Von 166 auf 5.000

Vor 20 Jahren gab es 166 Studierende an der FH Oberösterreich. Heute ist die Hochschuleinrichtung mit mehr als 5.000 Studierenden und rund 11.900 Absolventen die größte und in Forschung und Entwicklung erfolgreichste Fachhochschule in Österreich. Gerald Reisinger verfolgt als Geschäftsführer seit zehn Jahren das Ziel, international an der Hochschulspitze zu sein. Beim Interview am Standort Wels verrät er, wie es gelingt, Absolventen auszubilden, die in der Wirtschaft als Mitarbeiter höchst begehrt sind.

Ab Herbst 2015 sind es 58 Studiengänge, die an der FH OÖ angeboten werden – darunter zukunftsweisende Fächer wie Sustainable Energy, Information Security, Lebensmitteltechnologie und Ernährung sowie Global Sales. Die Einführung neuer Studiengänge ist also die Antwort auf die Frage: Was braucht die Wirtschaft? Die Absolventen der Fachhochschule sind damit als Mitarbeiter so gefragt wie noch nie. Eine aktuelle Spectra-Umfrage bei 200 Unternehmen zeigt: Zwei von drei Unternehmen beschäftigen mittlerweile Alumni der FH OÖ. Nicht nur Jobmotor, sondern auch Innovationsmotor soll die Hochschuleinrichtung für Oberösterreich sein – seit deren Bestehen hat das Land rund 269 Millionen Euro investiert. „Jeder investierte Euro hat sich gelohnt“, sagt Bildungslandesrätin Doris Hummer. Das beweist auch eine Studie von Friedrich Schneider, Professor an der JKU: Der zusätzli- che Wertschöpfungseffekt am regionalen Bruttoinlandsprodukt betrug im Jahr 2013 rund 150 Millionen Euro. In Österreich zählt die FH OÖ somit längst zur Elite. Geschäftsführer Gerald Reisinger gibt sich damit aber noch lange nicht zufrieden: „In bestimmten Kompetenzfeldern nehmen wir in Europa sowohl in der Lehre als auch in der Forschung eine Spitzenposition ein. Und diese möchten wir auch auf internationaler Ebene ausbauen“, sagt er. Wir treffen uns mit ihm am FH Campus in Wels.

Die FH OÖ feiert ihr 20-jähriges Jubiläum, Sie selbst sind bereits zehn Jahre Geschäftsführer. Was haben Sie sich damals 2004 zum Ziel gesetzt – wie geht es Ihnen mit der Umsetzung?

Im Wesentlichen waren es zwei Ziele: Ers- tens die FH OÖ zu einer führenden Marke in Österreich zu machen – das haben wir erreicht. Und zweitens, die damals sehr heterogene Struktur der FH OÖ zusammenzuführen. Das haben wir in zwei Schritten gemacht. Zuerst haben wir die Fakultäten gebildet und die Studiengänge thematisch innerhalb der Fakultät zusammengeführt. Im nächsten Schritt führen wir die Fakultäten zu einer einheitlichen FH OÖ zusammen – da sind wir auch auf einem sehr guten Weg.

Welche Ideen sollen als nächstes umgesetzt werden?

Das stetig erweiterte Angebot an Studiengängen macht einen Ausbau der Infrastruktur dringend notwendig. In Hagenberg haben wir bereits gebaut, nun folgen Steyr und Wels. Das zweite Thema ist die Internationalisierung. Den Blickwinkel der Studierenden zu öffnen und zu erweitern, das ist aus meiner Sicht auch Teil des Bildungsauftrages, den wir als FH OÖ haben.

Setzen Sie dabei direkt im Studienplan an?

Ja, die Werkzeuge dafür sind das Angebot an englischsprachigen Lehrveranstaltungen. Wir schaffen es derzeit in jedem Studiengang jedem Studenten zumindest ein Semester in englischer Sprache zu ermöglichen. Darüber hinaus bauen wir konsequent die Anzahl der rein englischen Studiengänge aus. Und dann gehört natürlich noch dazu, den englischen Studiengang weltweit zu vermarkten.

Die Qualität einer Hochschule hängt sehr stark von eben diesem Lehrpersonal ab. Wie garantieren Sie diese Qualität?

Wir haben einerseits einen sehr gut strukturierten Aufnahmeprozess, bei dem auch die Personalleiterin stark eingebunden wird, um vor allem auch auf die soziale Kompetenz der Interessenten zu achten. Wenn die Kommission nämlich ausschließlich fachlich ausgerichtet ist, dann bekommt man Leute, die zwar die 27. Ableitung einer Formel auf die Tafel zaubern können, die aber den umfassenden Bildungsauftrag gegenüber den Studierenden aus den Augen verlieren. Es geht jedoch nicht nur um die Auswahl des Personals, sondern vor allem um die permanente Weiterentwicklung – auch in den Soft-Facts.

