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Text Katharina Anna Ecker
Foto Oona Horx:
Klaus Vyhnalek;
Maximilianhof:
Mario Riener;
Freimüller-Söllinger:
Andrea Ehrenreich;
Wohnprojekt Wien:
Birgit Reiter;
Scheuringer:Josko
Illu Gettyimages
„Ich wohne in einer kleinen Stadt inmitten von
Wien.“ „Ich lebe alleine in einer Gemeinschaft.“
„Ich bin ein 20-jähriger Student und mein Mit-
bewohner ist 75.“ „Ich wohne mit meiner Familie
in einem Gebäude, wo es Büroräume, Einkaufsmög-
lichkeiten, Gastronomie und einen Kindergarten
gibt.“ „Ich ziehe alle 15 Jahre um.“ „Wir arbeiten
den Sommer über von unserer Eigentumswohnung
aus, welche sich in einem Hotel am See befindet.“
Hallo, spricht hier die Zukunft? Vermutlich. In
einigen Beispielen flüstert bereits die Gegenwart.
Leise, aber bestimmt. „Wie wir wohnen, spiegelt
unseren Zeitgeist wider“, sagt Zukunftsforscherin
Oona Horx-Strathern. Es zeigt also, wie wir den-
ken und fühlen. Welche Bedürfnisse wir haben.
Welche Ängste, Nöte, Wünsche und Freuden
uns beschäftigen. Und wie wir darauf reagieren.
Unseren Rückzugsort wählen und gestalten. Und
verändern.
(R)URBANISIERUNG
Seit Jahrzehnten gilt Urbanisierung als weltwei-
tes Phänomen. Der Run auf die großen Städte
ist ein Megatrend, der laut Horx-Strathern ge-
meinsam mit den Megatrends Individualisie-
rung und Mobilität großen Einfluss auf Wohn-
trends hat. Oder hatte? Denn „Megatrends sind
ein lebendiges System, das sich verändert und
ausbreitet. Manche Trends werden in verschie-
denen Phasen wichtiger, andere treten zurück“,
so Horx-Strathern. Die aktuelle Krise habe „die
Urbanisierung nun schwer in Frage gestellt und
zu einer ‚Rurbanisierung‘ (Anm.: rural, ländlich)
geführt“. Mehr Ruhe und Rückzug sind zwar
schon seit Anbruch des digitalen Zeitalters wie-
der vermehrt zum Bedürfnis geworden. Doch
die Coronakrise habe den Trend „Raus aus der
Stadt!“ klar bestärkt, weiß Architektin Freimül-
ler-Söllinger: „Die Preise stadtnaher oder gut an-
gebundener Liegenschaften steigen, der Wunsch
nach privatem Garten, Terrasse oder Balkon
ist erheblich größer geworden. Auch längere
Arbeits- und Schulwege werden dafür in Kauf
genommen.“ Eine Entwicklung, die man auch
in Altmünster am Traunsee am Maximilianhof
beobachtet. „Die Immobiliennachfrage in unse-
rer Region war vorher schon gut, hat sich aber
durch Corona noch einmal etwas verstärkt“, so
Immobilien-Projektentwickler Gesswein. Vor
allem in der Sparte der Luxussegmente, die im
oberösterreichischen Seengebiet und im Raum
Kitzbühel von Gesswein und Spiessberger be-
treut werden, merke man „eine verstärkte Nach-
frage nach Luxusimmobilien als Zweitwohnsitz
oder Feriendomizil seit Corona“, sagt Gesswein.
Der stärkere Zuzug von Menschen und Fami-
lien, die ihren Haupt- oder Nebenwohnsitz in
die ländlichen Regionen oder kleineren Städte
des Salzkammerguts verlegen und in die Bal-
lungszentren pendeln, sei schon länger spürbar.
Spiessberger meint dazu: „Die Distanzen sind
über die Jahre gefühlt kleiner geworden. In 30
bis 40 Minuten ist man von hier in Linz oder
Salzburg, das ist ein normaler Arbeitsweg. Das
Leben ist ruhiger hier und die Uhren ticken
langsamer, das hat mehr Wohnqualität.“ Viele
Wiener und andere Städter, die in der Seenre-
gion einen Zweitwohnsitz besitzen, haben den
Lockdown hier verbracht. „Da hat man als Wie-
ner einen wesentlichen Vorteil, wenn man in
einer globalen Gesundheitskrise auf das Land
ausweichen kann“, sagt Spiessberger.
IM WANDEL
Also Kartons packen und raus aus der Stadt?
Nicht unbedingt. Denn laut Horx-Strathern ist
im Lockdown das Bewusstsein entstanden, dass
Städte auch anders sein können. „Die Krise hat
den Klimawandel und das Thema Ökologie noch
mehr in den Vordergrund gerückt, als es vorher
mit der Bewegung ‚Fridays for Future‘ schon ge-
schehen ist. Wir haben erfahren, wie es ist, in
einer ruhigen, sauberen Stadt zu leben. Wir wis-
sen nun, dass wir Einfluss darauf haben. Hier
bieten sich nun große Chancen, die Zukunft der
Städte konstruktiv mitzugestalten.“ Doch nicht
nur das: Die Krise habe uns laut Horx-Strathern
auch dazu gebracht, das eigene Zuhause, Ge-
meinschaften und Beziehungen zu überdenken.
„Wir wohnen bewusster und werden uns künf-
tig mehr auf jene Menschen konzentrieren, zu
denen wir eine gute Beziehung haben, und all-
tägliche Dinge in unserem Umfeld mehr schät-
zen und respektieren.“ Respekt vor den Ressour-
cen von Mutter Erde ist für Freimüller-Söllinger
ein entscheidendes Nachhaltigkeitsziel für die
Städte von morgen: „Die klimarelevanten Pro-
bleme wie Bodenverbrauch, Versiegelung, Be-
wirtschaftung, Luft- und Wasserverschmutzung
sowie Müll müssen dringend gelöst werden. Wir
haben die Verpflichtung, für die nächsten Gene-
rationen eine bessere Lebensqualität in Städten
zu garantieren.“ Eine Herausforderung, die uns
noch über die nächsten Generationen begleiten
wird.
Bodenverbrauch und Versiegelung sind aber
nicht nur in der Großstadt ein Thema: Sie
werden auch zunehmend in ländlichen Regio-
nen und kleineren Städten zum Problem. „Wir
sind Feinde von sturer Flächenversiegelung,