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Der rotweißrot gestreifte Windsack wirbelt durch
die Luft, als wolle er sich losreißen und das Wei-
te suchen. Es gelingt ihm nicht. Da geht es ihm
ähnlich wie uns. „Ach“, sagt Andreas Ogger und
schmunzelt, „Flüge bei schwierigen Windverhält-
nissen, das sind Flüge, die Spaß machen.“ In der
Finanzwelt sei das ähnlich. „Mein Finanz-Know-
how habe ich durch die Praxis bekommen – vor
allem die 20 Verlustjahre waren turbulent und am
wertvollsten.“ Heute sieht Ogger diese Verluste
als kostbares Lehrgeld, denn „dadurch habe er die
für den Aufbau finanzieller Fülle unverzichtbaren
Leitlinien, Strategien und Kennzahlen kennen-
gelernt – und wichtige Mentoren obendrein“.
Er stellt seinen Rucksack ab und holt eine kleine
Text Susanna Wurm
Foto Mario Riener
gelbe Mappe heraus – die Checkliste fürs Fliegen,
wie er auf unseren fragenden Blick hin erklärt.
GELASSEN STARTEN
Bis auf den Wind ist es ruhig am Flugplatz in
Gmunden. Nur der Flieger von Andreas Ogger
steht hier. Und wartet auf uns. Wirklich auf uns
alle? Haben darin ernsthaft vier Personen Platz?
Ogger bemerkt unsere Skepsis. „Wenn du ein
paar Grundregeln einhältst, ist man recht sicher
unterwegs. Das ist beim Fliegen ähnlich wie in
der Finanzwelt.“ Eine der wichtigsten Grundre-
geln: Starte nie ohne Plan und Checkliste. Denn
wenn viele Dinge gleichzeitig passieren – und das
tun sie in der Finanzwelt ebenso wie in der Luft –,
dann braucht es eine Struktur, die einem auch in
stürmischen Zeiten Orientierung gibt. Wie geht
man also mit Situationen um, die einen völlig
unvorhergesehen treffen – etwa eine Coronakri-
se? Ogger überlegt nicht lange: „Wenn es beim
Fliegen aussichtslos erscheint, dann sollte man
die Demut haben umzudrehen.“ In der Finanz-
welt sei das ähnlich: „Es gibt Faktoren, die ich
beeinflussen kann. Die beiden wichtigsten defi-
nieren, wer ich als Investor bin und wie plausibel
eine Wertschöpfungskette ist; daraus leitet sich
dann ab, wie ich ein Investment prüfe und ob es
für mich geeignet ist. Gewusst wie, ist das nicht
schwer und macht nur wenige Punkte auf einer
Checkliste aus.“
Diese beeinflussbaren Faktoren würden das Port-
folio so solide aufstellen, dass im besten Fall die un-
erwarteten Faktoren, die man nicht beeinflussen
kann (wie Pandemien, Crashs, Währungsrefor-
men oder starke Inflation), keinen nachhaltigen
Schaden verursachen. „Und wenn ein Investment
das nicht aushält, ist es das falsche. Da sollte ich
nicht Recht haben wollen, sondern den Verlust
realisieren und daraus lernen – wie nach einer
Umkehrkurve in den Bergen, wenn ich mich ver-
flogen habe.“ Andreas Ogger geht alle Punkte auf
der Flieger-Checkliste durch und macht Häk-
chen. Die Sonne strahlt, die Wolken am Himmel
tun nichts zur Sache, „weil wir sowieso unter der
Wolkengrenze fliegen, sonst haben wir ja nichts
von der herrlichen Landschaft unter uns“, erklärt
er. Der Wind ist immer noch da, das mulmige
Gefühl auch. Aber jetzt gibt’s kein Zurück. Wir
rollen auf die Piste, Richtung 260 Grad. 30 Jahre
sei die Maschine alt und 30 Jahre sei nichts pas-
siert, wir sollten uns entspannen. Ogger drückt
auf ein paar Knöpfe, schiebt das Gas rein und
wir heben mit Leichtigkeit ab; nur das Gefühl
von Leichtigkeit stellt sich nicht auf Knopfdruck
ein.
SCHRITT 1:
ERST DIE
WOHLSTANDSBILDUNG…
20 Jahre als lehrreiche Verlustzeit hinzunehmen,
muss das sein? Wie kommt man auf günstige-