„Du triffst jeden Tag mutige Entscheidungen”
Die Schwestern Patricia Zupan-Eugster und Verena Eugster haben aus kleinen Laufevents am Bodensee die größte Plattform für Female Empowerment im deutschsprachigen Raum gemacht. Sie erzählen, wie sie Führung in ihrer Eventagentur anders denken, was das Female Future Festival über die Zukunft von Führung verrät und warum echte Verbindungen das neue Karrierekapital sind.
Was passiert, wenn bei einem anstrengenden Lauftag eine Businessidee entsteht? Verena Eugster erinnert sich noch genau: Sie war unzufrieden mit sich, mit ihrem Körper, mit dem, was der Alltag aus ihr machte. Also lief sie. Nicht besonders schnell, nicht besonders weit. Aber sie lief. Und irgendwo auf dieser Strecke zwischen Erschöpfung und Aufatmen entstand etwas, das man zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätte benennen können: eine Bewegung.
Heute, 16 Jahre später, sitzt uns Verena Eugster gemeinsam mit ihrer Schwester Patricia Zupan-Eugster gegenüber und erzählt diese Geschichte mit einer Selbstverständlichkeit, die täuscht. Denn was die beiden aus einer ursprünglichen Laufveranstaltung mit ihrer Eventagentur w3 create aufgebaut haben, ist alles andere als selbstverständlich: über 70.000 Menschen jährlich, 22 Großveranstaltungen, Standorte von Wien über München bis Hamburg.
Geschäftsführerin und Gründerin, Female Future Festival und w3 create
2026 dreht sich bei den Female Future Events alles um „The Power
of Connection“. Kein Zufall. Mehrere Studien zeigen übereinstimmend, dass die Generation Z zur einsamsten Generation unserer Zeit werden könnte. Ein Befund, der Patricia und Verena aufgerüttelt hat. „Das hat uns schockiert“, sagt Patricia, Mutter von drei Töchtern der Generation Alpha. „Wir haben uns gefragt: Wie verbunden sind wir eigentlich selbst?“
Die Antwort, die die beiden gefunden haben, klingt simpel, ist aber fundamental: Echte Verbindung ist nicht Netzwerken. Nicht das schnelle Visitenkartentauschen auf Events, nicht die LinkedIn-Anfrage nach dem ersten Smalltalk. Echte Verbindung ist Vertrauen. Kontinuität. Die Bereitschaft, sich zu zeigen. „Nur wenn ich wirklich verbunden bin – mit meinem Team, meinem Umfeld, mit mir selbst – gelingen die nächsten Schritte“, sagt Patricia. Das gilt für Karrieren genauso wie für Unternehmen.
Schwestern, Partnerinnen, Gegenpole
Wer Patricia und Verena kennenlernt, begreift schnell: Diese beiden funktionieren nicht trotz ihrer Unterschiede, sondern wegen ihnen. Patricia liebt die grüne Wiese. Sie startet mit Chaos, hält hundert Ideen gleichzeitig in der Luft und bringt das nötige emotionale Feuer mit, um andere zu entflammen. Verena ergänzt Struktur, Detailschärfe und den kühlen Blick, der aus Visionen Pläne macht.
„Es ist keine romantische Geschichte“, sagt Verena klar. „Wir streiten, wir sind verschieden, es ist manchmal alles andere als einfach.“ Doch dann zählt sie auf, was diese Partnerschaft wirklich ausmacht, und es klingt wie eine Blaupause für gutes Business: hundertprozentiges Vertrauen, das Wissen, wie die andere entscheiden würde, die Sicherheit, nicht im Stich gelassen zu werden. Und vor allem: „Es geht immer um die Sache. Nicht um das Ego.“ Ein Satz, der in einer Zeit, in der Leadershipdiskussionen oft mehr mit Selbstoptimierung als mit echtem Miteinander zu tun haben, eine stille Wucht entfaltet.
Zukunft wagen. Zukunftsfragen
Welche etablierte Überzeugung eurer Branche wird in den nächsten zehn Jahren obsolet?
Verena Eugster | Es gibt zwei Richtungen: Große Events werden zu Erlebnissen, die kleineren werden exklusiver.
Was bereitet euch Sorgen, wenn ihr an die Zukunft denkt?
Verena Eugster | Grundsätzlich sollte man sich nicht zu viele Sorgen machen, diese bremsen einen. Aber wir beobachten die geopolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungen mit offenen Augen und Ohren.
Wo liegt der große blinde Fleck eurer Branche?
Verena Eugster | Es wird oft unterschätzt, dass Eventmanagement einer der komplexesten und härtesten Jobs ist. Ich schmunzle immer wieder, wenn mir jemand erzählt, dass das auch eine Assistentin schnell neben ihrem eigentlichen Job machen kann.
Welche eurer Überzeugungen habt ihr in den letzten Jahren über Bord werfen müssen?
Verena Eugster | Dass du ein Team nur führen kannst, wenn du immer alles möglich machst und Everybody‘s Darling bist.
Wenn ihr der Eventbranche einen Ratschlag ins Ohr flüstern könntet, den niemand hören will … welcher wäre das?
