Eine Symbiose aus Büro und Fertigungshalle

Jahrhundertelang träumten Alchemisten davon, unedle Metalle in Gold zu verwandeln. Auch Rubble Master kann das nicht. Dafür verwandelt das High-Tech- Unternehmen immerhin Schutt zu Geld - durch mobile Recycling-Maschinen für die Wiederverwendung von Baumaterialien. Die Zentrale des Weltmarktführers in Linz-Pichling ist eine einzigartige Kombination aus Produktionshalle und Bürogebäude. Kein Wunder: Eine Passion des Gründers Gerald Hanisch ist die Architektur.

Die Frau hinter dem metallisch glänzenden Empfangstresen lächelt freundlich. Hinter ihr – getrennt durch eine rauch- und brandsichere Glasfassade - lauert ein gewaltiges grau-gelbes Monster. Wir sind nicht etwa zu Besuch in einem neuartigen Zoo und betrachten eine verstörende Kreuzung aus Elefant und Tiger. Im Firmengebäude von Rubble Master trennen nur wenige Schritte die Büroräume von der Montagehalle. Auf der einen Seite wird getippt, entwickelt und kalkuliert, auf der anderen Seite fliegen die Funken, Motoren werden eingebaut und Gabelstapler flitzen herum. Das Monster ist eine 29 Tonnen schwere Maschine, die Schutt, Asphalt oder Betonabbruch gezielt zu Baustoffen wiederverwerten kann. Aus solchen Baustoffen ist auch die Firmenzentrale gebaut. „Wir produzieren ein grünes Produkt für eine grüne Industrie in einem grünen Gebäude“, sagt Firmengründer Gerald Hanisch. Man habe deswegen versucht, den Bau möglichst ökologisch anzulegen. Das Fundament unter der Zentrale besteht etwa aus recyceltem Beton. „Wenn man das Gebäude abreißen wollte, würde das auch sehr unkompliziert gehen“, erzählt Hanisch. Das ist in nächster Zeit aber natürlich nicht geplant.

"Die Offenheit ist uns wichtig - sie ist ein Spiegel unserer Unternehmenskultur"

Gerald Hanisch

Eine gelbe Rampe im Eingangsbereich, die wir für ein Dekorationselement gehalten haben, entpuppt sich als zentraler Gang durch das Gebäude. „Die Rampe ist ein wichtiges Element. Die Idee war es, mit nur einem Weg durch das Gebäude gehen zu können und so alles mitzubekommen“, sagt Hanisch. Dass sie gelb ist, ist kein Zufall. Anthrazit-Grau und Gelb sind die Unternehmensfarben und dominieren im ganzen Gebäude, sogar Hanisch trägt einen dunkelgrauen Anzug. Anfangs gab es gegen die Rampe noch Widerstände, erinnert er sich. Architekten lehnten seine Idee ab, wollten sie ihm ausreden. Doch der 54-Jährige setzte sich durch. 1991 gründete Hanisch Rubble Master als Ein-Mann-Unternehmer. Seine Ambition: Eines Tages den Markt für Brechanlagen mit sogenannten Compact Recyclern zu beherrschen. Mittlerweile erwirtschaften 110 Rubble Master-Mitarbeiter einen Jahresumsatz von 37 Millionen Euro. Mehr als 90 Prozent der Maschinen werden ins Ausland exportiert, ein Viertel des Umsatzes entfällt auf den nord- und südamerikanischen Markt. Man ist Weltmarktführer – und stolz darauf. Gleich neben dem Eingang befindet sich die „Hall of Fame“, ein Raum, in dem den Besuchern zahlreiche Preise und Auszeichnungen präsentiert werden. Und im Entwickler-Büro pinnen zahlreiche Medienberichte über die jüngsten Erfolge der Firma.

