Vom Stromlieferanten zum Klimapionier
Über Klimaziele wird bekanntlich viel diskutiert. Die Energie AG will ihren Fokus lieber darauf legen, sie zu erreichen. Mit einer klaren Vision und massiven Investitionen verwandelt CEO Leonhard Schitter den 133 Jahre alten Energieversorger in einen Vorreiter der Energiewende. Im Interview spricht er über diese Transformation, die damit verbundene Verantwortung, die das Unternehmen trägt, und den Mut, den es braucht, um alte Pfade zu verlassen.
Linz, Mozartkreuzung. Einen Tag vor unserem Interview sehen wir Leonhard Schitter mit dem Fahrrad durch die Innenstadt fahren. Als wir den CEO rund 24 Stunden später im Energie AG Power Tower darauf ansprechen, muss er schmunzeln. Auf einen persönlichen Chauffeur verzichte er weitestgehend. Zu Terminen außerhalb, etwa in Wien, öffentlich anreisen? Für ihn ganz normal. Diese Einstellung passt perfekt zum neuen Bild des Konzerns, der unter seiner Führung einen Wandel durchläuft, der nicht ungesehen bleibt. „Wenn man Verantwortung für ein so großes Unternehmen tragen darf, muss man klar zeigen, dass es einem ernst ist“, erklärt Schitter. „Das muss aus dem tiefsten Herzen kommen. Es geht nicht nur darum, wirtschaftlich noch erfolgreicher zu werden, sondern darum, jene Verantwortung zu übernehmen, die wir als Landesenergieversorger zu tragen haben.“
Der Countdown läuft
„In den vergangenen zweieinhalb Jahren haben wir uns sowohl strategisch als auch inhaltlich neu aufgestellt.“ Das Herzstück dieser Neuausrichtung: die Strategie „LOOP“ mit dem ambitionierten Ziel, bis 2035 klimaneutral zu sein. „Nicht bis 2040 – das österreichische Ziel. Auch nicht bis 2050 – das europäische Ziel. Nein, wir bekennen uns klar zur Klimaneutralität bis 2035“, betont der CEO mit Nachdruck. Woher diese Eile, bleibt wohl eine Frage rhetorischer Natur. „Erstens, weil wir Impulsgeberin sein müssen und sein wollen. Und zweitens,weil uns schlichtweg nicht mehr so viel Zeit bleibt.“ Diese Dringlichkeit spiegelt sich in den massiven Investitionen wider, die das Unternehmen plant: vier Milliarden Euro fließen bis 2035 in neue Pro-jekte. „Davon zwei Milliarden in den Ausbau erneuerbarer Energien sowie zwei Milliarden in den Ausbau der Netze und Speicher.“
Damit sollen zusätzlich 1,2 Terawattstunden Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden, „genug, um 330.000 oberösterreichische Haushalte zu versorgen, fast die Hälfte aller Haushalte des Bundeslandes“. Für ihn sind die strategischen Schritte, verbunden mit dem neuen Auftritt der Energie AG, maßgeblich, um Veränderung voranzutreiben. „Wir müssen diese Denkweise auch in den Köpfen und Herzen der Menschen verankern.“ Nur gehe das auch damit einher, mit alten Mustern zu brechen – etwa anhand einer „Mars-Kampagne“ vor rund zwei Jahren. „Statt mit Bildern von grünen Wiesen und tiefblauen Seen haben wir mit einer kargen Marslandschaft geworben.“ Die Botschaft dahinter: „Unsere Erde ist nicht erneuerbar, die Energie schon.“
„Wir bauen in Ebensee die grüne Batterie Oberösterreichs“
Eine der zahlreichen Investition ist mit einem Volumen von fast einer halben Milliarde Euro das größte Projekt seit der Gründung: das Pumpspeicherkraftwerk Ebensee. Wie schwer es einem wohl fällt, Entscheidungen in dieser Größenordnung zu treffen, lässt sich von außen nur erahnen. „Natürlich muss man bei dieser finanziellen Tragweite über Jahrzehnte hinweg die Zukunft antizipieren und sorgfältig abwägen. Aber unsere Überzeugung war von Anfang an klar: Nicht zaudern oder lang reden … Tun!“ Schitters Einstellung kommt nicht von ungefähr. „Es ist völlig klar, dass vor allem die nachkommenden Generationen diese Überlappung verschiedener Krisen und Kriegszustände bewegt. Da gibt es viel an Bedenken, Sorgen und Ängsten. Von der Teuerung über Themen wie Demokratie bis hin zur Frage: Ist unser Leben in Zukunft überhaupt so noch möglich, weil sich das Klima verändert?“ Es sei erkennbar, dass junge Menschen zunehmend ihren Ausgleich in Humor und Entertainment suchen. „Daher setzt unsere neue Kampagne auf einen humorvollen, lockeren Ansatz, der die Modernität, Offenheit und unseren Weitblick symbolisiert.“ Ziel sei es, nachkommende Generationen auf Augenhöhe abzuholen. „Daher rufen wir für junge Leute einen ‚Feel Good Energie‘-Tarif mit Preisgarantie ins Leben.“ Doch es gehe auch darum, Worten Taten folgen zu lassen. „Wir schaffen eine fossilfreie Zukunft für unsere Kinder. Das ist der Purpose, unser Nordstern, an dem sich das Unternehmen ausrichtet“, erklärt der CEO. „Wer daran mitarbeitet – und das muss unser aller Ziel sein –, gestaltet die Lebensumstände von morgen und damit das eigene Lebensumfeld. Was kann es Schöneres geben als diese Aufgabe?“_
Redaktion
- David Bauer
Fotos
Antje Wolm