Was ist die Aufgabe einer FH im Vergleich zur Uni?

Ich glaube, dass die Grenzen zunehmend verschwimmen werden. Der wesentliche Unterschied liegt in der Persönlichkeit der Studierenden. Manche brauchen im Übergang von der Sekundar- zur Tertiärstufe einen geregelten Ablauf, andere wollen alles alleine gestalten. Der Vorteil des heterogenen Systems ist, dass beide Möglichkeiten offeriert werden. In der Forschung werden wir industrienäher bleiben als die Unis. Die Aufgabe der Unis ist die Grundlagenforschung – sich also mit den Dingen zu beschäftigen, die in 15 bis 20 Jahren relevant sind. Unsere ist es, sich mit jenen Dingen zu beschäftigen, die in den nächsten fünf Jahren von Bedeutung sind. Unser System ist darauf ausgelegt, sehr eng mit der Wirtschaft vernetzt zu sein.

Wie kann man als Maturant die Entscheidung „FH oder Uni“ bestmöglich treffen?

Der Übergang von der Schule zur FH ist tendenziell sanfter als zur Uni. Wir sehen, dass es exzellente Leute gibt, für die der Bruch zwischen Schule und Uni zu radikal ist. Und wenn man sich die führenden Unis weltweit ansieht, dann erkennt man, dass diese ein strafferes, stärker strukturiertes System haben als die Unis im deutschsprachigen Raum. Und außerdem, spätestens nach dem Auslandssemester oder Pflichtpraktikum kommt die Selbstständigkeit sowieso ganz von allein. Grundsätzlich kann ich Folgendes raten: Wer sich dazu entschieden hat, in der Wirtschaft zu arbeiten, dem empfehle ich die FH – wir führen unsere Studierenden eher auf einen Job in der Wirtschaft hin als die Unis das tun. Geisteswissenschaften und Ähnliches wären hingegen nicht unser Thema. Wir brauchen beide Qualifikationen als Gesellschaft in Summe.

Die Zeit wird immer schnelllebiger – kann da ein Lehrplan überhaupt mithalten? Ist das, was man heute lernt, morgen noch gültig?

Der Veränderungsprozess läuft permanent. Im Bereich IT ist das ganz offensichtlich: Die Programmiersprache, die wir den Studierenden vor 20 Jahren beigebracht haben, mit der holen wir heute keinen mehr vom Ofen hervor. Im Wirtschaftsbereich laufen diese Entwicklungszyklen etwas langsamer. In der Technik hingegen geht es Schlag auf Schlag, in anderen Bereichen schleichend. Ich denke, wir haben ein ganz vernünftiges System eines ständigen Anpassungsprozesses der Lehrinhalte. Der permanente Rückfluss aus den aktuellen Anforderungen der Wirtschaft und Industrie an die Lehre kommt uns da wieder zugute.

Als Geschäftsführer treffen Sie ständig tragende Entscheidungen. Welche dieser Entscheidungen war im Laufe der zehn Jahre besonders prägend?

2005/2006 haben wir die Grundsatzentscheidung getroffen, ein Top-Player im Sektor zu werden und kompromisslos auf Qualität zu setzen. Da standen wir vor der Entscheidung: flächendeckende Ausbildung oder High-End-Bereich? Wir haben uns für Letzteres entschieden und nun steigen und steigen unsere Qualitätsansprüche konsequent. Mittlerweile können wir uns international messen.

Der Vorwurf, Hochschulen seien zu verschult, wird immer wieder laut. Wie reagieren Sie darauf?

Worin liegt das Problem, verschult zu sein, frage ich mich! Ausbildung und Bildung erfolgen ja in einem nicht unwesentlichen Teil in der Interaktion. Universitäten wie jene in Cambridge oder Oxford sind deshalb so gut, weil sie kleine Gruppen an Studierenden haben, die ständig mit den Professoren und Kollegen interagieren. Wenn ich also auf Qualität setze, dann brauche ich Strukturen und einen Rahmen, wo diese Interaktion stattfinden kann. Logischerweise kommt dann der Vorwurf, das sei ein verschultes System – das als schlecht abzutun, sehe ich sehr kritisch. Natürlich hat es – vor allem für mich als Budgetverantwortlichen – einen Reiz, die Studierenden in organisatorischen Themenstellungen weitestgehend sich selbst zu überlassen. Aber ich glaube, dass es langfristig zu einem Wettkampf um die besten Studierenden kommen wird. Das bedeutet für mich als Organisation, dass ich den Studierenden einen gewissen Servicegrad bieten muss - sonst bekomme ich nicht die richtigen Studierenden.

Wer sind die richtigen Studierenden?