Verena Eugster | Diverse Teams sind immer stärker.
Was wisst ihr heute, das ihr gerne schon vor zehn Jahren gewusst hättet?
Verena Eugster | Im entscheidenden Moment hat man die richtige Lösung parat und am Ende wird immer alles gut.



Klartext statt Buzzwords
Wenn Patricia über New Work und New Leadership spricht, hört man keine geschliffene Keynote. Man hört jemanden, der echte Verantwortung trägt – für ein Team, für Gehälter, für Zukunft. „Wir haben immer mehr gegeben. Noch flexibler, noch mehr Benefits. Und irgendwann haben wir uns gefragt, wie wir eigentlich eine richtige Balance schaffen können, weil es am Ende darauf ankommt.“
Das ist eine unbequeme Aussage. Aber eine ehrliche. Die Schwestern polarisieren bewusst, weil sie meinen: Die New-Work-Welle hat eine Einbahnstraße gebaut. Auf der einen Seite Unternehmen, die geben, improvisieren, experimentieren. Auf der anderen Seite eine gesellschaftliche Erwartungshaltung, die wächst, ohne Gegenleistung zu definieren. „Ich würde mir wieder eine stärkere Connection zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wünschen“, sagt Verena. „Respekt in beide Richtungen. Das ist alles.“ Ihr eigener Führungsstil: Leaderin sein, nicht nur Chefin. Vorausgehen, inspirieren, Potentiale sehen – und trotzdem wissen, wann klare Ansagen gefragt sind. Denn die Realität ist: Viele Menschen wollen geführt werden. Sie wollen Orientierung. Und wer das als Schwäche betrachtet, hat Leadership noch nicht wirklich verstanden.
„Keinem von uns wird der rote Teppich ausgerollt.“ Die beiden erinnern sich an eine frühe Begegnung mit einem potentiellen Partner: eine große Brauerei, ein nettes Büro, zwei junge Frauen mit einer Idee. „Wir hatten gleich das Gefühl: Hier werden wir nicht ernst genommen. Wie süß, was ihr so für die Frauen macht.“ Was danach kam, war keine Enttäuschung. Es war Treibstoff. „Jedes Mal, wenn wir belächelt wurden, hat uns das unglaublich angespornt“, sagt Verena. Ihr Tipp für alle, die ähnliche Momente kennen: Schlagfertigkeit statt Konfrontation. Innere Klarheit statt lauter Gegenwehr. „Wenn du weißt, was du kannst, stellt das Gegenüber irgendwann die Frage nicht mehr.“ Das ist kein naives Prinzip. Das ist Erfahrung. Und es ist eine Haltung, die über das Frausein hinausgeht. Sie gilt für alle, die mit Schubladen konfrontiert werden – und es gibt davon, wie Verena lachend anmerkt, „mehr als in einem Apothekerladen“.
(Schach-) Züge, die alles verändern
Wie setzt ihr Probleme in der Eventbranche schachmatt?
„Ganz einfach: Wir lösen sie!“
Was wäre ein unerwarteter „Spielzug“, der eure Ziele schachmatt setzt?
„Wenn keine Menschen mehr zu unseren Events kommen würden.“
Welche „Bauern“ werden künftig zu „Damen“, also welcher bisher kleine Trend ist morgen spielentscheidend?
„Menschen gehen nicht mehr einfach ohne Grund auf Veranstaltungen oder Netzwerktreffen. Sie wollen wirklich etwas erleben. Deswegen machen wir unsere Events zu echten Erlebnissen.“
Springen ohne Perfektion
Was ist der wichtigste Rat für alle, die gerade vor einem großen Schritt stehen – in die Selbstständigkeit, in eine Führungsrolle, in ein mutiges Projekt? Patricia antwortet ohne Zögern: „Durchatmen. Und dann springen.“ Frauen, sagt sie, neigen dazu, alles zu zerdenken. Weil sie es perfekt haben wollen. Weil sie warten, bis alles stimmt. Weil der richtige Moment sich nie anfühlt wie der richtige Moment. „Mutige Entscheidungen triffst du jeden Tag“, ergänzt Verena. „Aber du weißt erst im Nachhinein, dass sie mutig waren. Weil du davor einfach Angst hast.“
Mut wird belohnt. Das ist keine Floskel bei den Schwestern. Das ist gelebte Unternehmensgeschichte – mit einem großen Defizit nach dem ersten Wien-Festival, mit schlaflosen Nächten, mit dem ständigen Wissen, dass Menschen von dieser Arbeit abhängig sind. Das Female Future Festival ist mittlerweile mehr als eine Plattform. Es ist ein Spiegel, der zeigt, was möglich ist, wenn zwei Menschen bereit sind zu springen, bevor der Boden sichtbar ist. Wenn Schwestern entscheiden, nicht trotz ihrer Unterschiede, sondern durch sie. Und wenn Leadership nicht als Titel verstanden wird, sondern als Haltung: vorausgehen, verbinden, ermutigen._
Redaktion
- Melanie Kashofer
Fotos
Nina Bröll; Marcella Ruiz Cruz