie es schien. „Also haben sie überlegt: Was, wenn man mit einem früheren Lieferanten eine engere partnerschaftliche Zusammenarbeit eingeht? Gemeinsam gelingt es so vielleicht, sich beim Kunden wieder besser zu platzieren.“ Eine Lösung, die im täglichen Umfeld vielleicht nicht im ersten Moment klar ersichtlich war. Aber genau die richtige Antwort für diesen Fall.
Das Lager, das zu eng wurde
Mario Grünberger erinnert sich an ein Gespräch, das ihm noch lange im Gedächtnis geblieben ist. Mit dem Chef eines Handelsbetriebes. Das Lager wurde eng. Neue Kunden kamen dazu. Man brauchte mehr Raum. „Und mehr Raum bedeutet oft eine siebenstellige Investition.“ Mario Grünberger hat zugehört. Und dann hat er die Frage gestellt, die alles verändert hat: „Habt ihr vielleicht auch noch die Möglichkeit, eure Lagerhaltung gemeinsam mit euren Kunden und Lieferanten zu optimieren?“
Stille. Dann: nachdenken. Direktlieferungen von Lieferanten. Bedarfsanalysen durch KI, die aus den Daten der Vergangenheit ableitet, welche Kundenbestellungen kommen werden. Intelligenz statt Quadratmeter. Und plötzlich war der Lagerausbau nur noch in deutlich geringerem Ausmaß nötig. Eine Investition, die sich in Software statt in Beton materialisierte. Eine Entscheidung, die Luft verschaffte. „Das ist das Problem der modernen Wirtschaft“, sagt Mario Grünberger, „in den letzten Jahren war keine Zeit für Optimierungen. Da ist das Geschäft einfach gelaufen. Man hat nicht analysiert, ob die Prozesse wirklich gut sind.“ Jetzt sei die Zeit dafür. Jetzt müsse man hinschauen – auf die kostenintensiven Bereiche, auf die Prozesse, die seit Jahren so laufen, wie sie laufen, weil man es immer so gemacht hat.
Wenn das Geld knapp wird
Und dann ist da noch das Thema, das manche nachts wach hält. Die Liquidität. „Wo kann ich Zahlungen bei einem Lieferanten etwas strecken?“, zählt Mario Grünberger auf, „wo kriege ich von meinen Kunden schneller das Geld?“ Kauf oder Leasing? Auch hier gibt es Stellschrauben. Aber Vorsicht, warnt Viktoria Oberrader: „Bei der konkreten Ausgestaltung muss man aufpassen. Nicht jedes Leasing hat am Ende wirklich den gewünschten Bilanzeffekt.“
Die Basis von allem aber bleibt eine Cashflowrechnung. Eine ehrliche Bestandsaufnahme. „Wann stehen wieder größere Zahlungen an?“, regt Mario Grünberger an, „für Kredite, für Mitarbeiter-Sonderzahlungen, für Abfertigungszahlungen?“ Gerade jetzt, wo die Babyboomergeneration mit langer Unternehmenszugehörigkeit in Pension geht, kommen Summen auf Unternehmen zu, die man jahrelang als Rückstellung führte – aber irgendwann muss man sie zahlen. In bar. „Doch wenn ich es weiß, wenn ich es sehe, dann kann ich mich darauf einstellen. Dann kann ich Gespräche führen. Intern Ratenzahlungen vereinbaren. Meine Bank ansprechen. Neue Finanzierungsinstitute kontaktieren. Es gibt dafür mehr Varianten, als man manchmal denkt“, sagt Viktoria Oberrader.
Die versteckten Wege
Wenn die Bank nicht mehr reicht – und das kommt häufiger vor –, dann gibt es andere Wege: Leasing, Factoring, Zusammenschlüsse, Partnerschaften, Eigenkapitalgeber, Genussrechte, hybrides Eigenkapital. „Es gibt verschiedene Formen“, sagt Mario Grünberger. Und manchmal, so Viktoria Oberrader, könne man auch aus den eigenen Reihen Lösungen finden. „Wenn ich meinem Fremdgeschäftsführer oder meiner Fremdgeschäftsführerin kein höheres Gehalt mehr zahlen kann, weil das den aktuellen Cashflow zu sehr belastet, kann ich ihn oder sie vielleicht anders motivieren – indem ich ihm eine Minderbeteiligung am Unternehmen anbiete.“ Die intrinsische Motivation sei dann eine ganz andere. Man erntet später, was man heute sät. So wie es Unternehmerinnen und Unternehmer auch kennen.