Offenheit und Transparenz als Spiegelbild

In vielen großen Unternehmen liegen zwischen dem Bürobereich und den Fertigungshallen Welten. Dass hinge- gen die Marketing- und Rechnungswesen-Experten bei Rubble Master den Bezug zum Produkt verlieren, ist unwahrscheinlich. Bei Besprechungen im zweiten Stock an den Stehtischen blickt man durch ein dickes F30-Rauch- und Brandschutzglas genau in die Werkshalle, kann die Arbeiter beobachten, wie sie an den gewaltigen Maschinen schrauben. Das funktioniert umgekehrt genauso: Auch die Mechaniker haben die Büros immer im Blick. „Diese Offenheit ist uns wichtig – sie ist ein Spiegelbild der Unternehmenskultur“, sagt Hanisch. In der Cafeteria speisen Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Firmenbereichen zur selben Zeit und können sich dabei austauschen. Cafeteria – das ist fast ein Understatement für eine Kantine, die eher einem urbanen Szene-Lokal gleicht. In die Wand wurden Sitzflächen aus kariertem Leder integriert – ein gezielter Stilbruch, erklärt uns Hanisch. Wie in vielen anderen Räumen dominiert ansonsten auch hier Sichtbeton. Eigentlich gibt es hierzulande keine Tradition für nicht verputzten Beton als Gestaltungselement. „Es war deswegen schwer, dabei eine hohe Qualität zu bekommen“, sagt Hanisch, der die Arbeiter auf der Baustelle akribisch überprüfte und mit „zahlreichen Bierkisten“ motivierte. Überhaupt scheint im Gebäude nichts dem Zufall überlassen. Aus dem technischen Boden lassen sich Kabel herausziehen, die Technik wird nicht verschleiert. „Die Räume bieten optimale Bedingungen und einige Inszenierungen zeigen einen kreativen Appeal“, sagt der Geschäftsführer. Eine Mini-Küche im zweiten Stock in Gelb (wie könnte es anders sein) lässt sich bei Bedarf durch eine grau-glänzende Bedeckung in eine unscheinbare Ablagefläche umwandeln. Die meisten Möbelelemente funktionieren nach dem modularen Prinzip, können bei Bedarf jederzeit umgestellt werden. Jeden Raum, jeden Gang, scheinbar jeden Zentimeter kann Hanisch fachkundig kommentieren. Seit seiner Jugend beschäftigt er sich intensiv mit Architektur, besonders faszinierte ihn damals die Bauhaus-Bewegung. Kein Wunder, dass sich ihre Merkmale an zahlreichen Stellen im Haus wiederfinden. Obwohl Hanisch keine architektonische Ausbil- dung hat, sitzt er im Vorstand des ober- österreichischen Architekten-Forums. „Das Wissen und Know-How über Architektur im eigenen Unternehmen umzusetzen, ist eine ziemlich tolle, aber auch fordernde Aufgabe“, sagt er. 2012 wurde Rubble Master für den Architekturpreis „Daidalos“ in der Kategorie „Arbeitswelten“ nominiert.

Das Gebäude als Symbol

Die Firmenzentrale ist viel mehr als nur die Verwirklichung eines persönlichen Traums des Geschäftsführers. 2007 und 2008 erlebte Rubble Masters einen enormen Aufschwung, der Altbau, in den man 2002 eingezogen ist, reichte nicht mehr aus. Die Vision der neuen Halle stand damals für einen großen Wachstumsschritt, für einen Aufbruch in eine neue Ära. Doch als Anfang 2009 gebaut wird, bricht der Markt in der Krise völlig zusammen. „Plötzlich war alles obsolet, jeder hat gesagt, das neue Gebäude sei völlig sinnlos“, erinnert sich Hanisch. Doch die moderne Zentrale gibt den Mitar- beitern Vertrauen, sie symbolisiert den Glauben an die Zukunft. Seit drei Jahren boomt das Geschäft wieder. Heute ist Rubble Master als Vorzeigebetrieb nicht nur Ziel für zahlreiche Exkursionen aus dem In- und Ausland. Parallel zum täglichen Arbeitsprozess finden regelmäßig Workshops statt, musi- kalische Werke werden präsentiert. Ein Klassiker ist das jährliche Cart- Rennen in der Fertigungshalle, bei der sich Vertriebs-Mitarbeiter und Kunden aus der ganzen Welt miteinander mes- sen. Hanisch selbst findet nach eigenen Angaben jeden Tag wieder etwas Neues, das ihn an der Firmenzentrale fasziniert. Und: „Das Gebäude hält die grauen Zellen wach, und das ist das Beste, was man über ein Gebäude sagen kann“._

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