Wir sind – das ist der Vorteil unseres Systems – in der glücklichen Lage, ein Aufnahmeverfahren im Vorfeld durchführen zu können. Das ist bei uns relativ ausgefeilt, es geht vom Lebenslauf über die Zeugnisanalyse bis hin zum persönlichen Gespräch. Wobei es mir wichtig ist, dass der Schwerpunkt am persönlichen Gespräch liegt. Denn wenn ich an meine Maturaklasse denke, (schmunzelt) dann sind es nicht unbedingt jene mit den besten Zeugnissen, die am weitesten gekommen sind. Das Wichtigste ist die Begeisterung für das Themenfeld. Wer persönlich motiviert ist und Freude am Studium hat, der wird automatisch gut sein. Das ist viel entscheidender als irgendwelche Kennzahlen.

Ihre beiden Töchter sind mittlerweile 29 und 26 Jahre alt. Was haben Sie ihnen nach der letzten Schulstufe geraten?

Ich habe beiden Töchtern ein Jahr lang freien Lauf gegeben. In diesem Jahr konnten sie studieren und ausprobieren, wozu sie Lust hatten – ohne dass ich sie je nach ihrem Studienerfolg gefragt habe. Aber nach diesem einen Jahr sollten sie sich für eine Richtung entscheiden. Das ist bei beiden gut aufgegangen und das kann ich nur allen Eltern raten. Nur wenn du ungefähr das Gefühl hast, worum es in dem Studium wirklich geht, kannst du abschätzen, ob es das Richtige für dich ist.

Sie selbst haben an der JKU Jus studiert. Würden Sie sich heute wieder dazu entscheiden?

Physik und Mathematik waren meine Lieblingsfächer in der Schule. Ein Physikstudium hätte mich demnach natürlich schon gereizt, mein Herz würde wahrscheinlich an Astronomie hängen – dazu gab es aber weder die finanziellen Mittel noch wollte ich meiner Frau und meinem Kind zumuten, mit der Studienbeihilfe auszukommen. Die Entscheidung fiel daher Richtung Jus, weil ich dieses Studium berufsbegleitend machen konnte. Außerdem konnte ich es in meinem damaligen Job im Bundesdienst beim Bundesheer gut brauchen.

Wie gut können Sie es heute noch brauchen?

Die Fähigkeit, an Problemstellungen heranzugehen, zu analysieren, unkonventionelle Lösungswege ins Auge zu fassen, zu improvisieren – das alles gehört zu den wesentlichen Dingen, die ich mir von der Uni mitgenommen habe – natürlich auch ein grundlegendes Verständnis für Recht. Die Art und Weise, wie man an Problemstellungen herangeht, ist in Wahrheit das, was du in jeder Führungsaufgabe brauchst. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist man im Führungsjob nicht mehr in der Lage, in jedem fachlichen Bereich besser zu sein als die Mitarbeiter. Aber das Gespür zu haben, wo es zwickt und welche Auswirkungen die Lösung des Problems auf das Umfeld hat, darauf kommt es dann an.

Die FH OÖ in Zahlen

Absolventen je Fakultät

4.027

Fakultät für Informatik, Kommunikation und Medien / Hagenberg

1.547

Fakultät für Gesundheit und Soziales / Linz

2.865

Fakultät für Management / Steyr

3.483

Fakultät für Technik und Umweltwissenschaften / Wels

gedanken.

Gerald Reisinger

Eine Studienrichtung, die es noch nicht gibt, die aber sinnvoll wäre

Interkulturalität

Das Leben hat mich gelehrt

Entscheide erst, wenn du die andere Seite kennen gelernt hast.

Ein Macher ist für mich

jemand, der Dinge weiterbringt, aber dabei sein Umfeld nicht aus den Augen verliert.

Drei Eigenschaften, die mich ausmachen

Toleranz, Zielstrebigkeit, Sensibilität

Ein verborgenes Talent

Billard spielen. Zumindest von den Talenten, die ich offen zugeben kann. (lacht)

Eine Studienrichtung, die ich nicht bestehen würde

Chemie. Dem Professor ist es in der Unterstufe gelungen, mir jede Freude und jedes Interesse an diesem Thema auszutreiben. Und damit fehlen mir einfach die Basiskenntnisse.

Wie man merkt, dass ich verärgert bin

Wenn ich wirklich sauer bin, dann ziehe ich mich zurück. Das gibt mir die Möglichkeit, Dinge strukturiert zu überlegen - so läuft man nicht Gefahr, aus der Emotionalität heraus Dinge zu sagen, die man später bereut.

Ein typischer Oberösterreicher ist

bodenständig, hat eine hohe Identität mit dem Land und steht zu dem was er sagt.

Sind Sie ein typischer Oöer?

Ah ja (schmunzelt).

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