Und dann gibt es noch jene Fälle, bei denen zusätzlich zur wirtschaftlichen Herausforderung auch noch eine Unternehmensnachfolge ansteht. „Dann wird es besonders heikel“, sagt Viktoria Oberrader und rät, nicht zu lange zu warten, „insbesondere weil es so eine schwierige Situation ist.“ Die übernehmende und die übergebende Generation müssen schnell an einen Tisch. Grundsätzliche Vorstellungen abstecken. Vielleicht erst mal eine teilweise Übergabe von Sparten erwägen, um das volle Potential aus beiden Generationen auszuschöpfen. Wichtig sei auch, sich über das Grundsetting gut auszutauschen. Wie viele Personen gibt es in der nächsten Generation? Wie viele wollen sich aktiv beteiligen? Welche nicht? „Damit es nicht im Nachhinein große Streitigkeiten gibt, die dann die Familien und das Unternehmen belasten“, warnt Mario Grünberger.
Das Geld, das keiner abholt
Ein Weg, der oft noch übersehen wird: Förderungen. „Wir haben sehr gute Förderlandschaften in Österreich“, sagt Viktoria Oberrader, „da gibt es wirklich viel abzuholen.“ Vermeintlich kleine Beträge, die sich summieren. Personalförderungen als Quickwin. Der Arbeiterkammer-Zukunftsfonds in OÖ für Digitalisierungsprojekte. Forschungsförderungen, bei denen sich Österreich stark abhebt. „Da kann sich die Forschung und Entwicklung in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern wirklich lohnen.“ Die Forschungsprämie. Das FFG-Basisprogramm. Förderungen mit sehr guten Förderquoten. „Das ist für mich das Traurigste im täglichen Business“, sagt sie, „dass sich so viele das Geld nicht abholen, das für Innovationen bereitsteht.“
Am Ende läuft alles auf einen Punkt hinaus: „Den externen Rat“, sagt Viktoria Oberrader. In so unsicheren Zeiten könne man nicht mehr alles wissen. Nicht mehr alles überblicken. „Es schadet nicht, wenn man noch einmal einen anderen Blick zulässt.“ Mario Grünberger nickt und empfiehlt: „Einen Schritt zurück machen. Aber auch das Know-how im Unternehmen, die Führungsmannschaft einbinden. Nicht irgendwie Entscheidungen im Elfenbeinturm treffen.“ Die Ideen schärfen. Die Kommunikation stärken. Für die Führungskräfte und für die Entscheidungsträger, die das in Zukunft weiterbringen sollen.
Und dann sieht man sie plötzlich. Die Tür. Den neuen Weg. Denn, wie Mario Grünberger zusammenfasst: „Die Wege sind da. Auch wenn man sie gerade nicht sieht. Auch wenn die Zahlen eine andere Sprache sprechen.“ Manchmal seien es Türen, die man übersehen hat. Manchmal Optionen, die im Tagesgeschäft untergehen. Und manchmal braucht es einfach jemanden, der die richtigen Fragen stellt. Die Fragen, die neue Türen öffnen können._
KLARTEXT
Eine Wegbeschreibung aus der Krise von zwei Menschen, die täglich Unternehmerinnen und Unternehmer beraten
Wissen, wie es wirklich steht_Eine Cashflow-rechnung, die auch in die Zukunft schaut. Wann kommen größere Zahlungen? Für Kredite, Sonderzahlungen, Abfertigungen? Wer es weiß, kann sich darauf einstellen.
Den Rhythmus ändern_Bei Lieferanten Zahlungen strecken, von Kunden rascher Geld bekommen. Schneller fakturieren, aktiv mahnen. Der Cashflow ist König.
Intelligenz statt Quadratmeter_Lagerhaltung gemeinsam mit Kunden und Lieferanten optimieren. Direktlieferungen prüfen. Eine passende IT-Infrastruktur und KI nutzen. Nicht jede Investition in Gebäude ist zwingend nötig.
Neue Wege gehen_Wenn die Bank nicht mehr reicht: Leasing, Factoring, Partnerschaften, Business Angels, Mitarbeiterbeteiligungen.
Generationen zusammenbringen_Bei der Nachfolge in der Krise nicht zu lange warten. Alt und Jung müssen gemeinsam an den Tisch. Die nächste Generation bringt neue Ideen, andere Netzwerke und Blickwinkel, die übergebende Generation die Erfahrung.
Das Geld abholen, das bereitliegt_Personalförderungen, Forschungsprämie, FFG-Basisprogramm, Arbeiterkammer-Zukunftsfonds. Viele lassen Geld liegen, das für Innovationen bereitsteht.
Den Blick von außen zulassen_In unsicheren Zeiten kann man nicht mehr alles wissen. Es braucht einen Blick von außen. Manchmal sieht man dann Türen, die vorher verschlossen schienen.
Redaktion
- Susanna Winkelhofer
Fotos
Sabine Kneidinger